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wiki:lebensreisestil

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wiki:lebensreisestil [2019/04/16 05:22]
norbert [Lebensreisestil]
wiki:lebensreisestil [2019/07/04 06:10] (aktuell)
norbert
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    Jean Paul, 1797, Das Kampaner Tal, Kapitel 4, 502: Station    Jean Paul, 1797, Das Kampaner Tal, Kapitel 4, 502: Station
        
-Die [[wiki:​reisegenerationen|Reisegenerationen]] der auslaufenden Moderne zeigen das unablässige Bemühen Reisen und Leben im Unterwegs-//​Sein//​ zu verbinden, * **[[wiki:​weltanschauung|Weltanschauung]]** zu er-fahren. Die vorerst letzten sind die //digital nomads// ((Tsugio Makimoto, David MannersDigital NomadJohn Wiley & Sons, 1997, ISBN 0-471-97499-4)) - aber wie schauen die die Welt an und wie geht das weiter?+Die [[wiki:​reisegenerationen|Reisegenerationen]] der auslaufenden Moderne zeigen das unablässige Bemühen Reisen und Leben im Unterwegs-//​Sein//​ zu verbinden, * **[[wiki:​weltanschauung|Weltanschauung]]** zu er-//fahren//. Die vorerst letzten sind die //digital nomads// ((''​Tsugio Makimoto, David Manners''​\\ //Digital Nomad//\\ John Wiley & Sons, 1997, ISBN 0-471-97499-4)) - aber wie schauen die die Welt an und wie geht das weiter?
  
-Der Soziologe ''​Andreas Reckwitz''​ findet ​den roten Faden in einem Bemühen um eine »singularistische Lebensführung« bei Angehörigen der Mittelklasse. Diese unterscheiden sich durch Lebensstile und ihr kulturelles Kapital ((Christoph KöckAbenteuerreisen als kulturelles Kapitalin: Kramer, Dieter; Lutz, Ronald (Hg.): Tourismus - Kultur. Kultur - Tourismus. Münster, Hamburg 1993: LIT-Verlag, S. 191 ff.)). Das Reisen ist ein Baustein ​für deren distinktiven Lebensstil (neben anderen wie Essen, Wohnen, Bildung, Körperkultur). Diese Bausteine ​dienen dazu, das Selbst aufzuwerten und zu bereichern. Aufwertung ​kann aber nur innerhalb einer Gruppe ​erfolgen, die ein solches Profil ​schätzen kann. Damit entfaltet sich das Selbst also mehr oder weniger öffentlich: früher im regionalen Vereinheute in der Facebook-Gruppe oder vor den Instagram-Followern. Aus der gelegentlichen Selbstentblößung im Festzelt wurde eine Peep-Show vor unbekanntem Publikum ohne Recht auf Vergessen.+Der Soziologe ''​Andreas Reckwitz''​ findet ​deren roten Faden in einem Bemühen um eine »singularistische Lebensführung« bei Angehörigen der Mittelklasse ​((''​Andreas Reckwitz''​\\ //Die Gesellschaft der Singularitäten//​\\ Zum Strukturwandel der Moderne\\ 5. Auflage. Suhrkamp, Berlin 2018, ISBN 978-3-518-58706-5)). Diese unterscheiden sich durch Lebensstile und ihr kulturelles Kapital ((''​Christoph Köck''​\\ //Abenteuerreisen als kulturelles Kapital//\\ in: Kramer, Dieter; Lutz, Ronald (Hg.): Tourismus - Kultur. Kultur - Tourismus. Münster, Hamburg 1993: LIT-Verlag, S. 191 ff.)). Das Reisen ist ein Betätigungsfeld ​für deren distinktiven Lebensstil (neben anderen wie Essen, Wohnen, Bildung, Körperkultur). Diese Felder ​dienen dazu, das Selbst aufzuwerten und zu bereichern. Aufwertung ​lässt sich auf zwei Wegen erreichen:​ 
 +  - durch Aufmerksamkeit ​innerhalb einer Gruppe, deren Mitglieder (Follower) ein solches Profil anerkennend teilen (Anzahl der Likes), weil die Attribute dieses Lebensstils formal glaubhaft präsentiert werden (Influencer);​ 
 +  - durch Aufnahme in eine Gruppe, die ein solches Profil ​schätzt, weil die damit verbundenen Werte auf geteilten Erfahrungen beruhen und einen symmetrischen Austausch ermöglichen.  
 +Der erste Weg beschreibt die Singularisierung,​ der zweite eine Vergemeinschaftung. Damit entfaltet sich das Selbst ​in beiden Fällen ​also mehr oder weniger öffentlich, ​jedoch hier als Peep-Show vor unbekanntem Publikum ohne Recht auf Vergessen ​und dort im Verein mit gelegentlicher Selbstentblößung im Festzelt. Die sich bildenden Gemeinschaften sind qualitativ nicht vergleichbar:​ Hier laufen Follower dem Goldenen Kalb nach, dort bilden sich Kameradschaften,​ Freundschaften,​ Liebschaften. Bindung erfolgt hier hier indem die »Statusinvestition« unentwegt wiederholt wird; dort verlagert sie sich von den Attributen ins Zwischenmenschliche. Letzteres wurde jedoch lange als gesellschaftlicher Zwang empfunden, die Singularisierung als Protest dagegen, die Selbstverwirklichung als Weg heraus.
  
-Reisende setzen zur Selbstverwirklichung ihren Möglichkeitssinn ein: sie gehen ans Limit, überschreiten Grenzen''​Reinhold Messner''​ beschreibt sich als »Eroberer der eigenen Seele« und ''​Max Frisch''​ (1911 - 1991) antwortet (Tagebuch 1946–1949) auf die Frage //»Warum reisen wir? - Damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich ​ist!«// Die Authentizität seiner Erfahrungen macht den Reisenden besonders, ganz gleich, ob die Öffentlichkeit ihm zuhause glaubt oder nicht. Den Prüfstein seiner Glaubhaftigkeit bilden andere Reisende. Vor ihnen fliegt jede Lüge sofort auf. +  Leute ohne Macke sind Kacke. 
-unterscheidet die substantielle von der scheinbaren. Es reicht eben nicht, nur Attribute vor sich her zu tragen, sondern die »Statusinvestition« muss permanent erfolgen.+  Aber manche Macke ist auch Kacke.
  
-Reckwitz ​meint allerdings, dass die Singularisierungsbemühungen an ein Ende gekommen sind. So hat die Selbstverwirklichung ​an Wert verloren, weil das (gesellschaftliche,​ politische, religiöse ...) Korsettdem sie entfliehen wollte, nicht mehr existiert. Die Avantgarde der Reisenden nach dem Zweiten Weltkrieg wäre dann bereits über ihr Ziel hinausgeschossen. Das, was vor 50 Jahren Erfüllung bot, führt heute zu Leere, Defiziten, Enttäuschungen. Das Besondere, das reisend erworben wurde, erhielt seinen Wert lange Zeit durch sein Verhältnis zum Allgemeinen,​ Normalen, Akzeptierten. Doch wo bleibt das Besondere, wenn das Normale sich auflöst? Nach und Nach gingen ehemals wichtige äußerliche Merkmale verloren: Fernreisen, Flugreisen, Geheimtipps,​ exklusives Know-How. Abenteurer-Nimbus?​ Aussteiger-Rolle?​ Exklusivität der Globetrotter?​ Schnee von gestern.+Für ''​Andreas ​Reckwitz'' ​ ist die Selbstverwirklichung ​als Modell zur Lebensführung fragwürdig geworden, weil sie ihren Gegenpol - das Korsett gesellschaftlicher Zwänge ​((''​Ariane Barth''​\\ //Die Globetrotter:​ Aus allen Zwängen fliehen//\\ Der Spiegel 01.04.1983)) – verloren hat. 1965 fiel auf und provoziertewer sich eine Blume ins Haar steckte. Heute muss man sich mehr einfallen lassen als eine rote Irokesenfrisur ((''​Sascha Lobo''​\\ //Abschied von der Utopie: Die digitale Kränkung des Menschen//​\\ FAZ 25. Mai 2014)). Nach Indien zu reisen reicht jedenfalls nicht. Die Avantgarde der Reisenden nach dem Zweiten Weltkrieg wäre dann bereits über ihr Ziel hinausgeschossen. Das, was vor 50 Jahren Erfüllung bot, führt heute zu Leere, Defiziten, Enttäuschungen. Das Besondere, das reisend erworben wurde, erhielt seinen Wert lange Zeit durch sein Verhältnis zum Allgemeinen,​ Normalen, Akzeptierten. Doch wo bleibt das Besondere, wenn das Normale sich auflöst? Nach und Nach gingen ehemals wichtige äußerliche Merkmale verloren: Fernreisen, Flugreisen, Geheimtipps,​ exklusives Know-How. ​[[wiki:​abenteuer|Abenteurer]]-Nimbus? Aussteiger-Rolle?​ Exklusivität der [[wiki:​globetrotter|Globetrotter]]? Schnee von gestern.
  
-==== Im Hamsterrad ==== +Die Todesfälle bei Selfies ​((//Selfies: A boon or bane?//\\ J Family Med Prim Care. 2018 Jul-Aug; 7(4): 828–831\\ https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6131996/\\ doi: 10.4103/​jfmpc.jfmpc_109_18)) nehmen zu, weil jedes Bild die Einzigartigkeit des Narziss zeigen mussDass die [[wiki:​welt|Welt]] nicht nur Bühne istentscheidet ​sich beim AbsturzNicht das Reisen steht im Vordergrund,​ sondern wie man dabei rüberkommt und was zurückkommt,​ Likes zum BeispielDoch das reicht nicht mal für ein Strohfeuer, denn nach dem Selfie ist vor dem SelfieAuch das kann zum Hamsterrad werden - so, wie früher die gesellschaftliche Routine empfunden wurdeDie ersehnte Bestätigung lässt die Erwartungen wachsen und verharrt in diesem Zustand. Enttäuschte Erwartungen sind unvermeidlich,​ führen ​zu einem Gefühl von Leere, Defizit, Sinnverlust.
-Für ''​Andreas Reckwitz'' ​((''​Andreas Reckwitz''​\\ ​//Die Gesellschaft der Singularitäten//\\ Zum Strukturwandel der Moderne\\ 5Auflage. Suhrkamp, Berlin ​2018, ISBN 978-3-518-58706-5)) ist die Selbstverwirklichung als Modell zur Lebensführung fragwürdig geworden, weil sie ihren Gegenpol - das Korsett gesellschaftlicher Zwänge ​((01.04.1983 Der Spiegel ''​Ariane Barth'': ​//Die Globetrotter:​ Aus allen Zwängen fliehen//)) – verloren hat1965 fiel auf und provoziertewer sich eine Blume ins Haar steckteHeute muss man sich mehr einfallen lassen als eine rote Irokesenfrisur ((Sascha Lobo: Abschied von der Utopie: Die digitale Kränkung des MenschenFAZ 25Mai 2014))Nach Indien ​zu reisen reicht jedenfalls nicht.+
  
-Die Todesfälle bei Selfies ((//Selfies: A boon or bane?//\\ J Family Med Prim Care. 2018 Jul-Aug; 7(4)828–831\\\\ https://www.ncbi.nlm.nih.gov/​pmc/​articles/​PMC6131996/​\\ doi: 10.4103/​jfmpc.jfmpc_109_18)) nehmen ​zu, weil jedes Bild die Einzigartigkeit des Narziss zeigen muss. Dass die Welt nicht nur Bühne istentscheidet sich beim Absturz. Nicht das Reisen steht im Vordergrund,​ sondern wie man dabei rüberkommt ​und was zurückkommtLikes zum BeispielDoch das reicht nicht mal für ein Strohfeuerdenn nach dem Selfie ist vor dem SelfieAuch das kann zum Hamsterrad werden ​so, wie früher ​die gesellschaftliche Routine empfunden wurde. Die ersehnte Bestätigung lässt die Erwartungen wachsen und verharrt ​in diesem ​Zustand. Enttäuschte Erwartungen sind fast unvermeidlichführen zu einem Gefühl von Leere, Defiziten, Sinnverlust. Eine Bewegung, die aus dem heutigen Hamsterrad ausbrechen willist (noch?​) ​nicht zu erkennenUnd aus welcher Richtung könnten Anstöße dazu kommen? +Welche Bewegung könnte aus diesem Hamsterrad heraus und ins //real life// hinein führen, Gemeinschaftliches aufwerten und Sinn geben? Das Wesen des Reisens hat mit [[wiki:neugier|Neugier]] und [[wiki:abenteuer|Abenteuer]] stets dazu beigetragen,​ Neues in die Gesellschaft zu befördernDas Internet schien dies besser ​zu könnendoch fehlt diesem ​nicht nur die Authentizitätsondern es befördert die Täuschung. Nicht zufällig erweisen sich die Wege des Internet als besonders nützlich für Islamisten ​und NationalistenTrumpisten und Putinisten.\\ Reisende dagegen setzen zur Selbstverwirklichung ihren //​Möglichkeitssinn//​ (''​Robert Musil''​) ​ein: sie gehen ans Limitüberschreiten [[wiki:​grenze|Grenzen]]''​Reinhold Messner''​ beschreibt sich als »Eroberer der eigenen Seele« und ''​Max Frisch''​ (1911 1991) antwortet im //Tagebuch 1946–1949//​ auf die Frage //»Warum reisen wir? - Damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem ​Leben möglich ist!«// Die Authentizität seiner Erfahrungen macht den Reisenden besondersganz gleichob die Öffentlichkeit ihm glaubtapplaudiert oder nicht. ​Die Zufriedenheit kommt von innen - man weißwas man hatDen Prüfstein seiner Glaubhaftigkeit bilden andere ReisendeVor ihnen fliegt jede Lüge sofort auf und unterscheidet ​die substantielle von der scheinbaren Authentizität. Wohin also geht die Reise?
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-Eine neue Avantgarde der Reisenden kann es nur dann gebenwenn die Gesellschaft neue, allgemein gültige Normen findetEin Ende der Werterelativität ist jedoch in den Industriegesellschaften nicht in SichtDie linken Utopien sind verbraucht, ​die islamistischen Utopien sind ebenso wenig wünschbar wie nationalistische. Wohin also geht die Reise? +
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-''​Andreas Reckwitz''​\\  +
-//Die Gesellschaft der Singularitäten//​\\  +
-Zum Strukturwandel der Moderne\\  +
-5. Auflage. Suhrkamp, Berlin 2018, ISBN 978-3-518-58706-5+
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