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wiki:lebensreisestil

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wiki:lebensreisestil [2019/04/16 05:00]
norbert
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norbert [Lebensreisestil]
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 Die [[wiki:​reisegenerationen|Reisegenerationen]] der auslaufenden Moderne zeigen das unablässige Bemühen Reisen und Leben im Unterwegs-//​Sein//​ zu verbinden, * **[[wiki:​weltanschauung|Weltanschauung]]** zu er-fahren. Die vorerst letzten sind die //digital nomads// ((Tsugio Makimoto, David Manners: Digital Nomad. John Wiley & Sons, 1997, ISBN 0-471-97499-4)) - aber wie schauen die die Welt an und wie geht das weiter? Die [[wiki:​reisegenerationen|Reisegenerationen]] der auslaufenden Moderne zeigen das unablässige Bemühen Reisen und Leben im Unterwegs-//​Sein//​ zu verbinden, * **[[wiki:​weltanschauung|Weltanschauung]]** zu er-fahren. Die vorerst letzten sind die //digital nomads// ((Tsugio Makimoto, David Manners: Digital Nomad. John Wiley & Sons, 1997, ISBN 0-471-97499-4)) - aber wie schauen die die Welt an und wie geht das weiter?
  
-Der Soziologe ''​Andreas Reckwitz''​ findet den roten Faden in einem Bemühen um eine »singularistische Lebensführung« bei Angehörigen der Mittelklasse. Diese unterscheiden sich durch Lebensstile und ihr kulturelles Kapital ((Christoph Köck: Abenteuerreisen als kulturelles Kapital, in: Kramer, Dieter; Lutz, Ronald (Hg.): Tourismus - Kultur. Kultur - Tourismus. Münster, Hamburg 1993: LIT-Verlag, S. 191 ff.)). Das Reisen ist ein Baustein für deren distinktiven Lebensstil (neben anderen wie Essen, Wohnen, Bildung, Körperkultur). Diese Bausteine dienen dazu, das Selbst aufzuwerten und zu bereichern. Aufwertung kann aber nur innerhalb einer Gruppe erfolgen, die ein solches Profil ​auch bewerten ​kann. Damit entfaltet sich das Selbst also mehr oder weniger öffentlich. Die Authentizität ​der Erfahrungen unterscheidet die substantielle ​Selbstverwirklichung ​von der scheinbaren. Es reicht eben nicht, nur Attribute vor sich her zu tragen, sondern die »Statusinvestition« muss permanent erfolgen.+Der Soziologe ''​Andreas Reckwitz''​ findet den roten Faden in einem Bemühen um eine »singularistische Lebensführung« bei Angehörigen der Mittelklasse. Diese unterscheiden sich durch Lebensstile und ihr kulturelles Kapital ((Christoph Köck: Abenteuerreisen als kulturelles Kapital, in: Kramer, Dieter; Lutz, Ronald (Hg.): Tourismus - Kultur. Kultur - Tourismus. Münster, Hamburg 1993: LIT-Verlag, S. 191 ff.)). Das Reisen ist ein Baustein für deren distinktiven Lebensstil (neben anderen wie Essen, Wohnen, Bildung, Körperkultur). Diese Bausteine dienen dazu, das Selbst aufzuwerten und zu bereichern. Aufwertung kann aber nur innerhalb einer Gruppe erfolgen, die ein solches Profil ​schätzen ​kann. Damit entfaltet sich das Selbst also mehr oder weniger öffentlich: früher im regionalen Verein, heute in der Facebook-Gruppe oder vor den Instagram-FollowernAus der gelegentlichen Selbstentblößung im Festzelt wurde eine Peep-Show vor unbekanntem Publikum ohne Recht auf Vergessen. 
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 +Reisende setzen zur Selbstverwirklichung ihren Möglichkeitssinn ein: sie gehen ans Limit, überschreiten Grenzen. ''​Reinhold Messner''​ beschreibt sich als »Eroberer der eigenen Seele« und ''​Max Frisch''​ (1911 - 1991) antwortet (Tagebuch 1946–1949) auf die Frage //»Warum reisen wir? - Damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich ist!«// ​Die Authentizität ​seiner ​Erfahrungen ​macht den Reisenden besonders, ganz gleich, ob die Öffentlichkeit ihm zuhause glaubt oder nicht. Den Prüfstein seiner Glaubhaftigkeit bilden andere Reisende. Vor ihnen fliegt jede Lüge sofort auf. 
 +unterscheidet die substantielle von der scheinbaren. Es reicht eben nicht, nur Attribute vor sich her zu tragen, sondern die »Statusinvestition« muss permanent erfolgen.
  
 Reckwitz meint allerdings, dass die Singularisierungsbemühungen an ein Ende gekommen sind. So hat die Selbstverwirklichung an Wert verloren, weil das (gesellschaftliche,​ politische, religiöse ...) Korsett, dem sie entfliehen wollte, nicht mehr existiert. Die Avantgarde der Reisenden nach dem Zweiten Weltkrieg wäre dann bereits über ihr Ziel hinausgeschossen. Das, was vor 50 Jahren Erfüllung bot, führt heute zu Leere, Defiziten, Enttäuschungen. Das Besondere, das reisend erworben wurde, erhielt seinen Wert lange Zeit durch sein Verhältnis zum Allgemeinen,​ Normalen, Akzeptierten. Doch wo bleibt das Besondere, wenn das Normale sich auflöst? Nach und Nach gingen ehemals wichtige äußerliche Merkmale verloren: Fernreisen, Flugreisen, Geheimtipps,​ exklusives Know-How. Abenteurer-Nimbus?​ Aussteiger-Rolle?​ Exklusivität der Globetrotter?​ Schnee von gestern. Reckwitz meint allerdings, dass die Singularisierungsbemühungen an ein Ende gekommen sind. So hat die Selbstverwirklichung an Wert verloren, weil das (gesellschaftliche,​ politische, religiöse ...) Korsett, dem sie entfliehen wollte, nicht mehr existiert. Die Avantgarde der Reisenden nach dem Zweiten Weltkrieg wäre dann bereits über ihr Ziel hinausgeschossen. Das, was vor 50 Jahren Erfüllung bot, führt heute zu Leere, Defiziten, Enttäuschungen. Das Besondere, das reisend erworben wurde, erhielt seinen Wert lange Zeit durch sein Verhältnis zum Allgemeinen,​ Normalen, Akzeptierten. Doch wo bleibt das Besondere, wenn das Normale sich auflöst? Nach und Nach gingen ehemals wichtige äußerliche Merkmale verloren: Fernreisen, Flugreisen, Geheimtipps,​ exklusives Know-How. Abenteurer-Nimbus?​ Aussteiger-Rolle?​ Exklusivität der Globetrotter?​ Schnee von gestern.
wiki/lebensreisestil.txt · Zuletzt geändert: 2019/04/16 05:22 von norbert