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wiki:flaneur

Flâneur

Französisch, Nomen
Der Stereotyp des Flaneurs entstand im 17. Jahrhundert in den Straßen von Paris und blieb im Wesentlichen eine städtische Erscheinung, wenngleich heute auch von globalen Flaneuren geredet wird. Spezifisch für den Flaneur ist seine Methode, nämlich sein zielloses und gemächliches Umherschweifen und die Art der Wahrnehmung sowie schließlich die literarische Ausdrucksform.
Die Lebensweise eines Flaneuers zeigt ein Film von François Truffaut (1932 – 1984): Sie küßten und sie schlugen ihn (Les quatre cents coups), 1959 mit Jean-Pierre Léaud.

Nichts ist, was es scheint. Das Dahinter zu sehen, bedarf es der Wahrnehmungskraft, der Phantasie und der Kraft des eigenen Denkens. Das Flanieren ist eine Form der kultivierten Langeweile; der Flaneur spielt mit der Welt, sein Blick läßt sich von Oberflächlichkeiten leiten und folgt hier und da assoziativen Gedankengängen in die Tiefe, doch ohne analytischen Anspruch, eben „bei-läufig“.

Das Reisen des Flaneurs ist dem Reisen des * Abenteurers diametral entgegengesetzt. Die Suche nach dem Unbekannten und Neuen in der Ferne, nach neuen äußeren Reizen hilft dem Abenteurer, seine Fähigkeiten im Umgang mit Gefahren zu erproben. Der geübte * Globetrotter könnte es genießen, mit verbundenen Augen in ein Flugzeug gesetzt zu werden, dessen Ziel er nicht kennt, doch in der Gewißheit, sich an jedem Zielort zu behaupten. Der Flaneur sucht nach neuen Reizen im Vertrauten, er erweitert dabei seine Innenwelt, seine Fähigkeiten im Umgang mit sich selbst. Die unberührte Natur ist nicht seine Welt, eher entspricht ihm die Großstadtkultur, denn er sieht sich als »empfindsamen Reisenden«, der durch zuviel Neues eher verletzt wird.

Alain de Botton
Kunst des Reisens
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Frankfurt am main: S. Fischer 2002
Pappband mit Schutzumschlag und Lesebändchen 12,5 x 20,5 cm
288 Seiten, Anmerkungen, Textabbildungen

Der Titel ist irreführend: Es geht hier nicht um die Kunst des Reisens, sondern um die Kunst, seine Reiseerfahrungen ästhetisch auszudrücken. Das ist natürlich etwas ganz anderes.
Der Autor sucht sich »guides« für die einzelnen Kapitel, beispielsweise Baudelaire und Edward Hopper, wenn es ums Reisestationen geht oder Gustave Flaubert zum Thema des Exotischen. Man erfährt einiges über das Verhältnis von Flaubert zum Reisen, seinen Hang zum Exotischen dem Abscheu vor Nachbarn, der Provinz, Frankreich, Europa … Im letzten Kapitel läßt er sich von Xavier de Maistre führen, dem Autor der »Reise um mein Zimmer«. 1)
Den Schlüssel zu diesem Buch liefert der letzte Abschnitt: »Wir begegnen Menschen, die auf Eisschollen getriebne sind, die Wüsten durchquert und sich durch den Dschungel hinduchgekämpft haben – und in deren Seele wir vergeblich nach Spuren ihrer Erlebnisse suchen. Mit einem rosa-weißen Pyjama angetan, machte Xavier de Meistre uns die leise Andeutung, doch vor dem Aufbruch in ferne Welten erst einmal einen Blick auf das zu werfen, was wir schon zu kennen meinen.«
Die Methode, die de Maistre aus der Not gebiert, wird für de Botton zum Programm. Es ist die Methode des Flaneurs. Für ihn besteht der Sinn des Reisen in der Suche nach dem Schönen. Doch »das Schöne« ist subjektiv: Etwas Wahrgenommes spricht etwas in uns an, es berührt uns und löst dadurch ein harmonisches Gefühl aus. Dies bedeutet für den Flaneur zweierlei:
Erstens: Man muß bereit für Wahrnehmungen sein. Mit der richtigen Perspektive kann ich auch mein vertrautes Zimmer als »neu« wahrnehmen und darin reisen. Die Kunst des Flanierens besteht dann darin, seine Umgebung Tag für Tag neu zu erkunden, vertraute Straßen, Plätze, Orte anders wahrzunehmen, sich von Eindrücken berühren zu lassen.
Zweitens: Der Flaneur arbeitet an seiner Wahrnehmungsfähigkeit. Wo andere ein Blau sehen, entdeckt er das Universum der blauen Farbtöne. So gewinnen Farben, Töne, Gerüche, Muster, … an Vielfalt. Das geht nur, wenn er seine Innenwelt auf- und ausbaut, kurz: er bildet sich an den bildenden Künsten, an Literatur, Musik …
Der Flaneur galt als ausgestorben, scheint mit de Botton jedoch wieder einen Fürsprecher gefunden zu haben. Interessant ist, daß die »sentimental journey« ihre Blütezeit in der Epoche der Französischen Revolution hatte und nun, nach 1989 und zum fin de siécle (vielleicht) wiederauflebt. (Norbert Lüdtke)

Kristian Ditlev Jensen
Von japanischen Brotbüchsen, indischen Göttern, komischen Alpendialekten, süßen Südstaaten, afrikanischen Kriechtieren und der Köstlichkeit des langsamen Reisens
Aus dem Dänischen von Sigrid Engeler (Ord i orientekspressen. Kopenhagen 2007)
Hoffmann und Campe Hamburg 2008
Pappband mit Umschlag 12,5x20,5 cm: 222 Seiten

Der Titel erinnert in der Länge an Buchtitel des 17. Jahrhunderts, als es noch keine Eisenbahnen gab und jeder langsam reisen mußte, meist zu Fuß.
Jensen dagegen reist 2005/06 acht Monate professionell auf allen Kontinenten und berichtet über seine zwölf (meist exklusiven) Zugreisen für das dänische Magazin Ud & Se. Ganz so langsam ist das also nicht, dafür übernahm die dänische Eisenbahngesellschaft DSB die Kosten für das Reisen im Blue Train, dem Glacier Express oder dem Ghan. Die DSB plante und organisierte die Fahrten auch, so daß sich der Autor aufs Schreiben konzentrieren konnte.
Schreiben kann er tatsächlich gut und sympathisch erscheint auch, daß er seine Notizen sämtlich handschriftlich in einem dicken, eigens für diese Reise in Leder gebundenen Tagebuch, niederlegt. Und so läßt er sich im zweiten Kapitel kunstvoll über langsames Reisen aus, etwa über die einstündige Zugfahrt durch die Slums von Bombay.
Einen ganz besonderen Sinn hat Jensen für Details: Er nimmt ungewöhnlich viel wahr und schreibt ungewöhnlich viel auf. Der Blick aus dem Waggonfenster oder kleine Ereignisse zwischen den Mitfahrenden im Abteil werden sehr dicht geschildert; das Wahrnehmen und Notieren muß dabei ein anstrengender, ineinander überfließender Vorgang gewesen sein; es erfordert gleichzeitig Nähe und Distanz und die Trennung von Hand und Kopf; es erfordert die Eigenschaften eines Flaneurs, eines Typus, der seit dem 19. Jahrhundert ausgestorben zu sein scheint.
Später ist ein zweiter Schritt notwendig, denn aus dem notierten Material muß ein Essay entstehen. Aus Notizen werden im besten Fall kleine Geschichten, und wo das nicht möglich ist überbrücken biographisch motivierte Assoziationen (Als Kind hatte ich eine ähnliche …) Unüberbrückbares.
Eines ist das Buch jedenfalls nicht: ein typischer Reisebericht. Und das ist gut so, denn der Autor hat ja die wesentlichen Hürden einer richtigen Reise nicht selbst genommen: ein Sponsor zahlt, die Vorbereitung ist delegiert, die investierte Zeit ist eigentlich Arbeitszeit. Die gewählte Reiseform minimiert zudem weiteren Aufwand: Übernachtung, Essen und Trinken, Aufenthalte … sind fest programmiert auf hohem Niveau. Dem entsprechend fallen die Kapitel stark ab, in denen sich Jensen mit reisepraktischen Aspekten beschäftigt (»Denk an die Zahnbürste«).
Beispielhaft für Reisende ist das Buch daher vielmehr hinsichtlich seiner Methode die Welt anzuschauen, sich mit ihr zu verbinden und darüber zu schreiben, wie sich das Selbst und die Welt verbinden und im besten Fall ausdehnen lassen. (Norbert Lüdtke)


Ulf Peter Hallberg
Der Blick des Flaneurs
G. Kiepenheuer Leipzig 1995

Gudrun König
Eine Kulturgeschichte des Spaziergangs
Böhlau Wien 1996

Siehe auch * Liste der unübersetzbaren reiserelevanten Begriffe

1)
1790 erhielt de Maistre einen politisch bedingten Hausarrest. Wütend raste er in seiner kleinen Welt. Daß er sich im Geiste frei fühlte, zeigte er durch die Reise um sein Zimmer.
wiki/flaneur.txt · Zuletzt geändert: 2019/04/10 17:16 von norbert