Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


wiki:einfach_leben

Der Traum vom Einfachen Leben

»Das Leben siedelt sich an wie Moos an altem Gemäuer.
Für eine kurze Periode, nur für einen glücklichen Tag im Ozean der Ewigkeit.
Antoine de Saint-Exupéry

Globetrottern erklärt sich die Idee sofort – wir alle haben reichlich Erfahrungen mit Loslassen und Ballast abwerfen. Selten wird dieser Reisestil auch daheim so radikal praktiziert, doch neu ist das Konzept der *Einfachheit nicht. Wer will, kann solches Sehnen bis in die Antike zurückverfolgen. Die Bukolische Dichtung besang das Leben der Rinderhirten, später tritt das Schäferidyll hinzu und Goethe träumte von Arkadien.

Als Ahnherr des Strebens nach einem einfachen Leben gilt Henry David Thoreau (1817-1862), der am 4. Juli 1845 eine selbstgebaute Blockhütte bei Concord am Walden-See bezog, auf einem Grundstück Ralph Waldo Emersons. Das zweijährige einfache Leben, das er alleine und selbständig dort führte, beschrieb er in Walden. Or life in the Woods:

»Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben,
dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, 
ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, 
wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. 
Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. 
Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. 
Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, 
so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht leben war, 
in die Flucht geschlagen wurde.«

Vor dem Ersten Weltkrieg pflegte die Lebensreform-Bewegung das Landleben und die Anthroposophen um Rudolf Steiner ideologisierten es; Demeter wurde gegründet. Zwischen den beiden Weltkriegen lebte diese Idee wieder auf. Der Vagabund wurde zum Ideal, mit Gregor Gog gab es einen »König der Vagabunden«. 1930 schrieb Ernst Wiechert Das einfache Leben, den Versuch eines Mannes, der den Sinn seines Lebens durch ein entsagendes Dasein im Einklang mit der Natur als Fischer an den Masurischen Seen sucht. Ländliche Idylle und Freundschaft werden als Werte beschworen.

Nach der Freßwelle wurde mit den *Hippies, der 68er-Bewegung, den Alternativen und Grünen die Idee erneut hip: Selbstversorgung auf dem Lande ist eine von mehreren Möglichkeiten, das dazu nötige Basiswissen faßte schon in den 1970er Jahren John Seymour zusammen (Das grosse Buch vom Leben auf dem Lande. Ein praktisches Handbuch für Realisten und Träumer) 1997 in 19. Auflage beim Otto Maier Verlag.

Um die Jahrtausendwende heißen die ehemals ökobewegten nun Aussteiger, weil mit 40 das Konto so gut gefüllt ist, dass man keinen Anschlussjob braucht. Into the Wild, der Roman von Jon Krakauer, wird 2007 von Sean Penn verfilmt, basierend auf der wahren Geschichte des Christopher McCandless, 24 Jahre alt, der mit einem Sack Reis und einem Gewehr in die *Wildnis Alaskas zog und vier Monate später in einem *magic bus verhungerte. Geflohen vor dem »Gift der Zivilisation« einer sicheren bürgerlichen Zukunft, aus einer amerikanischen Durchschnittsfamilie, Besitz und Beziehungen aufgebend, hinein in einen Traum von absoluter Wahrheit in spiritueller *Suche nach seinem Platz in der Natur. 1) Zivilisationsmüdigkeit kann sich nur leisten, wer in der Zivilisation lebt. Der Natur sind Zivilisationsflüchtlinge ziemlich egal, aber die Konfrontation mit der Natur legt auch die innere Wildnis bloß, wie manche Filme zeigen 2)

Anne Donath
Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann
Bericht über ein einfaches Leben
1. Auflage Malik/Piper München 2006
Pappband 12x20,5 cm: 190 Seiten, 49 Textabb. 

Anne Donath lebt von weniger als 400 Euro im Monat und hat alles abgelegt, was sie nicht unbedingt benötigt: Kein Strom. Kein Telefon. Kein Gas. Kein Auto. Sie lebt in einer Holzhütte auf weniger als 20 Quadratmetern und finanziert mit gut 50 Arbeitstagen jährlich ihren Lebensstil. Das fand bereits 2003 die ZEIT so spannend, daß sie darüber berichtete (Die Frau, die einfach nur lebt). Andere Medien folgten und so war es wohl unvermeidlich, daß ein Buch erscheinen mußte. Von dessen 190 Seiten beschreiben knapp 40 Seiten ihr »einfaches Leben«, der Rest ist mit Fotos, »Gedichten« und viel Luft gefüllt. Schade.

2020 nimmt die Idee mal wieder Fahrt auf, dieses mal über social media, Tik-Tok oder Instagram. Influencerinnen streifen verträumt durch Wiesen, die Bilder leicht verschwommen. Sie im Blümchenrock, er in der Latzhose, vermutlich im Seymour blätternd: Wie baut man einen Komposthaufen? Wer sich einfühlen möchte, sucht #cottagecore oder #farmcore. Das amerikanische Romantikbild enthält immer die Bausteine Individualismus, Freiheit, Einklang mit der Natur, Reinheit und Unschuld. Cowgirl, Naturbursche und Goldgräber zitieren dann Ralph Waldo Emerson (1803-1882): »Blumen sind das Lächeln der Erde«.


siehe auch:
Lebensreisestil
Frugalismus
FIRE-Konzept
Tiny Houses
Do it Yourself
Reparieren

1)
Tobias Kniebe
»Neu im Kino: „Into the Wild“:Lässig in Überlebensfragen«
Süddeutsche Zeitung 11. Mai 2010
https://www.sueddeutsche.de/kultur/neu-im-kino-into-the-wild-laessig-in-ueberlebensfragen-1.273851
Andreas Borcholte
»Sean Penns „In die Wildnis“ American Naturbursche« SPIEGEL 30.01.2008
https://www.spiegel.de/kultur/kino/sean-penns-in-die-wildnis-american-naturbursche-a-531998.html
2)
Deliverance (USA 1972, 109 min) deutsch: Beim Sterben ist jeder der Erste (Kino), Flußfahrt (TV)
Regie: John Boorman, Hauptdarsteller: Jon Voight, Burt Reynolds, Ned Beatty, Ronny Cox
Grizzly Man (USA 2005, 103 min) Regie: Werner Herzog
wiki/einfach_leben.txt · Zuletzt geändert: 2020/05/31 13:35 von norbert