Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


wiki:flucht

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen gezeigt.

Link zu der Vergleichsansicht

Beide Seiten, vorherige Überarbeitung Vorherige Überarbeitung
wiki:flucht [2019/11/11 11:11]
norbert
wiki:flucht [2019/11/21 20:45] (aktuell)
norbert
Zeile 72: Zeile 72:
 Am 24. Juni trafen Kopp und Harrer in Tibet wieder auf Aufschnaiter,​ doch während Kopp sich freute, war Harrer mißmutig und wollte zuerst nicht mit Aufschnaiter zusammen weiterziehen. ((Kopp, Sechsmal über den Himalaya, 141)) Harrer dagegen betonte in seinem Buch, daß Aufschnaiter nicht mit ihnen weiterziehen wollte. Und obwohl sich die beiden nicht sehr zugetan sind, werden sie mehrere Jahre mehr oder weniger gemeinsam in Tibet verbringen. Bei Harrer werden Konflikte nicht thematisiert:​ Wo er im Landschaftlichen schwelgt, beschreibt Kopp Details im Zwischenmenschlichen. Wenn sich Harrer auf ein allgemeines „wir“ zurückzieht,​ nennt Kopp Namen, legt den Finger auf offene Wunden, auf eigene Unzulänglichkeiten,​ nennt Disharmonien,​ Ängste und Mißgeschicke beim Namen. Harrer schönt an diesen Stellen, schweigt oder wird doppeldeutig,​ überspielt Mißverständnisse und Streit. Während er sagt: //​„...Aufschnaiter und Treipel waren etwas zurückgeblieben,​ Kopp und ich bildeten die Vorhut ...“// ((Harrer, Sieben Jahre in Tibet, 22)), heißt das bei Kopp: // „Leider war es in diesen Tagen dann und wann zu kleinen Mißhelligkeiten gekommen, so daß Harrer, als Aufschnaiter und Treipl am nächsten Morgen mit Kochen und Packen nicht rechtzeitig fertig wurden, sich dafür entschied, nicht länger auf sie zu warten.“//​ ((Kopp, Sechsmal über den Himalaya, 117)) Am 24. Juni trafen Kopp und Harrer in Tibet wieder auf Aufschnaiter,​ doch während Kopp sich freute, war Harrer mißmutig und wollte zuerst nicht mit Aufschnaiter zusammen weiterziehen. ((Kopp, Sechsmal über den Himalaya, 141)) Harrer dagegen betonte in seinem Buch, daß Aufschnaiter nicht mit ihnen weiterziehen wollte. Und obwohl sich die beiden nicht sehr zugetan sind, werden sie mehrere Jahre mehr oder weniger gemeinsam in Tibet verbringen. Bei Harrer werden Konflikte nicht thematisiert:​ Wo er im Landschaftlichen schwelgt, beschreibt Kopp Details im Zwischenmenschlichen. Wenn sich Harrer auf ein allgemeines „wir“ zurückzieht,​ nennt Kopp Namen, legt den Finger auf offene Wunden, auf eigene Unzulänglichkeiten,​ nennt Disharmonien,​ Ängste und Mißgeschicke beim Namen. Harrer schönt an diesen Stellen, schweigt oder wird doppeldeutig,​ überspielt Mißverständnisse und Streit. Während er sagt: //​„...Aufschnaiter und Treipel waren etwas zurückgeblieben,​ Kopp und ich bildeten die Vorhut ...“// ((Harrer, Sieben Jahre in Tibet, 22)), heißt das bei Kopp: // „Leider war es in diesen Tagen dann und wann zu kleinen Mißhelligkeiten gekommen, so daß Harrer, als Aufschnaiter und Treipl am nächsten Morgen mit Kochen und Packen nicht rechtzeitig fertig wurden, sich dafür entschied, nicht länger auf sie zu warten.“//​ ((Kopp, Sechsmal über den Himalaya, 117))
  
-In Gartok erhielten unsere drei Reisenden erstmals einen Reisepaß für Tibet, der die einzelnen Stationen ihrer Reise auswies und für die Ausreise nach Nepal galt. Alle drei schworen, sich daran zu halten und brachen am 13. Juli auf. Mehrere Wochen waren sie nun unterwegs mit ''​Norbu'',​ ihrem tibetischen Begleiter und Aufpasser. Ihr Paß war gültig bis Gyabnak. Im nächsten Ort, in Tradün, wandten sie sich an den örtlichen Bönpo, den höchsten Beamten und handelten um die Erlaubnis, nach Lhasa ziehen zu dürfen. Sie erfuhren weder Ablehnung noch Zusage und durften einen Brief nach Lhasa schreiben, um ihr Anliegen vorzubringen. Sie erhielten eine Unterkunft, reichlich Lebensmittel und eine gewisse [[wiki:​reisefreiheit|Bewegungsfreiheit]]. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Aufschnaiter hatte mittlerweile fast sein ganzes Geld verbraucht. Er kaufte sich von seinem letzten Geld einige Lastschafe und wollte mit ihnen ins Landesinnere ziehen. Doch schon in der ersten Nacht wurden bis auf eines alle von Wölfen gerissen.+In Gartok erhielten unsere drei Reisenden erstmals einen Reisepaß für Tibet, der die einzelnen Stationen ihrer Reise auswies und für die Ausreise nach Nepal galt. Alle drei schworen, sich daran zu halten und brachen am 13. Juli auf. Mehrere Wochen waren sie nun unterwegs mit ''​Norbu'',​ ihrem tibetischen Begleiter und Aufpasser. Ihr Paß war gültig bis Gyabnak. Im nächsten Ort, in Tradün, wandten sie sich an den örtlichen Bönpo, den höchsten Beamten und handelten um die Erlaubnis, nach Lhasa ziehen zu dürfen. Sie erfuhren weder Ablehnung noch Zusage und durften einen Brief nach Lhasa schreiben, um ihr Anliegen vorzubringen. Sie erhielten eine Unterkunft, reichlich ​[[wiki:​lebensmittel|Lebensmittel]] und eine gewisse [[wiki:​reisefreiheit|Bewegungsfreiheit]]. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Aufschnaiter hatte mittlerweile fast sein ganzes Geld verbraucht. Er kaufte sich von seinem letzten Geld einige Lastschafe und wollte mit ihnen ins Landesinnere ziehen. Doch schon in der ersten Nacht wurden bis auf eines alle von Wölfen gerissen.
 Als nach drei Monaten die Antwort eintraf, hatte sich Kopp bereits verabschiedet und war unterwegs nach Nepal. Harrer, der noch über genügend Geld verfügte, blieb mit dem erfahrenen und sprachkundigen Aufschnaiter zurück:​  ​ //„Harrer besaß jedoch bedeutend mehr als ich, und er bot mir an, gemeinsam zu wirtschaften. Ein kleines Einkommen hatten wir aus unserer ärztlichen Tätigkeit, wobei es allerdings keine sensationellen Erfolge zu verzeichnen gab.“// ((Brauen, Peter Aufschnaiter. Sein Leben in Tibet, 41)) Als nach drei Monaten die Antwort eintraf, hatte sich Kopp bereits verabschiedet und war unterwegs nach Nepal. Harrer, der noch über genügend Geld verfügte, blieb mit dem erfahrenen und sprachkundigen Aufschnaiter zurück:​  ​ //„Harrer besaß jedoch bedeutend mehr als ich, und er bot mir an, gemeinsam zu wirtschaften. Ein kleines Einkommen hatten wir aus unserer ärztlichen Tätigkeit, wobei es allerdings keine sensationellen Erfolge zu verzeichnen gab.“// ((Brauen, Peter Aufschnaiter. Sein Leben in Tibet, 41))
  
 ==== Warten auf die Gunst des Schicksals ==== ==== Warten auf die Gunst des Schicksals ====
-Das Schreiben gab ihnen immerhin die Erlaubnis, noch bis in den Ort Kyirong zu ziehen, nur acht Kilometer von der nepalischen Grenze entfernt. Das nutzten die beiden aus und blieben zehn Monate in Kyirong: //„Einen guten Teil unserer Zeit und Energie verwendeten wir für die Beschaffung von Lebensmitteln zu optimal ausgehandelten Preisen und fürs Kochen. Ich muß sagen, daß ich eine solche Existenz gar nicht so unbefriedigend fand. Wir überlegten uns manchmal, wie wir hier einige Jahre verbringen könnten. Für jemanden, der in einer voll ausgefüllten Arbeit drinsteckt, wäre ein solches Dasein wahrscheinlich unvorstellbar gewesen und wäre als Abstieg angesehen worden, für uns jedoch war es besser, zumindest in dieser Weise zu existieren, statt über kommende Höllen brütend vor sich hinzustieren.“//​ ((Brauen, Peter Aufschnaiter. Sein Leben in Tibet, 41))+Das Schreiben gab ihnen immerhin die Erlaubnis, noch bis in den Ort Kyirong zu ziehen, nur acht Kilometer von der nepalischen Grenze entfernt. Das nutzten die beiden aus und blieben zehn Monate in Kyirong: //„Einen guten Teil unserer Zeit und Energie verwendeten wir für die Beschaffung von [[wiki:​lebensmittel|Lebensmitteln]] zu optimal ausgehandelten Preisen und fürs Kochen. Ich muß sagen, daß ich eine solche Existenz gar nicht so unbefriedigend fand. Wir überlegten uns manchmal, wie wir hier einige Jahre verbringen könnten. Für jemanden, der in einer voll ausgefüllten Arbeit drinsteckt, wäre ein solches Dasein wahrscheinlich unvorstellbar gewesen und wäre als Abstieg angesehen worden, für uns jedoch war es besser, zumindest in dieser Weise zu existieren, statt über kommende Höllen brütend vor sich hinzustieren.“//​ ((Brauen, Peter Aufschnaiter. Sein Leben in Tibet, 41))
  
 Harrer und Aufschnaiter legten sich während ihrer Zeit in Kyirong ein Depot außerhalb des Ortes an, um für eine eventuelle Flucht im Falle einer plötzlichen Ausweisung gerüstet zu sein, denn sie wollten keinesfalls nach Nepal. Nachts stahlen sie sich, als „Tote“ verkleidet, aus dem Dorf, denn die Einheimischen hatten Angst vor in der Nacht umherirrenden Gespenstern,​ und ergänzten ihr Depot. Harrer und Aufschnaiter legten sich während ihrer Zeit in Kyirong ein Depot außerhalb des Ortes an, um für eine eventuelle Flucht im Falle einer plötzlichen Ausweisung gerüstet zu sein, denn sie wollten keinesfalls nach Nepal. Nachts stahlen sie sich, als „Tote“ verkleidet, aus dem Dorf, denn die Einheimischen hatten Angst vor in der Nacht umherirrenden Gespenstern,​ und ergänzten ihr Depot.
Zeile 177: Zeile 177:
 Ihre Fluchtvorbereitungen waren relativ bescheiden, da die Umstände kaum mehr zuließen: Von ihrer Tagesration (1 kg Brot) trockneten sie täglich ein Viertel auf einem Ofen; organisierten sich ein wenig Mehl und Salz, Graupen und Tabak; jeden Tag stahlen sie von den zahlreichen Pelzen, die die sowjetischen Soldaten zum Trocknen aufhängten,​ ein Stück, und schneiderten sich daraus warme Kleidung, Mokassins, Gürtel, Riemen, Gamaschen und Balaklawa-Fellmützen (( Balaklawa-Mützen bedecken den ganzen Kopf, oft auch noch den Hals, und haben lediglich Löcher für Augen und Mund.)); sie konnten eine Axt erbeuten und Rawitsch schmiedete sich ein Messer aus den Resten einer gebrochenen Säge; aus Holz geschnitzte Löffel und ein einziger Aluminiumbecher bildeten das gesamte Kochgeschirr. Interessant ist ihre Methode, sich mangels Streichhölzern eine Art Feuerzeug zu basteln: //„Man verwendete das schwammartige Gubkamoos, das sich von den Bäumen abreißen läßt. Zum Feueranmachen braucht man dann nur noch einen gebrochenen Nagel und ein Stück Feuerstein. ((Dieses System wurde von den Russen „Chakkalo-bakkalo“ genannt.)) Das trockene Gubka, das wir alle vorrätig bei uns hatten, entzündete sich am Funken des Feuersteins und brannte, wenn es angeblasen wurde, mit schwelender Flamme.“//​ ((Rawitsch, 119))  Im April 1941 waren die Vorbereitungen abgeschlossen und in einer Nacht, als dichter Schneefall jede Sicht nahm und ihre Spuren rasch verdecken würde, entkamen die sieben über die gestaffelte Befestigungsanlage. Als besonderen Trick zogen sie ein Schaffell hinter sich her, damit sollte die Witterung der Hunde vom Menschen abgelenkt werden.\\ ​ Ihre Fluchtvorbereitungen waren relativ bescheiden, da die Umstände kaum mehr zuließen: Von ihrer Tagesration (1 kg Brot) trockneten sie täglich ein Viertel auf einem Ofen; organisierten sich ein wenig Mehl und Salz, Graupen und Tabak; jeden Tag stahlen sie von den zahlreichen Pelzen, die die sowjetischen Soldaten zum Trocknen aufhängten,​ ein Stück, und schneiderten sich daraus warme Kleidung, Mokassins, Gürtel, Riemen, Gamaschen und Balaklawa-Fellmützen (( Balaklawa-Mützen bedecken den ganzen Kopf, oft auch noch den Hals, und haben lediglich Löcher für Augen und Mund.)); sie konnten eine Axt erbeuten und Rawitsch schmiedete sich ein Messer aus den Resten einer gebrochenen Säge; aus Holz geschnitzte Löffel und ein einziger Aluminiumbecher bildeten das gesamte Kochgeschirr. Interessant ist ihre Methode, sich mangels Streichhölzern eine Art Feuerzeug zu basteln: //„Man verwendete das schwammartige Gubkamoos, das sich von den Bäumen abreißen läßt. Zum Feueranmachen braucht man dann nur noch einen gebrochenen Nagel und ein Stück Feuerstein. ((Dieses System wurde von den Russen „Chakkalo-bakkalo“ genannt.)) Das trockene Gubka, das wir alle vorrätig bei uns hatten, entzündete sich am Funken des Feuersteins und brannte, wenn es angeblasen wurde, mit schwelender Flamme.“//​ ((Rawitsch, 119))  Im April 1941 waren die Vorbereitungen abgeschlossen und in einer Nacht, als dichter Schneefall jede Sicht nahm und ihre Spuren rasch verdecken würde, entkamen die sieben über die gestaffelte Befestigungsanlage. Als besonderen Trick zogen sie ein Schaffell hinter sich her, damit sollte die Witterung der Hunde vom Menschen abgelenkt werden.\\ ​
 Aus Angst vor Entdeckung liefen sie die ersten Tage nur nachts und gruben sich tags in Schneehöhlen ein. Zeitweise mußten sie in einem Meter tiefem Neuschnee spuren und erst, als sie tagsüber marschierten,​ erhöhten sie ihr Tagespensum auf bis zu fünfzig Kilometer. Manchmal konnten sie den kargen Speisezettel etwas aufbessern, so, als sie ein Loch in einen zugefrorenen Fluß hackten: ​ „Das Wasser quoll als Fontäne in die Höhe und strudelte eisig um unsere Füße. Und siehe da - vier Fische, so groß wie Heringe, kamen an die Oberfläche. Aufgeregt wie Schuljungen stürzten wir uns auf unsere Beute.“ ((Rawitsch, 132)) Ein andermal gelang es ihnen, einen sibirischen Hasen zu fangen. Rawitsch war der einzige, der sich auf Weidmannskunst und Jägerkniffe verstand, alle anderen waren Städter. Neun Tage nach ihrem Ausbruch erreichten sie die Lena, scheuen aber weiterhin die Begegnung mit Menschen: //„Die wenigen Straßen, auf die wir stießen, überquerten wir nur nach eingehender vorheriger Erkundung. Manchmal sahen wir nachts in der Ferne die Lichter eines Dorfes oder einer kleinen Stadt und am Tage die Umrisse von Häusern und rauchende hohe Schornsteine. In solchen Gegenden bewegten wir uns besonders vorsichtig.“//​ ((Rawitsch, 143)) Während die Wochen vergehen, schlich sich der Frühling ins Land, das Eis auf den Flüssen wurde dünner und machte oft das Durchschwimmen der Flußmitte nötig. Auf Höhe des Baikalsees schloß sich ihnen ein siebzehnjähriges polnisches Mädchen, Kristina, an, das ebenfalls ausgerissen war.\\ ​ Aus Angst vor Entdeckung liefen sie die ersten Tage nur nachts und gruben sich tags in Schneehöhlen ein. Zeitweise mußten sie in einem Meter tiefem Neuschnee spuren und erst, als sie tagsüber marschierten,​ erhöhten sie ihr Tagespensum auf bis zu fünfzig Kilometer. Manchmal konnten sie den kargen Speisezettel etwas aufbessern, so, als sie ein Loch in einen zugefrorenen Fluß hackten: ​ „Das Wasser quoll als Fontäne in die Höhe und strudelte eisig um unsere Füße. Und siehe da - vier Fische, so groß wie Heringe, kamen an die Oberfläche. Aufgeregt wie Schuljungen stürzten wir uns auf unsere Beute.“ ((Rawitsch, 132)) Ein andermal gelang es ihnen, einen sibirischen Hasen zu fangen. Rawitsch war der einzige, der sich auf Weidmannskunst und Jägerkniffe verstand, alle anderen waren Städter. Neun Tage nach ihrem Ausbruch erreichten sie die Lena, scheuen aber weiterhin die Begegnung mit Menschen: //„Die wenigen Straßen, auf die wir stießen, überquerten wir nur nach eingehender vorheriger Erkundung. Manchmal sahen wir nachts in der Ferne die Lichter eines Dorfes oder einer kleinen Stadt und am Tage die Umrisse von Häusern und rauchende hohe Schornsteine. In solchen Gegenden bewegten wir uns besonders vorsichtig.“//​ ((Rawitsch, 143)) Während die Wochen vergehen, schlich sich der Frühling ins Land, das Eis auf den Flüssen wurde dünner und machte oft das Durchschwimmen der Flußmitte nötig. Auf Höhe des Baikalsees schloß sich ihnen ein siebzehnjähriges polnisches Mädchen, Kristina, an, das ebenfalls ausgerissen war.\\ ​
-In der zweiten Juni-Woche überschritten sie die mongolisch-russische Grenze und bewegten sich auf die Kentei-Shen-Berge zu: in sechzig Tagen hatten sie zweitausend Kilometer zurückgelegt. Weiterhin waren die Lebensmittel knapp, oft hungerten sie tagelang. Vor Verlassen der Sowjetunion gruben sie auf einem Acker einen Zentner Frühkartoffel aus, manchmal fanden sie Pilze und einmal hatten sie das Glück, einen Hirsch erlegen zu können, der sich mit dem Geweih in der Krone eines umgestürzten Baumes verfangen hatte.\\ ​+In der zweiten Juni-Woche überschritten sie die mongolisch-russische Grenze und bewegten sich auf die Kentei-Shen-Berge zu: in sechzig Tagen hatten sie zweitausend Kilometer zurückgelegt. Weiterhin waren die [[wiki:​lebensmittel|Lebensmittel]] knapp, oft hungerten sie tagelang. Vor Verlassen der Sowjetunion gruben sie auf einem Acker einen Zentner Frühkartoffel aus, manchmal fanden sie Pilze und einmal hatten sie das Glück, einen Hirsch erlegen zu können, der sich mit dem Geweih in der Krone eines umgestürzten Baumes verfangen hatte.\\ ​
 In der besiedelten äußeren Mongolei trafen sie auf gastfreundliche Bewohner, die ihnen öfters mit Lebensmitteln aushalfen. Zunehmend wurde die Gegend karger und sandiger, ein Anzeichen für die nahende Wüste Gobi, die sie zu Fuß durchquerten,​ ohne eine andere Ausrüstung zu haben als bisher: ihr einziges Vorratsgefäß für Wasser bildete der Aluminiumbecher,​ die einzigen Lebensmittel bestanden in einer Anzahl getrockneter Fische, die am fünften Tage alle waren. Erst am siebten Tag erreichten sie halb verdurstet eine Oase und konnten doch nicht bleiben, da sie keine Lebensmittel mehr hatten. Am sechsten Tag nach Verlassen der Oase starb ''​Kristina''​ an Erschöpfung,​ am zehnten Tag starb auch ''​Makowski'',​ erst am dreizehnten Tag stießen sie wieder auf eine karge Quelle. Nun erst kamen sie auf die Idee, die recht häufig vorkommenden Schlangen zu fangen und zu essen. Wieder folgten acht Tage ohne Wasser, bevor sie die Berge erreichten. Drei Wochen später, Anfang Oktober, trafen sie in der Provinz Kansu wieder einen Menschen, einen Schäfer, der sie üppig bewirtete. Weiterhin blieb das Essen karg, nur alle paar Tage trafen sie auf Hirten. Straßen und Wege gab es nicht, sie gingen einfach in eine bestimmte Himmelsrichtung und versuchten, mit den Hindernissen fertig zu werden. Nach einer der vielen Nächte in den tibetischen Bergen stellten sie morgens fest, daß ''​Marchinkowas''​ nachts gestorben ist, ohne daß sie die Ursache erkennen konnten. Ende Januar überschritten sie irgendwo westlich von Lhasa den Brahmaputra. Auf der letzten Etappe des Weges stürzt ''​Paluchowitsch''​ in eine abgrundlose Schlucht.\\ ​ In der besiedelten äußeren Mongolei trafen sie auf gastfreundliche Bewohner, die ihnen öfters mit Lebensmitteln aushalfen. Zunehmend wurde die Gegend karger und sandiger, ein Anzeichen für die nahende Wüste Gobi, die sie zu Fuß durchquerten,​ ohne eine andere Ausrüstung zu haben als bisher: ihr einziges Vorratsgefäß für Wasser bildete der Aluminiumbecher,​ die einzigen Lebensmittel bestanden in einer Anzahl getrockneter Fische, die am fünften Tage alle waren. Erst am siebten Tag erreichten sie halb verdurstet eine Oase und konnten doch nicht bleiben, da sie keine Lebensmittel mehr hatten. Am sechsten Tag nach Verlassen der Oase starb ''​Kristina''​ an Erschöpfung,​ am zehnten Tag starb auch ''​Makowski'',​ erst am dreizehnten Tag stießen sie wieder auf eine karge Quelle. Nun erst kamen sie auf die Idee, die recht häufig vorkommenden Schlangen zu fangen und zu essen. Wieder folgten acht Tage ohne Wasser, bevor sie die Berge erreichten. Drei Wochen später, Anfang Oktober, trafen sie in der Provinz Kansu wieder einen Menschen, einen Schäfer, der sie üppig bewirtete. Weiterhin blieb das Essen karg, nur alle paar Tage trafen sie auf Hirten. Straßen und Wege gab es nicht, sie gingen einfach in eine bestimmte Himmelsrichtung und versuchten, mit den Hindernissen fertig zu werden. Nach einer der vielen Nächte in den tibetischen Bergen stellten sie morgens fest, daß ''​Marchinkowas''​ nachts gestorben ist, ohne daß sie die Ursache erkennen konnten. Ende Januar überschritten sie irgendwo westlich von Lhasa den Brahmaputra. Auf der letzten Etappe des Weges stürzt ''​Paluchowitsch''​ in eine abgrundlose Schlucht.\\ ​
 Zu viert begegneten sie wenige Tage später einer indischen Militärpatrouille,​ achtzehn Monate nach ihrem Ausbruch aus dem sibirischen Lager, und wurden nach Kalkutta gebracht. Dort bricht Rawitsch zusammen und wacht erst vier Wochen später wieder auf. Nach ihrer Genesung trennten sich die vier, Rawitsch wird zu den im Mittleren Osten kämpfenden,​ polnischen Truppen überstellt. ((In Rawitschs Bericht irritieren viele Angaben: Weshalb durchqueren sie die Gobi in ihrer größten Ausdehnung, statt sich nach China zu wenden? Ihr erstes Ziel, Afghanistan,​ streben sie einige Zeit später nicht mehr an. Warum? Stattdessen wollen sie nach Lhasa. Das meiden sie dann aber auch, angeblich, weil sie Angst vor den Behörden hätten. Wieso? Schlimmstenfalls wären sie nach Nepal ausgewiesen worden und wären dort ebenso wie in Indien auf Engländer gestoßen. Das wollten sie doch, oder? Wieso besorgen sie sich nicht einige Wassersäcke aus Ziegenleder?​ Unglaublich scheint es, daß man sechs (oder gar dreizehn) Tage bei großer Hitze ohne Wasser überleben kann und gleichzeitig getrockneten Fisch ißt. Wer hungert zwei Wochen, bevor er die Idee hat, Schlangen zu essen? Häufige Klischees gipfeln in der Begegnung mit zwei Yetis im Himalaya, die als 2,20 Meter große Wesen beschrieben werden. Ernsthafte Schwierigkeiten in der Gruppe werden nicht beschrieben. 18 Monate lang gelingt es ihnen nie, ihren Ort genau zu bestimmen, Rawitsch betont, er könne sich um mehrere hundert Kilometer irren. Zuletzt trafen sie vor der Wüste Gobi einen russisch sprechenden Mongolen, danach war bis Indien keine Verständigung mehr möglich und die fremdartigen Ortsbezeichnungen konnten sie nicht behalten. In den tibetischen Dörfern treffen sie immer auf gastfreundliche Menschen und genießen jede Unterstützung. Alle anderen Fluchtberichte aus Tibet weisen gerade auf mangelnde Unterstützungsbereitschaft der tibetischen Bevölkerung hin. Zu viert begegneten sie wenige Tage später einer indischen Militärpatrouille,​ achtzehn Monate nach ihrem Ausbruch aus dem sibirischen Lager, und wurden nach Kalkutta gebracht. Dort bricht Rawitsch zusammen und wacht erst vier Wochen später wieder auf. Nach ihrer Genesung trennten sich die vier, Rawitsch wird zu den im Mittleren Osten kämpfenden,​ polnischen Truppen überstellt. ((In Rawitschs Bericht irritieren viele Angaben: Weshalb durchqueren sie die Gobi in ihrer größten Ausdehnung, statt sich nach China zu wenden? Ihr erstes Ziel, Afghanistan,​ streben sie einige Zeit später nicht mehr an. Warum? Stattdessen wollen sie nach Lhasa. Das meiden sie dann aber auch, angeblich, weil sie Angst vor den Behörden hätten. Wieso? Schlimmstenfalls wären sie nach Nepal ausgewiesen worden und wären dort ebenso wie in Indien auf Engländer gestoßen. Das wollten sie doch, oder? Wieso besorgen sie sich nicht einige Wassersäcke aus Ziegenleder?​ Unglaublich scheint es, daß man sechs (oder gar dreizehn) Tage bei großer Hitze ohne Wasser überleben kann und gleichzeitig getrockneten Fisch ißt. Wer hungert zwei Wochen, bevor er die Idee hat, Schlangen zu essen? Häufige Klischees gipfeln in der Begegnung mit zwei Yetis im Himalaya, die als 2,20 Meter große Wesen beschrieben werden. Ernsthafte Schwierigkeiten in der Gruppe werden nicht beschrieben. 18 Monate lang gelingt es ihnen nie, ihren Ort genau zu bestimmen, Rawitsch betont, er könne sich um mehrere hundert Kilometer irren. Zuletzt trafen sie vor der Wüste Gobi einen russisch sprechenden Mongolen, danach war bis Indien keine Verständigung mehr möglich und die fremdartigen Ortsbezeichnungen konnten sie nicht behalten. In den tibetischen Dörfern treffen sie immer auf gastfreundliche Menschen und genießen jede Unterstützung. Alle anderen Fluchtberichte aus Tibet weisen gerade auf mangelnde Unterstützungsbereitschaft der tibetischen Bevölkerung hin.
Zeile 196: Zeile 196:
  
 ==== Schiffbruch und Landurlaub ==== ==== Schiffbruch und Landurlaub ====
-In der vierten Nacht nach dem Auslaufen aus Freetown in Sierra Leone erlitt er Schiffbruch. Mit seinem Beiboot rettet er sich an Land, kann noch seine Papiere, Geld, Wasser und Lebensmittel an sich raffen, bevor die „Ruetli 650“ endgültig in der Nähe des Ufers sinkt. Mit einigen Tauchgängen holt er am nächsten Tag die wichtigsten Sachen aus dem Schiff heraus. Dann ging er zu Fuß nach Freetown: //„Mit einem improvisierten Rucksack auf dem Rücken, der nur Konserven und Trinkwasser in Flaschen enthielt und der mir in der Nacht als Decke diente, begann ich den Hundertmeilenmarsch.“//​ ((Meiss-Teuffen,​ Ziel im Wind, 295))\\ ​+In der vierten Nacht nach dem Auslaufen aus Freetown in Sierra Leone erlitt er Schiffbruch. Mit seinem Beiboot rettet er sich an Land, kann noch seine Papiere, Geld, Wasser und [[wiki:​lebensmittel|Lebensmittel]] an sich raffen, bevor die „Ruetli 650“ endgültig in der Nähe des Ufers sinkt. Mit einigen Tauchgängen holt er am nächsten Tag die wichtigsten Sachen aus dem Schiff heraus. Dann ging er zu Fuß nach Freetown: //„Mit einem improvisierten Rucksack auf dem Rücken, der nur Konserven und Trinkwasser in Flaschen enthielt und der mir in der Nacht als Decke diente, begann ich den Hundertmeilenmarsch.“//​ ((Meiss-Teuffen,​ Ziel im Wind, 295))\\ ​
 Acht Tage lief er, elf Monate saß er in Freetown fest, dann, im März 1943 konnte er auf einem Frachter nach Kapstadt fahren. Dachte er. Denn nach zwei Tagen drehte der Frachter und fuhr stattdessen nach England. Nach einigen Tagen erfolgte ein Luftangriff,​ tags drauf kamen die U-Boote. Ein Treffer an der Steuerbordseite ließ den Frachter sinken, Meiss-Teuffen und einige andere retteten sich auf ein Rettungsfloß,​ dabei gingen auch seine letzten Habseligkeiten verloren. Aus Seenot gerettet, werden die Schiffbrüchigen nach England gebracht: Dort ist er auch als neutraler [[wiki:​auslaender|Ausländer]] den dortigen kriegsbedingten Arbeitspflichtgesetzen unterworfen. Er verbringt den Rest des Krieges als Lastkraftwagenfahrer und verdient genug, um sich bei Ende des Krieges wieder ein Sieben-Tonnen-Segelboot,​ eine 35-mm-Filmkamera,​ Leica und Rolleiflex, Sextant und Chronometer kaufen zu können. Als lukrativen Nebenjob hatte er das Handdrucken von Kopftüchern,​ Schals und Stoffen für Damenkleider begonnen. Schon seine ersten vier „Schöpfungen“ waren so gut, daß sie von einer Stoffdruckfirma in Manchester angekauft wurden. //„Das Hinüberwechseln vom schlechtbezahlten Chauffeur zum gutbezahlten,​ schöpferisch schaffenden Künstler war wohl das Eigenartigste im oftmaligen Auf und Ab meines Lebens.“//​ ((Meiss-Teuffen,​ Ziel im Wind, 306)) Acht Tage lief er, elf Monate saß er in Freetown fest, dann, im März 1943 konnte er auf einem Frachter nach Kapstadt fahren. Dachte er. Denn nach zwei Tagen drehte der Frachter und fuhr stattdessen nach England. Nach einigen Tagen erfolgte ein Luftangriff,​ tags drauf kamen die U-Boote. Ein Treffer an der Steuerbordseite ließ den Frachter sinken, Meiss-Teuffen und einige andere retteten sich auf ein Rettungsfloß,​ dabei gingen auch seine letzten Habseligkeiten verloren. Aus Seenot gerettet, werden die Schiffbrüchigen nach England gebracht: Dort ist er auch als neutraler [[wiki:​auslaender|Ausländer]] den dortigen kriegsbedingten Arbeitspflichtgesetzen unterworfen. Er verbringt den Rest des Krieges als Lastkraftwagenfahrer und verdient genug, um sich bei Ende des Krieges wieder ein Sieben-Tonnen-Segelboot,​ eine 35-mm-Filmkamera,​ Leica und Rolleiflex, Sextant und Chronometer kaufen zu können. Als lukrativen Nebenjob hatte er das Handdrucken von Kopftüchern,​ Schals und Stoffen für Damenkleider begonnen. Schon seine ersten vier „Schöpfungen“ waren so gut, daß sie von einer Stoffdruckfirma in Manchester angekauft wurden. //„Das Hinüberwechseln vom schlechtbezahlten Chauffeur zum gutbezahlten,​ schöpferisch schaffenden Künstler war wohl das Eigenartigste im oftmaligen Auf und Ab meines Lebens.“//​ ((Meiss-Teuffen,​ Ziel im Wind, 306))
  
wiki/flucht.txt · Zuletzt geändert: 2019/11/21 20:45 von norbert