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wiki:das_erleben_der_reise

Das Erleben der Reise

»Reisen« meint hier weder Urlaub noch Ferien noch beruflich veranlasste Reisen, sondern vielmehr solche Reisen, die als Teil der Lebensgestaltung unternommen werden, natürlich freiwillig und in der Regel auch individuell geformt.

Ohne die emotional geprägte Phase vor dem Aufbruch sind solche Reisen kaum denkbar, die Motive zur Reise sind wesentlich durch die innere Disposition geprägt, der kognitive Anteil tritt dahinter zurück. Mit jeder weiteren Reise entfernen sich Reisende jedoch aus ihrer sozailen Rolle und provozieren erfahrungsgemäß die Rückfrage: Warum machst Du das?

In deutlichem Widerspruch zur zugrundeliegenden Emotionalität wird in der Regel wenig überzeugend versucht, dies rational zu erklären. Relativ wenigen gelingt es, aus ihrer Leidenschaft einen Beruf zu machen: Bildervorträge, Buchautoren, Ausrüster oder Ausbauer. Vereinzelt lohnt sich das, doch alle zahlen dafür mit dem Verlust authentischen Erlebens und zu Recht bezeichnet Tony Wheeler, Gründer von Lonely-Planet, Reiseführer-Autoren als Prostituierte.

Offen für ein neues Erleben

Tatsächlich jedoch bieten Reisen bestimmte Erlebnisse in einer Dichte, die sich unter andere Lebensumständen nur schwer wiederholen lassen. Neben der notwendigen Disposition zum Reisen offenbart sich im Unterwegs-Sein eine zweite Voraussetzung, die Reisende mitbringen müssen: Offen zu sein für die Welt, damit das Innere des Selbst erschüttert werden und dieses besondere Erleben auslösen kann. An diese Erlebnisse gebunden sind die dazugehörigen Erfahrungen, die unsere * Weltanschauung bestimmen, den *Lebensreisestil bestimmen und künftiges Verhalten beeinflussen.

Nun sind solche Erlebnisse kaum zu beschreiben und deuten sich nur an in ebenso unbeschreibbaren Begriffen wie Fernweh oder Wanderlust. Diese Begriffe sind in den anglophilen Sprachgebrauch übernommen worden, weil sie einen Gefühlszustand bezeichnen, für den es im Englischen keinen Begriff gibt, wohl aber das Bedürfnis nach einem solchen Begriff.

Unübersetzbare Begriffe für außergewöhnliche Zustände

Unübersetzbar sind solche Begriffe, weil sie eben nicht kognitiv definierbar sind, sondern im Emotionalen wurzeln. Sie verbinden sich mit einem spezifischen Gefühlszustand. Eine relative Universalität des zugrundeliegenden Gefühlszustandes wird offenbar, wenn dieses Wort in andere Sprachräume übernommen wird - es erfüllt dort ein Bedürfnis. Auf der anderen Seite scheinen bestimmte Kulturen und Sprachen eher geeignet zu sein als andere, einen treffenden Begriff zu erzeugen. Der Flaneur ist französisch geprägt, der Globetrotter englisch, die Karawane persisch. Der Flaneur ist eben kein Spaziergänger, der Globetrotter kein Wanderer, die Karawane kein Geleitzug.

Wenn aber jede Kultur und jede Sprache etwas beizutragen hat, das anderweits noch nie gesagt wurde, dann sollte ein vielsprachiges Glossar dieser Begriffe neue Einsichten in das Wesen des Reisens bieten. Dieser Versuch wird hier nun erstmals unternommen.

Rund 60 unübersetzbare Begriffe kamen in diese Auswahl, weil sie relevant erscheinen für Reisende. Geordnet sind sie nach groben Kategorien, nämlich:

  • Lebensreisestil: eine Einstellung oder Rolle, die zu einem bestimmten Verhalten im Leben und Reisen führt;
    gesellschaftlich verfestigen sie sich zu Stereotypen
  • Fähigkeit: eine Disposition, wie sich Reisende gegnüber der Welt öffnen können;
  • Geschick: ein zufälliges oder schicksalhaftes Geschehen, das Reisenden widerfahren kann;
  • Emotion: ein Zustand, in den sich Reisende versetzt fühlen können;
  • Zeit: Begriffe für einen besonderen Umgang mit der Ressource Zeit.

Jedoch kann derselbe Begriff verschieden kategorisiert werden, je nachdem er (a) den emotionalen Zustand bezeichnet und/oder (b) die Fähigkeit, diesen Zustand zuzulassen und/oder (c ) den Lebensreisestil, der zu solchen Zuständen führt.

Besondere Emotionale Zustände

Begriff Sprachwurzel Kategorie
Bergtatt Norwegisch Emotion
Cynefin Walisisch Emotion
Dépaysement Französisch Emotion
Eleutheromania Griechisch Emotion
Ephemera Griechisch Emotion
Fernweh Deutsch Emotion
Hiraeth Walisisch Emotion
Koyaanisqatsi Hopi Emotion
Mono no aware 物の哀れ Japanisch Emotion
Muditā Sanskrit Emotion
Peregrinate Englisch Emotion
Resfeber Schwedisch Emotion
Saudade Portugiesisch Emotion
Smultronställe Schwedisch Emotion
Uitwaaien Niederländisch Emotion
Utepils Norwegisch Emotion
Wanderlust Deutsch Emotion
Yugen Japanisch Emotion

Besondere Fähigkeiten

Begriff Sprachwurzel Kategorie
Ästhet Altgriechisch Fähigkeit
Chai-pani Hindi-Urdu Fähigkeit
Datsuzoku Japanisch Fähigkeit
Fjellvant Norwegisch Fähigkeit
Friluftsliv Norwegisch Fähigkeit
Hanyauku Kwangali Fähigkeit
Kokusaijin Japanisch Fähigkeit
Lehitkalev Hebräisch Fähigkeit
Querencia Spanisch Fähigkeit
Wabi-sabi Japanisch Fähigkeit
Wanktok Tok Pisin Fähigkeit
Zanshin 残心 Japanisch Fähigkeit

Besondere Geschicke

Begriff Sprachwurzel Kategorie
Akihi Hawaiianisch Geschick
Ame Otoko Japanisch Geschick
Quatervois Französisch Geschick
Serendipity Englisch Geschick
Trouvaille Französisch Geschick
Trúnó Isländisch Geschick

Lebensreisestile

Begriff Sprachwurzel Kategorie
Coddiwomple Englisch Lebensreisestil
Derivé Französisch Lebensreisestil
Dustsceawung Englisch Lebensreisestil
Firgun Hebräisch Lebensreisestil
Flaneur Französisch Lebensreisestil
Gadabout Englisch Lebensreisestil
Lagom Schwedisch Lebensreisestil
Matvandur Isländisch Lebensreisestil
Metanoia Griechisch Lebensreisestil
Nefelibata Portugiesisch Lebensreisestil
Novaturient Lateinisch Lebensreisestil
Seigneur-terraces Französisch Lebensreisestil
Sisu Finnisch Lebensreisestil
Vacilando Spanisch Lebensreisestil
Waldeinsamkeit Deutsch Lebensreisestil

Besonderer Umgang mit Zeit

Begriff Sprachwurzel Kategorie
Boketto ボケっと Japanisch Zeit
Døgn Norwegisch Zeit
Iktsuarpok Inuit Zeit
Madrugada Spanisch/Portugiesisch Zeit
Mamihlapinatapai Yagan Zeit
Missmyörsriesa Schwedisch Zeit
Tidsoptimist Schwedisch Zeit
Taarof Persisch
wiki/das_erleben_der_reise.txt · Zuletzt geändert: 2019/04/14 13:38 von norbert