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wiki:fussreisen

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wiki:fussreisen [2020/05/23 16:55]
norbert [Pilgerfahrten]
wiki:fussreisen [2020/06/02 11:59] (aktuell)
norbert
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 Zu Fuß reisen — heißt das, Nutzloses erobern? Erreichen Fußreisende etwas, das andere nicht früher haben könnten? War nicht immer schon jemand vorher da, wenn die berühmten [[wiki:​erforscher|Entdecker]] nach Columbus mühsam ihren Weg gefunden hatten? Vielleicht sind die Fußreisenden die Igel eines jahrhundertealten Wettlaufs. Zu Fuß reisen — heißt das, Nutzloses erobern? Erreichen Fußreisende etwas, das andere nicht früher haben könnten? War nicht immer schon jemand vorher da, wenn die berühmten [[wiki:​erforscher|Entdecker]] nach Columbus mühsam ihren Weg gefunden hatten? Vielleicht sind die Fußreisenden die Igel eines jahrhundertealten Wettlaufs.
-Fußreisende suchen Erfahrung, nicht Erfolg. Sie leben ihren endlosen Traum zwischen [[wiki:​neugier|Neugier]] und [[wiki:​angst|Angst]] . Was hält die [[wiki:​welt|Welt]] bereit, hinter dem Hügel, dort im Wald, unten im Fluß? Raum und [[wiki:​zeit_musse|Zeit]] werden spürbar, im Rhythmus eine dem Menschen gemäße Geschwindigkeit gefunden, die Bedingungen des Lebens direkt empfunden, das Reisen als eine //conditio humana// erlebt.+Fußreisende suchen Erfahrung, nicht Erfolg. Sie leben ihren endlosen Traum zwischen [[wiki:​neugier|Neugier]] und [[wiki:​angst|Angst]] . Was hält die [[wiki:​welt|Welt]] bereit, hinter dem Hügel, dort im Wald, unten im Fluß? Raum und [[wiki:​zeit_musse|Zeit]] werden spürbar, im Rhythmus eine dem Menschen gemäße ​[[wiki:​zeitempfinden|Geschwindigkeit]] gefunden, die Bedingungen des Lebens direkt empfunden, das Reisen als eine //conditio humana// erlebt.
  
 Der Mensch ist nicht nur ein reisendes, sondern auch ein soziales Wesen; er braucht die Gemeinschaft. Fußreisende bewegen sich aus der Gemeinschaft heraus und müssen das besonders legitimieren. Weshalb reisen, wenn es zu nichts nütze scheint, Zeit vergeuden? Für Seßhafte war es immer schon anrüchig, nicht-seßhaft zu sein: Der Mensch ist nicht nur ein reisendes, sondern auch ein soziales Wesen; er braucht die Gemeinschaft. Fußreisende bewegen sich aus der Gemeinschaft heraus und müssen das besonders legitimieren. Weshalb reisen, wenn es zu nichts nütze scheint, Zeit vergeuden? Für Seßhafte war es immer schon anrüchig, nicht-seßhaft zu sein:
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 ===== Jäger und Sammler - Immer unterwegs ===== ===== Jäger und Sammler - Immer unterwegs =====
-Die Veränderung des Klimas rang dem afrikanischen Urwald trockene und weite Savannen ab. Südlich der [[wiki:​sahara|Sahara]] durchstreiften sie Gruppen von 25-50 Frühmenschen auf der Suche nach Wasser und Nahrung, [[wiki:​tiere|Tiere]] jagend, vor Raubtieren flüchtend, immer in Bewegung. Das karge Angebot auf einer Fläche von zwei mal zwei Kilometern ernährte gerade eine Person mit Obst und Wurzeln, Aasresten, erjagtem Fleisch. Ohne Milchviehhaltung wurden ihre Kinder 4-5 Jahre gestillt. Dabei legten sie etwa 5.000 Kilometer zurück, immer im Rhythmus des Gehens, an der Brust der Mutter oder auf ihrem Rücken. Diese Situation prägt das menschliche Verhalten bis heute. Babies schreien nicht, solange sie getragen und etwa fünfzig Mal pro Minute bewegt werden. Dieser Rhythmus läßt sich auch künstlich erzeugen und bewirkt gleiches: nur das liegengebliebene,​ vergessene Baby schreit - Bewegung ist richtig.+Die Veränderung des [[wiki:​klima|Klimas]] rang dem afrikanischen Urwald trockene und weite Savannen ab. Südlich der [[wiki:​sahara|Sahara]] durchstreiften sie Gruppen von 25-50 Frühmenschen auf der Suche nach Wasser und Nahrung, [[wiki:​tiere|Tiere]] jagend, vor Raubtieren flüchtend, immer in Bewegung. Das karge Angebot auf einer Fläche von zwei mal zwei Kilometern ernährte gerade eine Person mit Obst und Wurzeln, Aasresten, erjagtem Fleisch. Ohne Milchviehhaltung wurden ihre Kinder 4-5 Jahre gestillt. Dabei legten sie etwa 5.000 Kilometer zurück, immer im Rhythmus des Gehens, an der Brust der Mutter oder auf ihrem Rücken. Diese Situation prägt das menschliche Verhalten bis heute. Babies schreien nicht, solange sie getragen und etwa fünfzig Mal pro Minute bewegt werden. Dieser Rhythmus läßt sich auch künstlich erzeugen und bewirkt gleiches: nur das liegengebliebene,​ vergessene Baby schreit - Bewegung ist richtig.
  
 Heute lebende Jäger und Sammler pflegen die [[wiki:​zeit_musse|Muße]] – das dürfte früher kaum anders gewesen sein. Mit wöchentlich etwa 20 Stunden Jagd- und Sammelarbeit sichern viele dieser Ethnien ihren Alltag. Ein Territorium wird verlassen, sobald der Aufwand zur Nahrungsbeschaffung zu hoch wird - lange bevor ein Gebiet ausgebeutet ist. Weshalb sollten frühere Jäger und Sammler leistungsbewußter gewesen sein? Reisen hieß, einen Aufwand zur Ortsveränderung zu betreiben, um den Aufwand zum Lebensunterhalt zu minimieren. Ein Kampf ums Dasein war nur selten nötig. Heute lebende Jäger und Sammler pflegen die [[wiki:​zeit_musse|Muße]] – das dürfte früher kaum anders gewesen sein. Mit wöchentlich etwa 20 Stunden Jagd- und Sammelarbeit sichern viele dieser Ethnien ihren Alltag. Ein Territorium wird verlassen, sobald der Aufwand zur Nahrungsbeschaffung zu hoch wird - lange bevor ein Gebiet ausgebeutet ist. Weshalb sollten frühere Jäger und Sammler leistungsbewußter gewesen sein? Reisen hieß, einen Aufwand zur Ortsveränderung zu betreiben, um den Aufwand zum Lebensunterhalt zu minimieren. Ein Kampf ums Dasein war nur selten nötig.
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 Das geruhsame Wandern in sich langsam verlagernden Territorien war kaum jemals eine richtige Reise, Ziele lagen meist nah. Es mag 80.000 Jahre gedauert haben, bis „moderne“ Menschen den Weg von [[wiki:​routen_in_afrika|Afrika]] nach [[wiki:​routen_in_amerika|Amerika]] über Land zurückgelegt haben, der mit vielfachen Kreuz- und Querwegen vielleicht 40.000 Kilometer betrug. Die „Eroberung“ der Erde erfolgte jedenfalls zu Fuß. Sprachvergleiche,​ Gen- und Mitochondrienanalysen führen allesamt zu ähnlichen Ergebnissen:​ eine kleine Gruppe verließ vor etwa 100.000 Jahren Afrika über die Landenge von Suez, von Vorderasien gelangten Menschen schon früh nach [[wiki:​europa|Europa]],​ vor 40.000 Jahren wurde [[wiki:​routen_in_australien|Australien]] erreicht, Amerika in verschiedenen Wellen vor etwa 10-20.000 Jahren, vereinzelt vor 30 bis 40.000 Jahren. Die langsame Wanderung täuscht durch ihre Durchschnittlichkeit,​ da auf Perioden schneller Wanderung, bedingt durch Bevölkerungsdruck,​ klimatische und geographische Gelegenheiten,​ Perioden der Stagnation folgten, bedingt durch eine günstige Umwelt. Warum eine Gegend verlassen, in der es alles gibt? Das geruhsame Wandern in sich langsam verlagernden Territorien war kaum jemals eine richtige Reise, Ziele lagen meist nah. Es mag 80.000 Jahre gedauert haben, bis „moderne“ Menschen den Weg von [[wiki:​routen_in_afrika|Afrika]] nach [[wiki:​routen_in_amerika|Amerika]] über Land zurückgelegt haben, der mit vielfachen Kreuz- und Querwegen vielleicht 40.000 Kilometer betrug. Die „Eroberung“ der Erde erfolgte jedenfalls zu Fuß. Sprachvergleiche,​ Gen- und Mitochondrienanalysen führen allesamt zu ähnlichen Ergebnissen:​ eine kleine Gruppe verließ vor etwa 100.000 Jahren Afrika über die Landenge von Suez, von Vorderasien gelangten Menschen schon früh nach [[wiki:​europa|Europa]],​ vor 40.000 Jahren wurde [[wiki:​routen_in_australien|Australien]] erreicht, Amerika in verschiedenen Wellen vor etwa 10-20.000 Jahren, vereinzelt vor 30 bis 40.000 Jahren. Die langsame Wanderung täuscht durch ihre Durchschnittlichkeit,​ da auf Perioden schneller Wanderung, bedingt durch Bevölkerungsdruck,​ klimatische und geographische Gelegenheiten,​ Perioden der Stagnation folgten, bedingt durch eine günstige Umwelt. Warum eine Gegend verlassen, in der es alles gibt?
  
-Die frühen Wanderer schätzten sichere Wege: entlang der Flüsse, in Klimazonen mit regelmäßigen Regenfällen und nicht zu kalten Wintern, mit Rückzugsmöglichkeiten in Höhlen oder auf Bäume. Wüsten, Gebirge, vereiste Gegenden erforderten einen hohen Aufwand: Bekleidung, Transportmittel für Wasser und [[wiki:​lebensmittel|Lebensmittel]] , die Technik des [[wiki:​lagerfeuer|Feuermachens]],​ Schutz gegen Kälte und Sturm waren nötig. Der Druck zur Wanderung mußte schon außergewöhnlich stark sein, um sich solchen Bedingungen auszusetzen. Zogen sich einzelne Gruppen in Nischen, in Täler, auf Almen, auf Inseln, in Oasen zurück, riskierten sie ihre Existenz. Ein einziges kaltes Jahr, ein einzige ausgefallene Regenzeit bedeutete ihr Ende. Der Abstand zu anderen Gruppen durfte nie zu groß werden: wer zu schnell war, begab sich in die soziale Isolation, förderte Krankheit durch Inzucht. Das erforderte den Kontakt zu weiteren 20-30 Gruppen.+Die frühen Wanderer schätzten sichere Wege: entlang der Flüsse, in [[wiki:​klima|Klimazonen]] mit regelmäßigen Regenfällen und nicht zu kalten Wintern, mit Rückzugsmöglichkeiten in Höhlen oder auf Bäume. Wüsten, Gebirge, vereiste Gegenden erforderten einen hohen Aufwand: Bekleidung, Transportmittel für Wasser und [[wiki:​lebensmittel|Lebensmittel]] , die Technik des [[wiki:​lagerfeuer|Feuermachens]],​ Schutz gegen Kälte und Sturm waren nötig. Der Druck zur Wanderung mußte schon außergewöhnlich stark sein, um sich solchen Bedingungen auszusetzen. Zogen sich einzelne Gruppen in Nischen, in Täler, auf Almen, auf Inseln, in Oasen zurück, riskierten sie ihre Existenz. Ein einziges kaltes Jahr, ein einzige ausgefallene Regenzeit bedeutete ihr Ende. Der Abstand zu anderen Gruppen durfte nie zu groß werden: wer zu schnell war, begab sich in die soziale Isolation, förderte Krankheit durch Inzucht. Das erforderte den Kontakt zu weiteren 20-30 Gruppen.
  
 ==== Der Bote ==== ==== Der Bote ====
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 ===== Nomaden - Die Weiden sind das Ziel ===== ===== Nomaden - Die Weiden sind das Ziel =====
 Wandernden Sammlern mag es eines Tages, vielleicht vor der Durchquerung einer ausgedehnten kargen Gegend, zweckmäßig erschienen sein, sich lebende Nahrung mitzunehmen,​ vermutlich wildlebende Ziegen- oder Schafsarten. Sie waren genügsam, boten wohlschmeckendes Fleisch, gaben Milch und Wolle, vermehrten sich von allein, ließen sich einfach hüten und führen. Wandernden Sammlern mag es eines Tages, vielleicht vor der Durchquerung einer ausgedehnten kargen Gegend, zweckmäßig erschienen sein, sich lebende Nahrung mitzunehmen,​ vermutlich wildlebende Ziegen- oder Schafsarten. Sie waren genügsam, boten wohlschmeckendes Fleisch, gaben Milch und Wolle, vermehrten sich von allein, ließen sich einfach hüten und führen.
-Sobald dem Wanderer die Tiere mehr bedeuteten als Nahrungsmittel auf eigenen Beinen, maß er ihnen einen dauerhaften Wert zu: sie wurden zu Kapital, Prestige, Altersvorsorge. Darin zeigt sich erstmals Sorge um die Zukunft, Sicherheitsdenken,​ langfristige Planung und Eigentum. Der wandernde Nomade gab etwas auf von der Freiheit eines Jägers und Sammlers und trug fortan Sorge auch für sein Vieh. Sein Lebensziel änderte sich: die Bedürfnisse der Tiere bestimmten künftig seine Wanderungen:​ Wasser, Nahrung, Klima mußten den Tieren zuträglich sein. Der Begriff //Nomade// lebt unter dem Naturgesetz,​ //​nomos//, ​ es beherrscht sein Weideland.+Sobald dem Wanderer die Tiere mehr bedeuteten als Nahrungsmittel auf eigenen Beinen, maß er ihnen einen dauerhaften Wert zu: sie wurden zu Kapital, Prestige, Altersvorsorge. Darin zeigt sich erstmals Sorge um die Zukunft, Sicherheitsdenken,​ langfristige Planung und Eigentum. Der wandernde Nomade gab etwas auf von der Freiheit eines Jägers und Sammlers und trug fortan Sorge auch für sein Vieh. Sein Lebensziel änderte sich: die Bedürfnisse der Tiere bestimmten künftig seine Wanderungen:​ Wasser, Nahrung, ​[[wiki:Klima|Klima]] ​mußten den Tieren zuträglich sein. Der Begriff //Nomade// lebt unter dem Naturgesetz,​ //​nomos//, ​ es beherrscht sein Weideland.
  
 Unwissentlich war ein erster Schritt zur Seßhaftwerdung getan - Viehwirtschaft betrieben, Güter produziert: Fleisch, Milch, Käse, Joghurt, Kefir, Leder, Felle, Haare, Hörner, Knochen. Wenn Nomaden ihren Herden Wert zumessen, und das tun sie bis heute, wird ein Wachstum der Herden angestrebt. Die Güterproduktion übersteigt den Bedarf der Sippe. Unvorstellbar,​ die Güter wegzuwerfen,​ nachdem sie Jahrzehntausende einen immensen Wert darstellten. Bei Jägern und Sammlern gab es kein Eigentum: Reichtum wurde geteilt oder vernichtet. Doch Nomadentum ist unvereinbar mit der Anhäufung von Besitz, Überschuß muß getauscht oder verkauft werden. Geld kommt von Geltung und ist sprachverwandt mit Zahlung, Opfer, Vieh. Unwissentlich war ein erster Schritt zur Seßhaftwerdung getan - Viehwirtschaft betrieben, Güter produziert: Fleisch, Milch, Käse, Joghurt, Kefir, Leder, Felle, Haare, Hörner, Knochen. Wenn Nomaden ihren Herden Wert zumessen, und das tun sie bis heute, wird ein Wachstum der Herden angestrebt. Die Güterproduktion übersteigt den Bedarf der Sippe. Unvorstellbar,​ die Güter wegzuwerfen,​ nachdem sie Jahrzehntausende einen immensen Wert darstellten. Bei Jägern und Sammlern gab es kein Eigentum: Reichtum wurde geteilt oder vernichtet. Doch Nomadentum ist unvereinbar mit der Anhäufung von Besitz, Überschuß muß getauscht oder verkauft werden. Geld kommt von Geltung und ist sprachverwandt mit Zahlung, Opfer, Vieh.
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   Gunter Narr Verlag, 1990   Gunter Narr Verlag, 1990
 ==== Fahrendes Volk ==== ==== Fahrendes Volk ====
-In der Renaissance schrumpft die Welt weiter. Wissen der Antike wurde wiedergefunden,​ die Sonne in den Mittelpunkt der damaligen Welt gerückt, die Erde zur Kugel. Denker erweiterten den geistigen Horizont, Entdeckungsreisende den geographischen. Gewonnenes [[wiki:​wissen|Wissen]] ging auf Kosten von Phantasie und Glauben. Die christliche Vorstellung vom Erdendasein als kurzer Episode, vom Leben als Reise, von Abraham als idealem Pilger, verlor an Bedeutung. Die Vision des ewigen Lebens verblaßte gegenüber den greifbaren Werten diesseitiger Güter. Arbeit schaffte nicht nur Güter, sondern auch jenseitigen Wert. Sinn wurde synonym mit Schein, Glanz, Geld. Sich pilgernd von Überflüssigem befreien? Keine Zeit! Um sicher zu gehen, schickte man Stellvertreterpilger nach Santiago de Compostela, das kostete so viel wie zwei Ochsen. Im 19. Jahrhundert blieb nur noch Spott:// „Ach! Da schaun sich traurig an/Pilgerin und Pilgersmann.“//​ (''​W. Busch''​).  +In der Renaissance schrumpft die Welt weiter. Wissen der Antike wurde wiedergefunden,​ die Sonne in den Mittelpunkt der damaligen Welt gerückt, die Erde zur Kugel. Denker erweiterten den geistigen Horizont, Entdeckungsreisende den geographischen. Gewonnenes [[wiki:​wissen|Wissen]] ging auf Kosten von Phantasie und Glauben. Die christliche Vorstellung vom Erdendasein als kurzer Episode, vom Leben als Reise, von Abraham als idealem Pilger, verlor an Bedeutung. Die Vision des ewigen Lebens verblaßte gegenüber den greifbaren Werten diesseitiger Güter. Arbeit schaffte nicht nur Güter, sondern auch jenseitigen Wert. Sinn wurde synonym mit Schein, Glanz, Geld. Sich pilgernd von Überflüssigem befreien? ​[[wiki:​zeitempfinden|Keine Zeit]]! Um sicher zu gehen, schickte man Stellvertreterpilger nach Santiago de Compostela, das kostete so viel wie zwei Ochsen. Im 19. Jahrhundert blieb nur noch Spott:// „Ach! Da schaun sich traurig an/Pilgerin und Pilgersmann.“//​ (''​W. Busch''​).  
-Paradoxerweise wurde die Epoche zum Zeitalter der Entdecker und Erforscher hochgejubelt. Doch längst war die Welt zu Fuß entdeckt, viel gründlicher als „Eroberer“ das vermochten. Es ging vielmehr darum, das Wissen über die Wege rund um den Globus zu nutzen – nicht die Welt wurde entdeckt, sondern Kunden, nicht Länder wurden erobert, sondern Märkte. Nach der Seßhaftwerdung war dies die zweite Hinwendung zum Materialismus.+Paradoxerweise wurde die Epoche zum Zeitalter der [[wiki:​erforscher|Entdecker und Erforscher]] hochgejubelt. Doch längst war die Welt zu Fuß entdeckt, viel gründlicher als „Eroberer“ das vermochten. Es ging vielmehr darum, das Wissen über die Wege rund um den Globus zu nutzen – nicht die Welt wurde entdeckt, sondern Kunden, nicht Länder wurden erobert, sondern Märkte. Nach der Seßhaftwerdung war dies die zweite Hinwendung zum Materialismus.
  
 Gastfreundschaft und Herberge verlangen Gegenseitigkeit. Der Gast muß sich ausweisen, und sei es durch das bloße Wort: Wie heißt er? Woher kommt er? Was ist sein Ziel, der Zweck der Reise? Dafür erhält er Gastrecht: Essen, Trinken, Obdach, Auskunft über den Weg. Mißbrauch gibt es auf beiden Seiten, doch ist er nicht die Regel. Eine Steigerung erfuhr das Gastrecht innerhalb informeller Gruppen: Juden boten Glaubensbrüdern Unterkunft, Meister den wandernden Gesellen, Klöster standen allen offen, Spitäler und Hospitale den Pilgern. Gastfreundschaft und Herberge verlangen Gegenseitigkeit. Der Gast muß sich ausweisen, und sei es durch das bloße Wort: Wie heißt er? Woher kommt er? Was ist sein Ziel, der Zweck der Reise? Dafür erhält er Gastrecht: Essen, Trinken, Obdach, Auskunft über den Weg. Mißbrauch gibt es auf beiden Seiten, doch ist er nicht die Regel. Eine Steigerung erfuhr das Gastrecht innerhalb informeller Gruppen: Juden boten Glaubensbrüdern Unterkunft, Meister den wandernden Gesellen, Klöster standen allen offen, Spitäler und Hospitale den Pilgern.
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 Die **Freiheit des Gehens** in der Wüste entdeckte und beschrieb ''​Otl Aicher''​ in schönen Bildern. ​ Die **Freiheit des Gehens** in der Wüste entdeckte und beschrieb ''​Otl Aicher''​ in schönen Bildern. ​
-Weit über 200 Jahre früher fand der aufklärende Denker ''​Jean-Jacques Rousseau'',​ Genfer und Franzose, in der Natur der Schweizer Bergwelt **Weitblick und Raum für freies Denken**, für seinen Traum vom erfüllten Leben. Um 1750 erwanderte er sich die Schweiz als vielleicht erster überzeugter **Fußwanderer**. Klima und Luft rühmend, Bergwelt und Älpler idealisierend entwarf er 1761 in seiner »La Nouvelle Héloïse« Visionen eines Arkadiens, die nachfolgende Generationen begierig aufnahmen. Die Schweiz mit ihren mühselig zu überschreitenden Pässen, bislang nur Durchreiseland,​ wurde zum Ziel der Bildungsbürger. Hirten erschienen sorglos, Alpen wurden zu saftigen Matten, Felshänge scheinen schützend bei ''​Caspar David Friedrich'',​ vereint mit malerischen Sturzbächen. Rousseaus »Retournons à la nature!« hallte bis tief in unser Jahrhundert. Wilde Wald- und Berglandschaften erhielten nun romantisierende Beinamen, die Sächsische Schweiz wurde als eine der ersten getauft. Naturgenuß,​ die Schweiz als Symbol für Freiheit und das Wandern als klassenlose Reiseart – das waren Ideen, die in das Saeculum der Revolutionen paßten. Fußreisen waren ein Affront gegen ständische Überzeugungen,​ denen rote Wangen bäurisch schienen, weiße Haut als Zeichen besseren Standes galten, frische Luft als schädlich galt und denen es unschicklich war, sich körperlich zu betätigen.+Weit über 200 Jahre früher fand der aufklärende Denker ''​Jean-Jacques Rousseau'',​ Genfer und Franzose, in der Natur der Schweizer Bergwelt **Weitblick und Raum für freies Denken**, für seinen Traum vom erfüllten Leben. Um 1750 erwanderte er sich die Schweiz als vielleicht erster überzeugter **Fußwanderer**. ​*[[wiki:​klima|Klima]] und Luft rühmend, Bergwelt und Älpler idealisierend entwarf er 1761 in seiner »La Nouvelle Héloïse« Visionen eines Arkadiens, die nachfolgende Generationen begierig aufnahmen. Die Schweiz mit ihren mühselig zu überschreitenden Pässen, bislang nur Durchreiseland,​ wurde zum Ziel der Bildungsbürger. Hirten erschienen sorglos, Alpen wurden zu saftigen Matten, Felshänge scheinen schützend bei ''​Caspar David Friedrich'',​ vereint mit malerischen Sturzbächen. Rousseaus »Retournons à la nature!« hallte bis tief in unser Jahrhundert. Wilde Wald- und Berglandschaften erhielten nun romantisierende Beinamen, die Sächsische Schweiz wurde als eine der ersten getauft. Naturgenuß,​ die Schweiz als Symbol für Freiheit und das Wandern als klassenlose Reiseart – das waren Ideen, die in das Saeculum der Revolutionen paßten. Fußreisen waren ein Affront gegen ständische Überzeugungen,​ denen rote Wangen bäurisch schienen, weiße Haut als Zeichen besseren Standes galten, frische Luft als schädlich galt und denen es unschicklich war, sich körperlich zu betätigen.
  
 Der gesellschaftskritische Publizist und Pädagoge ''​Afsprung''​ wanderte 1782 durch die Schweiz und schrieb einen radikaldemokratischen Reisebericht,​ ihm folgten andere Poeten, wie ''​Christoph Meiners'',​ 1784, ''​Gerhard Anton von Halem'',​ 1790, ''​Johann Gottfried Ebel'',​ 1792, ''​Friedrich Leopold von Stolberg'',​ 1794, ''​Johann Wolfgang von Goethe'',​ 1779 und 1797. Der Reisebericht wandelte sich vom politischen zum literarischen Medium, machte die Fußreise zum Topos: so 1797 im »Gestiefelten Kater« von ''​Ludwig Tieck'',​ 1809 in den //​Wahlverwandtschaften//​ Goethes, 1826 im //​Taugenichts//​ von ''​Eichendorff'',​ 1835 im //​Lumpazivagabundus//​ ''​Johann Nestroys''​ und nicht zuletzt in den //​Müllerliedern//​ ''​Schuberts''​. Der gesellschaftskritische Publizist und Pädagoge ''​Afsprung''​ wanderte 1782 durch die Schweiz und schrieb einen radikaldemokratischen Reisebericht,​ ihm folgten andere Poeten, wie ''​Christoph Meiners'',​ 1784, ''​Gerhard Anton von Halem'',​ 1790, ''​Johann Gottfried Ebel'',​ 1792, ''​Friedrich Leopold von Stolberg'',​ 1794, ''​Johann Wolfgang von Goethe'',​ 1779 und 1797. Der Reisebericht wandelte sich vom politischen zum literarischen Medium, machte die Fußreise zum Topos: so 1797 im »Gestiefelten Kater« von ''​Ludwig Tieck'',​ 1809 in den //​Wahlverwandtschaften//​ Goethes, 1826 im //​Taugenichts//​ von ''​Eichendorff'',​ 1835 im //​Lumpazivagabundus//​ ''​Johann Nestroys''​ und nicht zuletzt in den //​Müllerliedern//​ ''​Schuberts''​.
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   und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. …    und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. … 
   Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.«   Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.«
-1802 wanderte ''​Johann Gottfried Seume''​ von Leipzig nach Syrakus, ''​Karl Philipp Moritz''​ schaute wandernd Frankreich und England, ''​Goethe''​ erwanderte sich die Schweiz - wie immer, sind die Dichter ihrer Zeit voraus. Das Erlebnis von Natur wird verknüpft mit bestimmten bürgerlich akzeptierten Sichtweisen (''​Spitzweg''​),​ Aussichtstürme entstehen, man erweitert den eigenen Horizont und das Fernrohr gehört zur Wanderausrüstung. Das Wandern als Fußreise ohne Not und Zwang entsteht als bildungsbürgerliche Freizeitbeschäftigung. Kulturell geschätzt wird sie erst seit der Industrialisierung des Reisens: Raum wird zum Hindernis, Zeit ist Geld, Wahrnehmungen rauschen vorbei. Neue Verkehrsmittel (Eisenbahn, Fahrrad, Auto) und verbesserte Straßen lassen die Fußreise in neuem Licht erscheinen. Gehen als unmittelbarste Form der Bewegung, ohne Vermittlung,​ in direkter Berührung der Umwelt, in menschgemäßem Tempo und mit ungefilterter Wahrnehmung. Gehen verändert die Wahrnehmung nur gemächlich,​ Reaktion ist möglich. Sich-gehen-lassen meint, das Denken ausschalten,​ dem Körper die Wahl der Geschwindigkeit,​ des Rhythmus überlassend. Wenig romantisch ist die Straße im 19. Jahrhundert allerdings für die Wanderarbeiter,​ das industrielle Proletariat.+1802 wanderte ''​Johann Gottfried Seume''​ von Leipzig nach Syrakus, ''​Karl Philipp Moritz''​ schaute wandernd Frankreich und England, ''​Goethe''​ erwanderte sich die Schweiz - wie immer, sind die Dichter ihrer Zeit voraus. Das Erlebnis von Natur wird verknüpft mit bestimmten bürgerlich akzeptierten Sichtweisen (''​Spitzweg''​),​ Aussichtstürme entstehen, man erweitert den eigenen Horizont und das Fernrohr gehört zur Wanderausrüstung. Das Wandern als Fußreise ohne Not und Zwang entsteht als bildungsbürgerliche Freizeitbeschäftigung. Kulturell geschätzt wird sie erst seit der Industrialisierung des Reisens: Raum wird zum Hindernis, Zeit ist Geld, Wahrnehmungen rauschen vorbei. Neue Verkehrsmittel (Eisenbahn, Fahrrad, Auto) und verbesserte Straßen lassen die Fußreise in neuem Licht erscheinen. Gehen als unmittelbarste Form der Bewegung, ohne Vermittlung,​ in direkter Berührung der Umwelt, in menschgemäßem ​[[wiki:​zeitempfinden|Tempo]] und mit ungefilterter Wahrnehmung. Gehen verändert die Wahrnehmung nur gemächlich,​ Reaktion ist möglich. Sich-gehen-lassen meint, das Denken ausschalten,​ dem Körper die Wahl der [[wiki:​zeitempfinden|Geschwindigkeit]], des Rhythmus überlassend. Wenig romantisch ist die Straße im 19. Jahrhundert allerdings für die Wanderarbeiter,​ das industrielle Proletariat.
  
 Auf der anderen Seite wurde die Fußreise im **Spaziergang** kultiviert, doch weicht die freie Natur dem gestalteten Landschaftsgarten,​ der einsame Wanderer dem geselligen Bürger, die Innenschau dem Sich-Sehen-Lassen. Für die unübersichtlichen Landschaftsgärten erschienen eigene Reiseführer,​ die Wege zu Sitzgelegenheiten ebenso beschrieben wie Aussichten, Bäume und Sträucher. Man eignete sich Natur an, überraschend durfte sie sein, nicht aber unberechenbar. Sie zu empfinden, setzte Distanz voraus und Bildung, war also den gehobenen Ständen vorbehalten. Die Philanthropen ''​Christian Karl André'',​ ''​Gotthilf Salzmann''​ und ''​Christoph Guthsmuths''​ forderten und entwickelten die Leibeserziehung als kulturelle Tugend, der philanthropische Lehrer und Schriftsteller ''​Karl Philipp Moritz''​ überhöht diese Ideen 1785/86 literarisch in seinem Werk //Anton Reiser// und bereitet den Weg für Turnvater Jahn. Auf der anderen Seite wurde die Fußreise im **Spaziergang** kultiviert, doch weicht die freie Natur dem gestalteten Landschaftsgarten,​ der einsame Wanderer dem geselligen Bürger, die Innenschau dem Sich-Sehen-Lassen. Für die unübersichtlichen Landschaftsgärten erschienen eigene Reiseführer,​ die Wege zu Sitzgelegenheiten ebenso beschrieben wie Aussichten, Bäume und Sträucher. Man eignete sich Natur an, überraschend durfte sie sein, nicht aber unberechenbar. Sie zu empfinden, setzte Distanz voraus und Bildung, war also den gehobenen Ständen vorbehalten. Die Philanthropen ''​Christian Karl André'',​ ''​Gotthilf Salzmann''​ und ''​Christoph Guthsmuths''​ forderten und entwickelten die Leibeserziehung als kulturelle Tugend, der philanthropische Lehrer und Schriftsteller ''​Karl Philipp Moritz''​ überhöht diese Ideen 1785/86 literarisch in seinem Werk //Anton Reiser// und bereitet den Weg für Turnvater Jahn.
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