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Lebensreisestil

Ach Viktor, nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist.
 ... Wie glänzet man, wie dichtet, wie erfindet und philosophiert man, 
 wenn man dahinläuft, so wie Montaigne, Rousseau und die Meernessel
 nur leuchten, wenn sie sich bewegen!
 Jean Paul, 1797, Das Kampaner Tal, Kapitel 4, 502: Station
 

Die Reisegenerationen der auslaufenden Moderne zeigen das unablässige Bemühen Reisen und Leben im Unterwegs-Sein zu verbinden, * Weltanschauung zu er-fahren. Die vorerst letzten sind die digital nomads 1) - aber wie schauen die die Welt an und wie geht das weiter?

Der Soziologe Andreas Reckwitz findet den roten Faden in einem Bemühen um eine »singularistische Lebensführung« bei Angehörigen der Mittelklasse. Diese unterscheiden sich durch Lebensstile und ihr kulturelles Kapital 2). Das Reisen ist ein Baustein für deren distinktiven Lebensstil (neben anderen wie Essen, Wohnen, Bildung, Körperkultur). Diese Bausteine dienen dazu, das Selbst aufzuwerten und zu bereichern. Aufwertung kann aber nur innerhalb einer Gruppe erfolgen, die ein solches Profil schätzen kann. Damit entfaltet sich das Selbst also mehr oder weniger öffentlich: früher im regionalen Verein, heute in der Facebook-Gruppe oder vor den Instagram-Followern. Aus der gelegentlichen Selbstentblößung im Festzelt wurde eine Peep-Show vor unbekanntem Publikum ohne Recht auf Vergessen.

Reisende setzen zur Selbstverwirklichung ihren Möglichkeitssinn ein: sie gehen ans Limit, überschreiten Grenzen. Reinhold Messner beschreibt sich als »Eroberer der eigenen Seele« und Max Frisch (1911 - 1991) antwortet (Tagebuch 1946–1949) auf die Frage »Warum reisen wir? - Damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich ist!« Die Authentizität seiner Erfahrungen macht den Reisenden besonders, ganz gleich, ob die Öffentlichkeit ihm zuhause glaubt oder nicht. Den Prüfstein seiner Glaubhaftigkeit bilden andere Reisende. Vor ihnen fliegt jede Lüge sofort auf. unterscheidet die substantielle von der scheinbaren. Es reicht eben nicht, nur Attribute vor sich her zu tragen, sondern die »Statusinvestition« muss permanent erfolgen.

Reckwitz meint allerdings, dass die Singularisierungsbemühungen an ein Ende gekommen sind. So hat die Selbstverwirklichung an Wert verloren, weil das (gesellschaftliche, politische, religiöse …) Korsett, dem sie entfliehen wollte, nicht mehr existiert. Die Avantgarde der Reisenden nach dem Zweiten Weltkrieg wäre dann bereits über ihr Ziel hinausgeschossen. Das, was vor 50 Jahren Erfüllung bot, führt heute zu Leere, Defiziten, Enttäuschungen. Das Besondere, das reisend erworben wurde, erhielt seinen Wert lange Zeit durch sein Verhältnis zum Allgemeinen, Normalen, Akzeptierten. Doch wo bleibt das Besondere, wenn das Normale sich auflöst? Nach und Nach gingen ehemals wichtige äußerliche Merkmale verloren: Fernreisen, Flugreisen, Geheimtipps, exklusives Know-How. Abenteurer-Nimbus? Aussteiger-Rolle? Exklusivität der Globetrotter? Schnee von gestern.

Im Hamsterrad

Für Andreas Reckwitz 3) ist die Selbstverwirklichung als Modell zur Lebensführung fragwürdig geworden, weil sie ihren Gegenpol - das Korsett gesellschaftlicher Zwänge 4) – verloren hat. 1965 fiel auf und provozierte, wer sich eine Blume ins Haar steckte. Heute muss man sich mehr einfallen lassen als eine rote Irokesenfrisur 5). Nach Indien zu reisen reicht jedenfalls nicht.

Die Todesfälle bei Selfies 6) nehmen zu, weil jedes Bild die Einzigartigkeit des Narziss zeigen muss. Dass die Welt nicht nur Bühne ist, entscheidet sich beim Absturz. Nicht das Reisen steht im Vordergrund, sondern wie man dabei rüberkommt und was zurückkommt, Likes zum Beispiel. Doch das reicht nicht mal für ein Strohfeuer, denn nach dem Selfie ist vor dem Selfie. Auch das kann zum Hamsterrad werden - so, wie früher die gesellschaftliche Routine empfunden wurde. Die ersehnte Bestätigung lässt die Erwartungen wachsen und verharrt in diesem Zustand. Enttäuschte Erwartungen sind fast unvermeidlich, führen zu einem Gefühl von Leere, Defiziten, Sinnverlust. Eine Bewegung, die aus dem heutigen Hamsterrad ausbrechen will, ist (noch?) nicht zu erkennen. Und aus welcher Richtung könnten Anstöße dazu kommen?

Eine neue Avantgarde der Reisenden kann es nur dann geben, wenn die Gesellschaft neue, allgemein gültige Normen findet. Ein Ende der Werterelativität ist jedoch in den Industriegesellschaften nicht in Sicht. Die linken Utopien sind verbraucht, die islamistischen Utopien sind ebenso wenig wünschbar wie nationalistische. Wohin also geht die Reise?


Andreas Reckwitz
Die Gesellschaft der Singularitäten
Zum Strukturwandel der Moderne
5. Auflage. Suhrkamp, Berlin 2018, ISBN 978-3-518-58706-5

1)
Tsugio Makimoto, David Manners: Digital Nomad. John Wiley & Sons, 1997, ISBN 0-471-97499-4
2)
Christoph Köck: Abenteuerreisen als kulturelles Kapital, in: Kramer, Dieter; Lutz, Ronald (Hg.): Tourismus - Kultur. Kultur - Tourismus. Münster, Hamburg 1993: LIT-Verlag, S. 191 ff.
3)
Andreas Reckwitz
Die Gesellschaft der Singularitäten
Zum Strukturwandel der Moderne
5. Auflage. Suhrkamp, Berlin 2018, ISBN 978-3-518-58706-5
4)
01.04.1983 Der Spiegel Ariane Barth: Die Globetrotter: Aus allen Zwängen fliehen
5)
Sascha Lobo: Abschied von der Utopie: Die digitale Kränkung des Menschen. FAZ 25. Mai 2014
6)
Selfies: A boon or bane?
J Family Med Prim Care. 2018 Jul-Aug; 7(4): 828–831\\
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6131996/
doi: 10.4103/jfmpc.jfmpc_109_18
wiki/lebensreisestil.1555384974.txt.gz · Zuletzt geändert: 2019/04/16 05:22 von norbert