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Grenze

Kontrolle & Erlaubnis

Für Reisende stehen Staatsgrenzen im Vordergrund, denn für das Übertreten sind Regeln (z. B. Zoll) zu beachten, es werden * Dokumente benötigt (z.B. Reisepass, Fahrzeugpapiere), es ändern sich Vorschriften und * Gesetze. Hier übt der staatliche Souverän seine Macht aus, zeigt militärische Stärke, politisches Selbstbewußtsein, wirtschaftliche Zwänge (»Grenzregime«). Das Kontrollbedürfnis an der Schranke ist dem * Staat seit zumindest in der Neuzeit zu eigen »So wie man an der Grenze Personen, Bücher, Gedanken beobachten muss, so auch Waren; denn sind sie einmal im Staatsgebiet verteilt, so kann man sie nicht mehr mit Sicherheit kontrollieren.« 1)

Das Innen und Außen

Das Auflösen einer Grenze führt aus heutiger Sicht zu einem Naturzustand, der die Ordnung auflöst und * Wildnis zulässt; * Grenzgänger werden misstrauisch beobachtet. Der Begriff »Grenze« wurde erst ab dem 12. Jahrhundert ins Deutsche übernommen; er stammt aus den slawischen Sprachen und bezeichnet dort eine Grenzlinie wie sie in den ostmitteleuropäischen Steppengebieten üblich war.

In Westeuropa dagegen bildeten die Wälder zwischen den Rodungsdörfern einen Grenzbereich ohne deutliche Linie; Grenzen wurden bis dahin als »Marken« bezeichnet und als Flächen gedacht, die oft gemeinsam genutzt wurden. 2) Natürlich entstanden daraus Konflikte. Wenn es aber weder physisch noch als Denkfigur die Grenze gab, so konnten Lösungen nur durch Konsens im Miteinander gefunden werden - man war gezwungen, etwas Gemeinsames zu finden. Der Denkfigur der Grenze kam die Hecke am nächsten, diese war jedoch durchlässig und verband das Innen und Außen. Die Spezialistin für die Kommunikation zwischen Innen und Außen war die Heckenreiterin, die Hagazussa, kurz: die Hexe. In vielen Kulturen finden sich Grenzgottheiten (liminal deities), die als * Reisegötter oft heute noch die Reisenden beschützen.


* Grenze zwischen Leben und Tod

Dieter Kreutzkamp, Rupert Heigl
Mitten durch Deutschland
Auf dem ehemaligen Grenzweg von der Ostsee bis zum Böhmerwald
2. Auflage, München: Frederking & Thaler 1999
19,5x26: 192 Seiten, 39 farb. und 77 SW-Abb.

Grenzgänge sind etwas ganz Besonderes. Ihnen haftet die Gefahr an und die dabei verspürte Unsicherheit ähnelt jener, die man spürt bei den Großen Reisen ins Unbekannte … 1400 Kilometer folgte Dieter Kreutzkamp der ehemaligen Grenze BRD/DDR, dem betonierten Plattenweg, quer durch Deutschland und nennt ihn »die einsamste Straße Deutschlands« – nur eine Ortsdurchfahrt, kein Gegenverkehr, keine Verkehrsschilder und gleichzeitig die stillsten und schönsten Naturregionen Deutschlands.

Die Wanderabschnitte bestimmen die Gliederung. Die Etappen werden in der Art eines Reiseberichts beschrieben. Die zu befürchtende Tristesse einer tagebuchähnlichen Struktur wird vermieden, denn Hintergründe, Begegnungen und kleine Anekdoten machen die Lektüre interessant. Jedem Kapitel folgt ein Infokasten mit Adressen und Hinweisen zu Abstechern, Campingplätzen, Karten, Literatur. Hin und wieder deuten Skizzen den Wegverlauf an, eine Karte kann das aber nicht ersetzen. Und gerade hier liegt der Nachteil des Buches: Zu groß, zu schwer und dennoch nicht ausreichend für eine Wanderung.

1)
M. J. Fraenzi: Über Zölle, Handelsfreiheit und Handelsvereine … Wien 1834, S. 78, zit nach E. Saurer: Straße, Schmuggel, Lottospiel. Göttingen 1989
2)
Christoph Motsch: Grenzgesellschaft und frühmoderner Staat… Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2001
wiki/grenze.txt · Zuletzt geändert: 2019/11/11 07:17 von norbert