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Das Bild Afrikas

Der »dunkle« Kontinent

Dass die Vorstellungen von Afrika meist schief bis falsch sind, liegt auf der Hand. Dass Reisebuchautoren gerne die falschen Vorstellungen bedienen, um ihre Bücher verkaufen zu können, ist ebenfalls klar. Aber wieso erscheint ausgerechnet Afrika als Dunkler, Schwarzer Kontinent? Noch im 18. Jahrhundert spöttelte Jonathan Swift (1667 - 1745) über die Afrika-Karten seiner Zeit:

„Die Afrika-Geographie
ist Lückenfüller-Phantasie.
Wo man nichts einzutragen fand,
erscheint ein wilder Elefant.“

Wer nicht auf eigene Reiseerfahrungen zurückgreifen kann, ist auf die Medien angewiesen. Das Bild von Afrika wächst heran über Kinderbücher (Zehn kleine Negerlein), Abenteuerbücher und Filme (Tarzan) und so fort. Die ernsthafte Berichterstattung ist rar und stellt meist ab auf medienwirksame Themen. Dann ist Afrika ist ein Kontinent der Katastrophen: Vetternwirtschaft, Korruption, Laissez-faire beherrrschen das Bild; die Somalisierung wurde zum festen Begriff: Auflösung der Staatlichkeit, Anarchie, Kriegsherren bedienen sich der Kindersoldaten. Damit einher gehen Mord und Massenmord (Ruanda), Hunger (Sahel) und Seuchen (AIDS und Ebola). Manche sprechen vom Dreißigjährigen Krieg Afrikas. Da kann man nur auf einen „Westfälischen Frieden“ hoffen. Der Südafrikaner Laurens van der Post stellte seinem Buch „Vorstoß ins Innere“ einen Satz von Sir Thomas Brown voraus: „Wir tragen mit uns das Wunderbare, das wir außer uns suchen: es liegen ganz Afrika und alle seine Wunder in uns.“

Reiseberichte erzählen uns daher mindestens genausoviel über den Reisenden wie über die Bereisten. Während in anderen Kontinenten meist gereist wird, führen nach Afrika immer Expeditionen, für Afrika qualifiziert sich eine bestimmte Art von Reisenden und eigentlich sind sie auf irgendeine Art und Weise alle auf der Suche nach den Quellen des Nils. Afrika ist jedenfalls der schwarze Kontinent und birgt dunkle Geheimnisse. Der Afrikaforscher und Journalist Stanley schuf das Wort vom „dunkelsten Afrika“. Dort erwarten den Reisenden „Schwarze Ritter zwischen Niger und Tschad“, „Schwarze Abenteuer“ und „Schwarze Trommeln“ (Buchtitel). 1980, 100 Jahre nach Stanley erscheint ein populäres Sachbuch von Schiffers: „Afrika - Das Bild des dunklen Erdteils, als die Weißen kamen“ (unausgesprochen ist zu ergänzen: … und das Licht brachten). Die dunkelhäutigen Melaniden Indiens und die Ureinwohner Australiens besitzen die gleichen hautschützenden Pigmenten wie die meisten Bewohner Afrikas. Niemand hat deswegen aber je Südindien als „Schwarzindien“ oder Australien als „Dunklen Kontinent“ bezeichnet.

Umgekehrt hat aber auch die helle Haut der Weißen eine Bedeutung in Afrika. Bei vielen afrikanischen Völkern dient traditionell weiße Farbe dazu, um mit Verstorbenen Kontakt aufzunehmen. Mit ihr bemalen Tänzer und Betende ihre Körper, um den guten Ahnengeistern zu gleichen. Der Glaube, daß die im Jenseits lebenden Verstorbenen eine weiße Haut besitzen, rührt daher: zum einen erblaßt die braune Haut Sterbender zusehends, zum anderen kommen Neugeborene hellhäutiger zur Welt, als sie später sind. Dieses Nachdunkeln führen Medizinmänner auf die dunkle Erde und das Einwirken der schwarzen Erdgeister zurück.

Manche Botschaften der Reisebuchautoren zielt aufs Animalische. In den 30er Jahren weilte der Schweizer Mittendorfer „Unter Zwergmenschen und Riesenaffen“; Bernatzik schreibt über: „Typen und Tiere im Sudan“. Schomburgk & Hagenbeck bringen ihr Afrikabild auf den Punkt: „Wild und Wilde im Herzen Afrikas“, Berger stellt 1933 die Alternative: „Schwarz oder weiß. Antlitz und Schicksal des dunklen Erdteils“. Nach so vielen Extremen titelt Alexander Lake 1956 ironisch: „Bestien springen dich an. Die aufsehenerregende Wahrheit über lauernde Bestien und lügende Jäger“.

Nach dem 2. Weltkrieg meint man es gut, wohlwollend werden die Kolonien in die Selbständigkeit entlassen – aber auch, weil sich England und Frankreich die Kolonien nicht mehr leisten können. Deutschland hat es besser, seine Kolonien sind schon seit der Versailler Konferenz nach dem 1. Weltkrieg abhanden gekommen. Das erweist sich nun als Vorteil, man gilt nicht als Kolonialherr und erkauft sich die Sympathie der Dritten Welt durch Entwicklungshilfe.

Dennoch verschwimmen Tier- und Menschenbilder auch noch bei Grzimek: „Wir lebten mit den Baule. Flug ins Schimpansenland“. In den 50-/60er Jahren schlug „Die Stunde des schwarzen Mannes“, „Die Trommeln verstummen“ „Begegnung mit den erwachenden Völkern Ostafrikas“, auch aus der DDR/UdSSR ertönt ein „Guten Morgen, Afrika“, durch Afrika führen „Heiße Pfade“ und „Heisse Straßen“; Grzimek findet „Kein Platz für wilde Tiere“; Gisela Bonn erkundet 1953 die „Neue Welt am Nil“. Forsberg erkundet 1959 das „Land jenseits des Nils - Ein großartiges christliches Abenteuer - Mission unter wilden Stämmen in Äthiopien und dem Sudan“.

Schwarz-weiß-Malerei bedeutet auch, daß Grauwerte verloren gehen. Das Leben ist immer intensiv, schwarz oder weiß, gut oder furchtbar, herrlich oder abstoßend, euphorisierend oder deprimierend. Und meist liegen beide Extreme ganz nah beieinander. Das macht in Afrika das Leben aus. Entweder es regnet, dann gibt es in Hülle und Fülle zu essen. Oder der Regen bleibt aus. Dann hungern Mensch und Tier. Entweder der Boden ist so fruchtbar, daß schon eine weggeworfene Bananenschale genügt, ganze Bananenfarmen anzulegen. Oder die Landschaft ist so rauh, so dürr, so steinig oder trocken, daß alle Bemühungen vergeblich sind, darauf Nahrung anzubauen, und daß selbst die Nomaden mit ihren Herden aus Kamelen und Ziegen die Gegend meiden. Entweder es herrscht Frieden oder Krieg, ein Tyrann oder Basisdemokratie. Zwischenwerte gibt es nicht.

Zu den Quellen des Nils

„Zu den Quellen des Nils zu reisen“ bedeutete über Jahrtausende, Unmögliches zu versuchen. Es bedeutet aber auch, zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren. Ziemlich sicher hat sich der Mensch in Afrika entwickelt und von dort über die Welt verbreitet. Ziemlich sicher folgte er dabei dem Nil entlang seines früheren Laufs durch die trockenen Gebiete des Nordens und erreichte über die Landbrücke des Sinai den eurasischen Kontinent. Ein Tiefenpsychologe könnte die Suche nach den Quellen des Nils sicher vielschichtig als „back to the roots“ deuten.

Alt wie die Geschichte der abendländischen Zivilisation ist auch die Suche nach den Quellen des Nils. Rund 1000 Generationen haben versucht, das Rätsel zu lösen. Nur für die, die an den Quellen lebten, war es nie ein Rätsel. Für sie war die Quellen des Nils aber auch nie Mythos, sondern Alltag. Bereits Herodot, der Vater der Historiographie und Erdkunde, stellte erste Fragen, Aristoteles schrieb eine Abhandlung über das jahreszeitliche Steigen und Fallen des Flusses, und sein Schüler Alexander der Große schickte »äthiopische Männer« aus, um die geheimnisvollen Quellen des Stromes zu suchen.

»… so gibt es doch nichts, was ich lieber kennenlernen möchte, als die so viele Jahrhunderte lang verborgenen Anfänge des Stromes und seiner unbekannten Quellen; man eröffne mir die sichere Aussicht, die Nilquellen zu sehen, und ich will vom Bürgerkrieg ablassen«, sagte Julius Caesar, und ein Jahrhundert später (66 n. Chr.) schickte Kaiser Nero zwei Centurionen auf eine Expedition zu ihrer Entdeckung aus - vergeblich. Immerhin stießen diese in Gegenden vor, die nach ihnen erst wieder 1841 von Europäern betreten wurden. Die meisten Soldaten starben, die Rückkehrer berichteten: „der Nil entspringe in der Hölle, seine Quelle werde von Teufeln bewacht.“

»Caput Nili quaerere« - das Suchen nach der Nilquelle - galt im römischen Reich als Synonym für das Lösen einer unlösbar erscheinenden Aufgabe. Irgendwo tief im Inneren des afrikanischen Kontinents, bei den geheimnisumwitterten Mondbergen, lag der Ursprung des Stroms der Ströme, der Lebensader Ägyptens. Ptolemäus faßte das Wissen seiner Zeit zusammen: der Nil entspringe im ewigen Schnee der Mondberge im Inneren Afrikas; dort lebten Riesen und Zwerge.

Lange wurde der Abay, der Blaue Nil, als der Hauptfluß angesehen und seine Quellen im äthiopischen Hochland nahe dem Tanasee als die »wahren« Quellen des lebenspendenden Stromes. Was lag auch näher, als in dem gebirgigen Land die seit dem Altertum legendären Mondberge zu erblicken. Allerdings sind rund um den Tanasee keine schneebedeckten Berge zu sehen.

Es gilt heute als erwiesen, daß James Bruce nicht der erste Europäer an den Quellen des Blauen Nils war. Schon 1613 stand der Jesuitenpäter Pedro Paez - möglicherweise auch noch einige andere seiner Glaubensbrüder — an diesem Ort, und einige Jahre später wurden die Berichte darüber auch von Balthasar Teliez und Athanasius Kircher publiziert. Doch die Schriften der Jesuiten waren der europäischen Öffentlichkeit nicht allgemein bekannt, denn sie lagen meist verborgen in den Archiven des Ordens. Die portugiesischen Jesuiten hielten sich Jahrzehnte in der damaligen Hauptstadt Gorgora unmittelbar am Nordufer des Tanasees auf, also recht nahe an der Quelle, die der einheimischen Bevölkerung durchaus bekannt war. Man ahnte, daß der Weiße Nil beträchtlich länger sein mochte als der Blaue Nil und somit als der eigentliche Quellfluß anzusehen war. Alle Versuche, nilaufwärts in die unbekannten Regionen vorzustoßen, scheiterten jedoch.

Die Kenntnis von den großen Seen und den mächtigen Bergriesen tief im Süden des Kontinents gelangte erst spät nach Europa. Wer hätte auch vermutet, daß die Quellen des Weißen Nils sogar noch südlich des Äquators zu suchen seien? Schließlich zeigte die Erfahrung, daß es heißer wurde, je südlicher man reiste. Und höhere Hitze bedeutete schließlich auch größere Trockenheit. Wo also sollten die Wassermassen herkommen?

Nun saßen in einer kleinen Station an der Ostküste des Erdteils um die Mitte des vorigen Jahrhunderts deutsche Missionare, die beiden schwäbischen Theologen Johann Ludwig Krapf und Johann Rebmann, und sammelten eifrig alle Nachrichten, die Sklavenhändler, Karawanen und Einheimische aus dem Innern brachten. Immer wieder tauchten dabei Berichte von einem großen See auf, der am Fuße schneebedeckter Berge lag; schließlich veröffentlichte Erhardt auf Grund dieser Berichte sogar eine Karte, die in Europa jedoch meist als Ausgeburt der Phantasie verspottet wurde. Nur zwei Engländer, John Hannig Speke und Francis Burton, nahmen sie ernst. Mit Unterstützung der „Afrikanischen Gesellschaft„ reisten sie zur Ostküste und zogen von da aus auf Karawanenwegen ins Innere, Tatsächlich entdeckten sie 1856 den ersten der großen ostafrikanischen Seen, den Tanganjika. Bei Vermessungsarbeiten erkrankte Burton, Speke aber folgte den Spuren arabischer Berichte und stieß weiter nördlich auf einen noch großeren See, den Ukerewe, oder, wie er später genannt wurde, den Viktoria-Nyansa. Als ihm die Eingeborenen von einem großen Fluß erzählten, der aus dem See nach Norden abfließe, da zögerte der Forscher nicht, ohne sich vom tatsächlichen Vorhandensein dieses Flusses überzeugen zu können –die Wasserfläche des Sees ist immerhin so groß wie Bayern – den Ukerewe als den Quellsee des Nils zu bezeichnend.

Burton behauptete aber das gleiche vom Tanganjika! Um die Richtigkeit seiner Ansichten zu beweisen, blieb Speke nichts anderes übrig, als zusammen mit einem anderen Begleiter, dem Schotten James Grant, erneut von Ostafrika aus in die Seenregion vorzustoßen. Endlich standen sie am Nordufer des Viktoriasees, und vor ihren Augen floß ein breiter Strom nach Norden! (5611 km bis zur Mündung)

Aber auch das genügte Speke noch nicht; sie zogen flußabwärts, bis sie 1863 Gondokoro, einen alten Handelsplatz, erreichten und da ihren Landsmann Samuel Baker trafen, der gemeinsam mit seiner Frau nilaufwärts bis hierher vorgedrungen war. »The Nile is settled« konnte Speke in einem knappen, stolzen Telegramm nach London berichten. Und doch war das Nilrätsel noch nicht endgültig gelöst, denn der Viktoriasee hatte ja auch Zuflüsse. Welcher davon war nun der eigentliche Quellfluß?

Pat Shipman
Mit dem Herzen einer Löwin
Lady Florence Baker und ihre Suche nach den Quellen des Nils
1. Auflage, Aus dem Amerikanischen von Ulrike Frey (To the Heart of the Nile 2004)
München: Malik 2005
Pappband mit Lesebändchen und Umschlag 13 x 21,5 cm
400 Seiten, 52 Textabb., drei Karten 

»Über Florences frühe Kindheit gibt es nur spärliche Aufzeichnungen – sie war einfach schon immer eine geheimnisvolle Frau. … Anstelle schwerfälliger Formulierungen wie „Mag sie gesagt haben“ oder „hat er sich vermutlich gefragt“ habe ich Florence … Gedanken und Worte in den Mund gelegt …«

Anders formuliert: die Menge an Fakten ist hier umgekehrt proportional zum Umfang des Buches. Siebenseitige Anmerkungen, eine achtseitige Biographie sowie Hinweise zu den benutzten Archiven lassen auf eine gründliche Recherche schließen. Gleichwohl liefern die Fakten nur das Skelett für eine Biographie, die sich über weite Strecke der Fiktion bedient. Shipman ist Professorin für Anthropologie und preisgekrönte Autorin, weiß also sehr wohl mit beidem umzugehen. Viele werden das sehr unterhaltsam und spannend finden, doch mein Fall ist das nicht. Der Plot: Das 14-Jährige Waisenmädchen Florence Szász wird 1859 auf einem osmanischen Sklavenmarkt angeboten, wo es vom Afrikaforscher Sam Baker entdeckt und ersteigert wird. Die beiden heiraten und reisen gemeinsam nilaufwärts. 1863 treffen sie in Gondokoro, einem alten Handelsplatz, ihren Landsmann Speke, der nilabwärts bis hierher vorgedrungen war. »The Nile is settled« (Der Nil ist erforscht) konnte Speke in einem knappen, stolzen Telegramm nach London berichten. Der Verlag wirbt für »ein wichtiges Kapitel Entdeckergeschichte aus weiblicher Sicht.«

Erst Mitte August 1898 gelangte der deutsche Arzt und Forschungsreisende Richard Kandt zum Ursprung des Rukurara Kagera (?) in 2440 m Höhe, dessen Quellen heute als die am entferntesten von der Mündung des Nils gelegene gilt und von welcher das Wasser eine Strecke von 6671 km bis zur Küste des Mittelmeers zurücklegt (ca. 7720 km bis zum Victoriasee) : » … ein kleiner feuchter Kessel am Ende einer Klamm, aus deren Boden die Quelle nicht sprudelnd, sondern Tropfen für Tropfen dringt: Caput Nili … Quelle des Nils.«

Immerhin ist eines merkwürdig; Der Kagera kommt aus einem Gebirge, das die Eingeborenen „Missosi ja Mwesi“ nennen, das heißt „Mondberge„. Nicht weit entfernt liegt Ruanda, die Heimat der Watussi, bei denen Körpergrößen von mehr als zwei Metern keine Seltenheit sind. Am Oberlauf des Nils leben aber auch kleinwüchsige Menschenstämme. Mondberge, Riesen und Zwerge – es scheint, daß Ptolemäos doch nicht so unrecht hatte, und jahrtausendealte Sagen finden so ihre überraschende Bestätigung.

Martin Dugard
Auf nach Afrika!
Stanley, Livingstone und die Suche nach den Quellen des Nils
1. Auflage, Aus dem Amerikanischen von Ulrike Frey. München: Malik 2003
Pappband mit Umschlag und Lesebändchen 13,5 x 21,5 cm: 332 Seiten, Textabb.
Anmerkungen, Literatur, Karten auf Vorsatz

Stanley, Livingstone und die Suche nach den Quellen des Nils ist Programm genug für drei Bücher, doch zu trenenn sind sie nicht. Anscheinend schlossen die Expeditionen der beiden Protagonisten ein jahrtausende altes Problem ab. Tatsächlich setzten sie Zeichen für weit greifende Entwicklungen: Die endgültige Aufteilung Afrikas, die systematische Ausbeutung Afrikas, den Niedergang des britischen Empire (Livingstone), den Aufstieg der USA (Stanley), den Einfluß des Journalismus auf politische Entscheidungen (»Story des Jahrhunderts«). Conrads Herz der Finsternis ist die subtile Essenz dieser Vorgänge in literarischer Form. Ihre Aktualität zeigte sich auch darin, daß der Roman drei Generationen später von Coppola verfilmt wurde (Apocalypse now) und als aktuell bedrohlich erlebt wird.

Der vorliegende Band beschreibt den Ablauf der damaligen Geschehnisse aus einem biographischen Ansatz heraus, handlungsorientiert und packend, doch immer aus Sicht der beiden Protagonisten, bis hin zu wörtlichen Dialogen. Hintergründe werden gestreift, aber nicht explizit analysiert oder gar in den Vordergrund gestellt. Ich empfehle ausnahmsweise, zwei Bücher gleichzeitig zu lesen: dieses hier, aber auch Adam Hochschilds Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen (Stuttgart 2000).

Literatur

James Stephenson
Traumgänger
Spurensuche bei den Hadza in Ostafrika
Aus dem Amerikanischen von Thomas Bauer
München: Frederking & Thaler 2001
Pappband mit Umschlag 14 x 22 cm
315 Seiten, 12 Farbtafeln, Textabb.
* Die Hadza sind ein khoisanides Volk, also verwandt mit den San (Buschmänner) und sprechen wie diese eine Klicklautsprache. Sie leben am Eyasisee im nördlichen Tansania.
* James Stephenson bepflanzt Dachgärten in New York und ist vom „Afrika-Virus“ befallen (Niemand käme auf die Idee, vom Europa-, Amerika- oder Asienvirus zu sprechen - warum eigentlich nicht?) Ein Fiebertraum brachte ihn dazu, die Hadza aufzusuchen.

Träume durchweben dieses Buch und ich finde es erstaunlich, daß die Hadzas und Stephenson miteinander über ihre Träume sprechen und sie verstehen können. Prompt fallen mir Chatwins Traumpfade ein. Eine Traumdeutung endet in einer Ahnenbeschwörung und Stephenson findet sich unvermittelt auf einem Baum kilometerweit vom Lagerfeuer entfernt wieder. Ein alter Mann geleitet ihn zurück und ist pötzlich verschwunden, denn er ist Mzee Oya, ein Ahnengeist. Irgendwie erinnert mich das an Carlos Castaneda und seinen Don Juan.

Stphenson ist monatelang bei den Hadza und verbringt immer wieder eine Zeit des Jahres dort. Er romantisiert nicht und schildert auch seine Verzweiflung bei dem Versuch, das Leben eines kranken Kindes zu retten. Doch er ist spürbar beeindruckt vom naturnahen Leben der Hadza und sieht die Vorteile dieses Lebens: ein gesundes Körpergefühl, ein gelassener Umgang mit Zeit, die soziale Ausgeglichenheit … Er bringt Farben und Papier mit und findet in der Malerei den Zugang zum Herzen dieser Menschen. Sie malen wie sie jagen, sagt er einmal, mit dem ganzem Einsatz von Körper, Seele und Geist. Auf 12 Farbtafeln sind Bilder abgedruckt, die bei den Hadza entstanden, teils von ihnen gemalt, teils als Gemeinschaftswerk entstanden. Der liebevolle Umgang mit den Hadza erinenrt mich wieder an einen anderen Autor. Ähnlich hat Laurens van der Post seine Erlebnisse bei den San im südlichen Afrika verarbeitet.

Obwohl es das erste Buch des Autors ist, ist es sehr gut geschrieben. Innen- und Außenwelt werden aufmerksam beobachtet und detailliert beschrieben. Dazu muß er entweder unentwegt Notizen gemacht haben oder die Phantasie hat die weißen Flächen der Erinnung gefüllt. Beides ist möglich, doch das Buch preist sich als Reisebericht an und nicht als Roman. Doch wie auch immer: Mir hat es sehr gut gefallen, ich habe es gerne gelesen und ich empfehle es gerne weiter.

Michael Birnbaum
Die schwarze Sonne Afrikas
München: Piper 2000
Pappband mit Umschlag 13,5 x 21,5 cm
356 Seiten, Vorsatzkarten

Der Titel ist identisch mit dem eines Buches des schon lange verstorbenen Afrikanisten Leo Frobenius – Zufall oder Anspielung? Mehr noch als damals bedient sich der plakative Titel eines ziemlich abgenutzten Topos: das dunkle, schwarze, unbekannte, unheimliche … Afrika. Auch der Klappentext ist furchtbar und läßt auf chronische Adjektivitis des Werbetexters schließen: Armut ist bitter, Natur grandios, Gewalt eine Spirale, die Welt fremd, der Kontinent dunkel … Nun gut, aber das verantwortet der Verlag, nicht der Autor. Michael Birnbaum, langjähriger Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Nairobi, ging zuerst eher widerwillig nach Afrika. Doch sein Widerstreben wich schnell der Faszination: »eine langjährige Reise durch eine ferne, unbekannte und immer wieder überraschend vielfältige Welt voller faszinierender Menschen, überquellender Lebensfreude und zäher Überlebenskraft, zugleich tragisch unlösbarer Konflikte und unmittelbarer Naturgewalten, tödlicher Viren und Seuchen … Afrika ist stärker als wir.«

Vor rund 2000 Jahren sagte man: »Aus Afrika kommt immer etwas Neues.« Wer etwas Unmögliches anstrebte, dem wurde gesagt, er suche die Quellen des Nils. Ob Birnbaums Worte oder die geflügelten Worte der Römer: Erkennbar ist die Hilflosigkeit, einen prägenden Eindruck kurz und präzis auszudrücken. Deswegen ist der »dunkle Kontinent« auch so dunkel - doch ist dies eher die Dunkelheit im Verständnis des Betrachters. Ich gebe gern zu, daß mir dieses Verständnis ebenfalls fehlt. Nach zwei Reisejahren in Afrika bin auch ich vom »Afrikavirus« befallen (blöde Formulierung) – doch die Infizierten selber wissen genau, was der andere damit sagen will. Außenstehende sind halt nicht eingeweiht.

Diese Hilflosigkeit prägt (fast) alle Bücher über Afrika. Die Sprache scheint nicht mächtig genug zu sein, das Erlebnis Afrika in allgemein verständliche Bilder zu kleiden. Einen Satz finde ich, bei dem ich heftig nicken muß: »Es gibt keine Grauwerte in Afrika. Das Leben ist immer intensiv, schwarz oder weiß, gut oder furchtbar, herrlich oder abstoßend, euphorisierend oder deprimierend.« Heute Lust und Liebe, morgen Grauen und Tod. Der Reisende setzt sich einer physischen Unmittelbarkeit aus, die einfach echt ist, jenseits aller moralischen Kategorien. Michael Birnbaum hat das erkannt, setzt sich dem aus und offenbart seine Hilfslosigkeit, ohne daß seine Liebe zu Afrika deswegen kleiner wird. Und deswegen ist dies ein gutes Afrikabuch, auch wenn der Werbetexter es nicht kapiert hat.

Bei Amazon steht: »Dabei beschreibt der Autor nicht chronologisch, er springt nach vorne und wieder zurück. Das macht es etwas schwer, den Überblick zu bewahren. Jedes neue Kapitel verlangt vom Leser, sich von Neuem zu orientieren.« Stimmt. Und es gibt kein Register. Aber so ist Afrika.

Kurt Hassert (1868 - 1949)
Die Erforschung Afrikas
248 S., Wilhelm Goldmann Verlag, Leipzig 1941, 2. Aufl. 1943
Prof. Hanno Beck würdigte 1955 dieses Werk als beispielhaft; es ging aus einer Vorlesungsreihe hervor.

wiki/das_bild_afrikas.txt · Zuletzt geändert: 2018/12/08 16:18 von norbert