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wiki:illusionen

Illusionen

Es gibt drei unterschiedliche Perspektiven die Welt anzuschauen:

  • Man sieht die Welt, wie sie zu sein scheint durch die Brille der persönlichen Erfahrung
    und gewinnt »empirisches Weltwissen«. Diesen Weg gehen Reisende in besonderem Maße.
  • Man sieht die Welt, wie sie ist durch die Brille der Vernunft
    und gewinnt »apriorisches Vernunftwissen«. Dies ist der Weg der *Aufklärung.
  • Man sieht die Welt, wie sie sein sollte durch die Brille der Ideologie
    und bekommt Vorschriften und Gebote. Das ist der Weg des Glaubens.

Annahmen

Weil jedoch diese drei Sichtweisen voneinander abweichen entstehen Konflikte. Menschlich ist das Verlangen, einen mühelosen Weg zu finden, der erstens bequem ist und zweitens frei von Verantwortung. Mit Illusionen lassen sich die abweichenden Sichtweisen harmonisieren, die Weltanschauung den eigenen Glaubensmustern und Einstellungen anpassen. Diese Illusionen verkleiden sich als Annahmen, Neigungen, Schlussfolgerungen, Gerüchte damit wir uns glauben machen können, wir handelten vernünftig.
Auf solche Illusionen weisen beispielsweise folgende Formulierungen hin:

  • Das ist typisch für … (Analogiebildung)
  • Die Fakten widersprechen meiner Überzeugung. (Was nicht sein darf, …)
  • Das klingt glaubwürdig.
  • Informationen werden selektiv den Erwartungen angepasst.
  • Zwei Dinge ereignen sich gleichzeitig, also hängen sie irgendwie zusammen.
  • Das klappt schon, ich glaube fest daran. (magisches Denken)
  • Die Methode nehmen, die beim letzten Mal auch geholfen hat. (Law of the Instrument)
  • Etwas Gutes tun, damit man das Recht erwirbt etwas Falsches zu tun.
  • Kenne ich, habe ich schon immer gesagt.
  • Ich kann alles und habe alles unter Kontrolle. (Selbstüberschätzung)
  • Mein Bauchgefühl täuscht mich nie.
  • Alles bleibt, wie es ist.
  • XY hatte Erfolg damit, also habe ich auch Erfolg.
  • Mögliche Verluste werden höher bewertet als mögliche Gewinne.

Euphemismen, Werbung, Politik

Diese schönen Illusionen verändern unser Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen systematisch (kognitive Verzerrung) zwar gewollt, jedoch mehr oder weniger unbewusst. Wir entscheiden uns für den bequemen Weg. Klappt das nicht, kann man die Opferrolle beanspruchen oder die Verantwortung der Tücke des Objekts zuschreiben. In der Kommunikation nutzen wir *Euphemismen, damit Unangenehmes angenehm wird. Auch lassen wir uns gerne von Werbung verführen, wohl wissend dass wir nur einen Teil der Wahrheit zu sehen bekommen. Verärgert dagegen reagieren viele auf eine politische Kommunikation, die mehr verbirgt als offenlegt. Solche kognitiven Verzerrungen (cognitive bias) sind uns auch vertraut ja auch unterhaltsam als Räuberpistolen, *Ammenmärchen oder Schauergeschichten - aber da weiß man, wo man dran ist.

Ideologie

In emotional aufgepeitschten Massenbeschwörungen beschwören aufgebrachte Apologeten die nahezu unabwendbare *Apokalypse. Alles Bestehende könne diese *Krise nicht abwenden, also gehöre alles Bestehende auf den Schuttplatz der Geschichte. Nur der jeweilige -ismus bringe das Heil und verspricht die Utopie - doch müsse sofort gehandelt wird, ohne Nachdenken, Alternativen gibt es nicht! Also macht kaputt, was euch kaputt macht und werft auch gleich die Vernunft über Bord. Der Notstand verlangt nach Autorität. 1)

Ein weiterer bequemer Ausweg bietet sich an, indem die kognitiven Verzerrungen durch solche ideologischen Verzerrungen (ideologic bias) ersetzt werden, also durch Religion oder eine der bekannten -ismen wie etwa Kommunismus, Faschismus, Islamismus. Ideologische Verzerrungen erkennt man an ihrem festen und klaren Werte-Set. Das moralisch Gute lässt sich leicht auswendig lernen, Widerspruch ist nicht möglich. Es gibt gut oder böse, gerecht oder ungerecht, richtig oder falsch - aber nichts dazwischen. Das macht Diskussionen unmöglich und erfordert Unterwerfung, also eine Hierarchie des Glaubens mit erleuchteten Führern an der Spitze.

Erklärungen sind zu prüfen, wenn sie extrem einfach sind, auf nicht hinterfragbaren »Fakten« beruhen und grundlegende Wahrheiten anbieten, von denen nicht abgewichen werden darf. Solche Erklärungsmodelle führen zu einer eingeschränkten Wahrnehmung, die eine exponentiell spekulative Denkweise als einzig richtige darstellt.

Pragmatismus, Vernunft, Wissen, Reflektion

Den Gegenpol bilden pragmatische Lösungen, der Ideologe soll also die Mücke nicht zum Elefanten aufblasen und »die Kirche mal im Dorf lassen«. Nichts überstürzen, erst mal abwarten, Tee trinken, Schritt für Schritt sich langsam vorantasten. Das macht den Ideologen wahnsinnig.

Sich von dem einen wie dem anderen zu befreien gelingt durch Wille und Vernunft, mittels Wissen und Selbsterkenntnis. Das strengt an und verlangt, dass wir mindestens für uns selbst verantwortlich sind. Das, was wir gerne glauben möchten, ist nicht unbedingt wahr. Überprüfen lässt sich das zumindest für tagesaktuelle Themen im Faktencheck des Rechercheportals Correctiv, bei dem österreichischen Verein Mimikama (»Zuerst denken, dann klicken«) oder beim europäischen Netzwerk Soma. Soma bekämpft Falschmeldungen und Desinformation im Internet.


siehe auch:
* Law of Instrument
* Fachidiot
* Problemlösung
* Weltanschauung

1)
Hermann Lübbe
Politischer Moralismus: Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft
128 S. Siedler 1987
wiki/illusionen.txt · Zuletzt geändert: 2020/06/02 05:53 von norbert