Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


wiki:erforscher

Entdecker & Erforscher

Erfolg ist für Erforscher ein Resultat der Erkenntnis und besteht im Schaffen nützlichen Wissens. Sein Lohn bemisst sich am Ruhm innerhalb eines wissenschaftlichen Systems. Entdeckendes Reisen ist ein solcher Weg zu Wissen und Ruhm. Zu haben ist ist das jedoch nicht ohne Gefahren, Risiken erwarten die Teilnehmer beim Überschreiten von Grenzen, auch solche zwischen Leben und Tod.

Das »Zeitalter der Entdeckungen« vom 15. bis zum 18. Jahrhundert erschloss oberflächlich gesehen die Erdoberfläche. Aus politischer Sicht ist es das Zeitalter der europäischen Expansion. Wissenschaftlich waren damit enorme Fortschritte in der Aneignung von Wissen verbunden. Ausgehend von der Geografie erfasste wissenschaftliches Vorgehen alle Wissensgebiete wie eine Lawine. Das Vorbereiten jahrelanger Expeditionen wiederum erforderte eine technische Entwicklung, die beim Schiffsbau offensichtlich ist. Hunderte von Menschen auf Schiffen jahrelang ins Unbekannte zu senden, setzte jedoch die Fähigkeit voraus, in allen Lebensbereichen autonom und autark handeln zu können, von konservierten Lebensmitteln über Medikamente bis zu den Waffen.

Konditionen von Entdeckungsreisen

  • Ein Ziel, also ein geographisches Konzept mit machtpolitischem und wirtschaftlichem Kalkül.
  • Den Willen, vor allen und vor allem anderen die Ausrichtung auf das Ziel - koste es, was es wolle. Dazu gehören auch Geheimhaltung und Täuschung.
  • Den Glaube an eine Bestimmung im Raum zwischen Narzissmus und Religion, aber auch zur ideologischen Ausrichtung aller Beteiligter, also auch als Instrument zur Machterhaltung.
  • Die Gier nach Macht, Kapital, Wissen, Erkenntnis leitet jeden, der sich in den Dienst der Sache stellt und dessen Einsatz gefordert wird.
  • Die Gewalt, das durch den Glauben legitimierte und durch die persönliche Gier angestrebt Ziel mit allen Mitteln zu erreichen.
  • Kapital als Voraussetzung der Unternehmung.
  • Wissen als Voraussetzung der Unternehmung, zur Dokumentation und als Maßstab zur Wertschätzung des Erreichten.
  • Organisation als soziotechnische Handlungskompetenz, das Kapital, das Wissen, die Technik und die Personen zielgerichtet einzusetzen.
  • Medienkompetenz, also das Herausarbeiten von Alleinstellungsmerkmalen, Wording usw zur werblichen Außendarstellung über den Personenkult (Ruhm) bis hin zur Propaganda im politischen Kontext.

Renaissance und Humanismus

Die Zeit des Entdeckens fällt etwa in die Zeit der Renaissance, die Zeit des Erforschers begann im Humanismus, am Übergang des 16./17. Jahrhunderts. Entdecken ist Voraussetzung für Erforschen. Wer etwas entdeckt, macht es bekannt, gibt der Welt Kenntnis. Erforschen führt vor allem tiefer und meint eine systematische Untersuchung nach vorher bestimmten Kriterien nicht unbedingt geographischer Natur. Kenntnis erreicht eine breite Öffentlichkeit und verändert deren Vorstellung von Welt; Wissen zielt auf einen Teil der Öffentlichkeit, vielleicht nur auf Spezialisten, und führt zu mehreren Schichten von Weltverständnis. Erforschen läßt sich die Welt endlos, doch erscheint jedes neue Wissen unbedeutender vor dem bereits angehäuften Wissensberg.

Mit einiger Verzögerung erreicht solches Verhalten auch bürgerliche Schichten. Im 18. Jahrhundert läßt sich der Typ des encyclopädischen Reisenden erkennen: Friedrich Nicolai reiste 1781 mit seinem Sohn drei Monate und schrieb 13 Jahre am 5000seitigen Bericht über diese Reise. Graf Leopold von Berchtold entwickelte eine „Anweisung für Reisende“ mit einem 277seitigen Fragebogen - es war die Zeit der * Apodemiken.

Erkenntnis und Wissen waren die Schlüssel, deren sich die * Abenteurer bedienten. Sicherheit speist sich aus zwei Quellen: Wissen bietet Sicherheit über Haltepunkte im Außen und äußert sich in Erkenntnis, Glauben bietet innere Haltepunkte und äußert sich durch Überzeugungen. Abenteurer auf der Suche nach Wissen haben daher gar keine Wahl: Sie brauchen Gewißheit durch Glauben, müssen von ihrer Sache überzeugt sein.

Charles de Brosse, Autor der Histoire des navigations aux Terres Australes (1756) schlug als erster vor, Wissenschaftler auf Entdeckungsreisen mitzunehmen. 1788 gründete Sir John Banks in London die Association for promoting the Discovery of the Interior Parts of Africa als erste der geographischen Gesellschaften. Sie überlebte Sir John nicht, der 1820 starb. Die Lücke wurde von der 1830 neu gegründeten Royal Geographic Society gefüllt, die National Geographic Society entstand erst zwei Generationen später in den USA, ihre Mitgliederzeitschrift ist heute an jedem Kiosk zu haben.

Mit der Gründung der geographischen Gesellschaften geriet das vernünftige Abenteuer vollends in wissenschaftlich geordnete Bahnen: Kriterien und Maßstäbe wurden entwickelt, Expeditionen dementsprechend finanziert, Publikationen in den angesehenen Fachorganen bedurften der Zustimmung etablierter Wissenschaftler, denn »400 Jahre Forschungsreisen und systematische Beobachtung haben eine Geschichte der Natur hervorgebracht, die eindeutig auf der Tradition des Reisens fußt und viele Motive des Reisens enthält.« 1)

Die Popkultur des Entdeckens

Im 18. Jahrhundert bestimmten Reiseberichte den Buchmarkt. Sie befanden sich in einem Dilemma: Einerseits wollte das Publikum »Unerhörtes«, andererseits bestand es auf Glaubwürdigkeit. So entstanden vielfach Reisesammlungen, die die Berichte der Reisenden entmythologisierten und die subjektiven Erlebnisse (Adventures) von den Fakten (Statistik) trennten. In dieser Zeit entwickelt sich der Reisebericht qualitativ und quantitativ stärker denn je.

1830 wird die erste Eisenbahn gebaut, 1841 führt Thomas Cook die erste Pauschalreise durch, fast gleichzeitig erscheinen mit dem Murray und dem Baedeker die ersten modernen Reiseführer. Sternchen kennzeichnen das „Muss“, das es am Ziel zu entdecken gibt. Der Tourist als doppelt geführter Reisender folgt den einfachen Wegen der Geleise und den Anweisungen des Reiseführers. In der Gestalt des Touristen hat sich das Nacherleben von den Reiseberichten gelöst, im geschlossenen System von Waggon, Fahrplan und Gleis werden Reiseabschnitte zum industrialisierten Fertigprodukt, in der Form des Reiseführers finden sich die Resultate jener Fragebögen aus dem 18. Jahrhundert gespeichert und mühelos nachvollziehbar.

Am unrühmlichen Ende steht König Leopolds Internationale Afrika-Gesellschaft und das Herz der Finsternis. Er kann beanspruchen, die Gesetzmäßigkeit zwischen Entdecken und Aneignen nicht nur verstanden, sondern systematisch praktiziert zu haben. Livingstones Durchquerung von Afrika, sein Bericht darüber, die Gründung besagter Gesellschaft, die wirtschaftliche Ausbeutung der Kongoregion und die Ermordung vermutlich von vielen Millionen Kongolesen gingen Hand in Hand 2)

Zuletzt blieben die kalten und öden Pole. Dort war nichts zu holen außer Ruhm, also rief England zur Eroberung auf und verkündete das „Heroische Zeitalter“ (1900-1914). Es endete mit der * Shackleton-Expedition und dem Ersten Weltkrieg.

Findet sich in der konfektionierten Pauschalreise der zum vernünftigen Abenteurer passende Kult? Der Jahresurlaub als rituelles Fest? Werden die Archäologen künftiger Zeiten die Bettenburgen richtig deuten als Kultstätten? Huldigen Souvenirs und Diaabende dem Erfolg, den die Abenteurer in ihren Sammlungen aus der Ferne mitbrachten?

Literatur

Heinrich Pleticha
Atlas der Entdeckungsreisen
1. Auflage (=Edition Erdmann), Stuttgart: Thienemanns 2000
Leinenband mit Schutzumschlag und Fadenheftung 24 x 33 cm
189 Seiten, Farbtafeln, durchgehend farbig bebildert

Zeittafel & Entdeckungsgeschichte, zahlreiche Karten und Pläne Literatur, Register: Orte, Personen In weinrotes Leinen gebunden weckt der großformatige Band hohe Erwartungen. Innen setzt sich die Großzügigkeit fort, viele Karten kommen doppelseitig, Texte sind auf einer Doppelseite abgeschlossen und lesefreundlich mit viel Weißraum versehen, das Layout ist elegant und ruhig.

In auffälligem Gegensatz zu den reichhaltigen historischen Karten stehen die schlichten modernen Karten, die den Themen wie »Auf den Spuren der Konquistadoren« beigegeben sind. Zackige Farbflächen betonen die am Computer entstandenen Karten. Darin sind die Routen der Entdecker anschaulich zu finden, an weiteren Details wurde jedoch gespart und selbst der Autor empfiehlt im Vorwort, einen modernen Atlas danebenzulegen. Das wird nicht viel helfen, wenn, wie auf der Karte »Unter der Glutsonne Arabiens« zwischen Bombay, Teheran, Mekka und Aden kein weiterer geographischer Name angegeben ist.

Weder werden die Routen der Karte systematisch im Text aufgegriffen, noch finden sich systematisch die geographi­schen Begriffe aus dem Text in der Karte verzeichnet. Im Konquistadorentext erhält jeder Name von Cabral bis Fawcett auf der Doppelseite einen Absatz mit manchmal nur 3, 4 Sätzen. Auch hier weiß das Vorwort Rat: Man nehme die im gleichen Verlag erschienenen Titel zu Hilfe: Lexikon der Abenteuerreisen sowie Lexikon der Abenteuer- und Reiseliteratur, um mehr zu erfahren. Der Text scheint also eher entbehrlich zu sein, die modernen Übersichtskarten wären auch auf weniger Platz noch großzügig, den gewonnenen Platz verdienten die historischen Karten. Fazit: Mehr Design als Sein.

Paolo Novaresio (Text)
Die großen Entdecker
Erlangen: K. Müller 1996
Pappband mit Schutzumschlag und Fadenheftung 25,5 x 35,5 cm
314 Seiten, mehrere hundert Farbabb., Karten und Pläne, Register und Bildnachweis

Schon etwas älter, aber eine ernsthafte Konkurrenz zu obigem Band: Weniger schick, dafür größer, umfangreicher und erheblich lebendiger mit zahlreichen Abbildungen aus dem Umfeld von »Entdeckern und Entdeckten«, der Text erzählt eher Geschichten, alle Abbildungen sind ausführlich kommentiert. Leider ohne Literaturverzeichnis und wohl nur noch auf den Ramschtischen der Kaufhäuser mit Glück zu entdecken.

Heinrich Pleticha, Hermann Schreiber
Lexikon der Entdeckungsreisen
Bd. 1 A-H, Bd. 2 I - Z
1. Auflage (=Edition Erdmann), Stuttgart: Thienemanns 1999
Leinenband mit Schutzumschlag 12,5 x 20,5 cm: je 319 Seiten
SW-Abb. im Text, Literatur, Personenregister

Was gehört in ein Lexikon der Entdeckungsreisen? Die Entdecker? Ihre Expeditionen? Ihre Schiffe, Mitreisenden und Helfer? Die entdeckten Regionen und die »entdeckten« Völker? Pleticha und Schreiber haben sich für ein Lexikon der Entdecker entschieden und füllen damit fast 650 Seiten in zwei Bänden – das Thema scheint unendlich. In dieser Art scheint das Werk wirklich konkurrenzlos und enthält schätzungsweise 2500 Namen. Natürlich kann man diskutieren, ob dieser oder jener fehlt, hier oder da mehr oder weniger zu sagen gewesen wäre. Aber nach welchen Kriterien wurde ausgewählt? Arved Fuchs erhält einen Eintrag, Sir Vivian Fuchs nicht, auch nicht Hillary als Everest-Erstbesteiger oder Juri Gagarin als erster Mensch im Weltraum. Wollte man sie alle aufnehmen, erhielte man die seit 1978 erscheinende »Enzyklopädie der Entdecker und Erforscher der Erde« (Graz), die bei 2500 Seiten und dem Buchstaben Q angelangt ist. Was ich jedoch schmerzhaft vermisse, sind Zusammenhänge, Motive, Chronologien sowie ein Hinweis auf die wichtigsten Originalpublikationen dieser Entdecker jeweils unter ihrem Eintrag.

Daniel B. Baker (Hg.)
Explorers and Discoverers of the World
Detroit/USA: Gale 1993
Pappband 21 x 28 cm: 637 Seiten, Textabb., Pläne
Glossar, Bibliographie, List of Explorers by Area Explored, List of Explorers by Place of Birth, Index

Der erste Satz der Einführung definiert das Thema: »Exploration in this book is defined as systematic investigation while discovery means to make known, especially to make known to the wider world. Discovery does not mean that the explorers presented here were the first humans to have seen a place …”

Es folgt eine Chronology of Exploration (8 Seiten) sowie zahlreiche Übersichtskarten mit Küsten, Flüssen, Städten. Im Hauptteil erhalten die Entdecker ein bis zwei großformatige Doppelseiten; das beschränkt deren Anzahl auf 322 Personen, dafür gehen die Einträge sehr in die Tiefe. Abschließend wird auf Quellen und Sekundärliteratur hingewiesen.

1)
Eric J. Leed: Die Erfahrung der Ferne, Reisen von Gilgamesch bis zum Tourismus unserer Tage. Frankfurt am Main/ New York, 1993, S. 226
2)
Adam Hochschild: Schatten über dem Kongo. Klett-Cotta, Stuttgart
wiki/erforscher.txt · Zuletzt geändert: 2019/11/11 11:09 von norbert