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wiki:hodoeporicon

Hodoeporicon

  1. Das altgriechische ὁδοιπόρικος hodoipórikos meint „zur Reise gehörig“, zusammengesetzt aus ὁ·δός (hodos) für den Pfad zwischen zwei Orten, Weg, Straße, Reise und πορεύομαι (poreuomai) für das Hingehen im Sinne von zur Reise aufbrechen.
  2. Mit Hodoeporica (Mehrzahl) wird eine Reiseliteraturgattung bis zur frühen Neuzeit bezeichnet, die Reisedichtung, Reisebeschreibung und Itinerarien umfassen kann. Ihre Eigentümlichkeit erhält diese Gattung durch die gleichzeitige Bedingtheit äußerer und innerer Reise, von Reiseschilderung und Selbsterfahrung, -erkenntnis und -verwirklichung als Lebensreisestil.
  3. Im Unterschied zum mittelalterlichen-klerikalen Denken ist darin zweierlei Neu: (1.) Reisen kann Erkenntnis bringen und (2.) Das Ich des Reisenden wächst durch seine Erfahrungen. Damit bilden Hodoeporica die Wurzel für die »humanistische Gelehrtenrepublik« und für die Bildungsreise, aber auch für die literarische Gattung der Autobiographie. Stellvertretend dafür steht das Odeporicon von Johannes Butzbach (1505/06).
  4. Der Erfolg der Hodoeporica und ihrer Nachfolger wurde erst möglich mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg im 15. Jahrhundert, denn bis dahin wurden Schriften nur in Klöstern handschriftlich kopiert und waren so einer Auswahl unterworfen. Die klösterlich gepflegte stabilitas loci war mit Reisedichtung kaum vereinbar.

Hermann Wiegand
Hodoeporica
Studien zur neulateinischen Reisedichtung des deutschen Kulturraums im 16. Jahrhundert\\
Mit einer Bio-Bibliographie der Autoren und Drucke
Saecula spiritalia. Band 12. Koerner, Baden-Baden 1984

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