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Reise-Handwerk

Was braucht der Globetrotter zum Reisen?

Norbert Lüdtke, zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift DER TROTTER Ausgabe 125 (2007) als Teil 3 der Artikelreihe Wir Globetrotter

»Reisen zu können erfordert mehr als Zeit und Geld.
Es ist eine Kunst, und wir müssen zweifeln, ob sie erlernbar ist. 
Zeit, Geld und Gelegenheit mögen stimmen, und die Fahrt geht auch los, 
aber die Rechnung ist ohne den Reisenden nicht zu machen, 
wie sich spätestens bei der Rückkehr zeigt. 
Man kann abfahren, ohne wahrhaft auf Reisen zu gehen, 
und wieder ankommen, ohne fortgewesen zu sein.«
Gert Mattenklott:
Der übersinnliche Leib. Beiträge zur Metaphysik des Körpers
Rowohlt Reinbek bei Hamburg 1983 255 S.

Diese scheinbar einfach Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Denn Globetrotter ist nicht gleich Globetrotter und vor allem: Was braucht man unterwegs, was man zu Hause nicht braucht? Es hilft auch hier, die Frage schrittweise anzugehen. Die erste Frage, was ein Globetrotter weniger braucht als andere Reisende, wurde bereits im vorigen Teil dieser Serie beantwortet: Er benötigt weniger Führung als ein Tourist, denn schließlich strebt er ein selbstbestimmtes Reisen an.
Der Markt des Reisens dagegen lebt von Träumen und Mythen: man möchte Abenteuerreisen mit Nervenkitzel, aber ohne Risiko; Weltreisen in drei Wochen, aber mit exakter Zeitplanung; Reisen mit Erlebnis & Fun, aber ohne Mühe. Outdoor und Natur, aber mit weichem Bett und Dusche. Für Möchtegern-Reisende, die sagen: „Selbst reisen? – Will ich nicht!“

Was braucht ein Globetrotter ebenso wie andere?

Die zweite Frage erscheint klar: Ohne Paß kann niemand frei reisen, weniger bedeutsam sind andere Reisedokumente wie Führerschein, Kfz-Schein usw. Als Deutsche und als EU-Bürger sind wir daran gewohnt, daß viele Länder von uns kein Visum verlangen und daß sich vor dem bordeauxroten Paß ziemlich schnell alle Schlagbäume dieser Welt heben. Dennoch: Kaum ein Globetrotter, der unterwegs noch nie an seinen Dokumenten geschraubt und gebastelt hätte. Doch damit begeben wir uns die Grauzone am Rande der Legalität. Und worüber man nicht schreiben darf … Bereits unser Paß bevorzugt uns Globetrotter. Die Pässe manch anderer Staaten haben kein eingebautes »Sesam-öffne-Dich« (siehe Die Farbe unserer Pässe in Trotter 123). Nicht vergessen sind auch die Staatenlosen ohne Paß, die kein Staat haben will und die im Niemandsland stranden, bis sich auch für sie ein Weg öffnet, meist Flüchtlinge und andere Formen von »Migranten«.

Was brauchen alle Reisenden zum Reisen?

Jeder Reisende benötigt für seine Reisen Zeit, Geld, Know-How und Ausrüstung. Doch jeder Reisende verfügt über ein eigenes, besonderes Maß an diesen Ressourcen und so zeigen sich im Umgang damit die Unterschiede zwischen verschiedenen Typen besonders deutlich. Es scheint lohnend genauer zu betrachten, wie Reisende ihr Potential an Zeit, Geld, Know-How und Ausrüstung ausschöpfen.

Eingangs möchte ich allerdings ein Gedankenexperiment vorschlagen. Jeder von uns hat ja seine Reiseträume. Stelle Dir nun Deinen besonderen Reisetraum vor: vielleicht eine Weltumseglung, mit der Bahn von Berlin nach Bangkok, auf dem Kamel durch die Sahara … Dafür scheint Dir ein bestimmtes Maß an Geld, Zeit, Know-How und Ausrüstung nötig zu sein. Stelle Dir nun vor, dies alles stünde bereit. Würdest Du diese Reise antreten? Und nun stelle Dir schließlich vor, Du könntest dieses Reisepaket verschenken an Menschen, die Du kennst. Sie alle hätten nun die Möglichkeit, diese (selbstbestimmte) Reise anzutreten. Würden sie es tun? Ich vermute, wir gelangen alle zu einem ähnlichen Ergebnis: Die wenigsten würden eine solche Reise antreten, selbst wenn sie Geld, Zeit, Know-How und Ausrüstung geschenkt bekämen. Also gibt es ein fünftes Element, ohne das die mögliche Reise nicht wirklich wird. Erst dieses fünfte Element belebt die Ressourcen – es ist die Persönlichkeit des Reisenden, die ihn zum Globetrotter macht, die Summe seiner Einstellungen, seiner Mentalität, seines Mutes, seiner Bereitschaft aufzubrechen… Es ist dieses Quentchen, das den Ausschlag gibt; es ist der Katalysator, der die schlafende Kraft im Möglichen weckt.

Ein solches Reisepaket wäre die Nagelprobe für einen Globetrotter: »Hier hast Du einen Paß, xy € und ein One-Way-Ticket an einen Ort, der 10.000 km entfernt ist.« Ein Globetrotter nimmt das Paket; er bricht auf und bewegt sich in der Welt wie ein Fisch im Wasser, sein Know-How benutzend. Doch jeder Globetrotter gestaltet daraus eine andere, für ihn typische Reise, individuell gestaltet und unübertragbar. Zwar ist das Wesentliche allen Globetrottern gemeinsam, aber es ist nicht sichtbar; und im Übrigen unterscheiden wir uns deutlich untereinander.

Was brauchen Reisende unterwegs?

Ängste, die dem Reisen entgegenstehen, sind normal, doch wenig begründet. Es mag mir vielleicht nicht gefallen, wo ich ankomme, aber es leben ja Menschen dort. Deren Alltag kann ich teilen. Und da wir eher reiche EU-Bürger sind, werden wir in den meisten Zielgebieten eher billiger leben können – insoweit wir bereit sind, uns auf andere Lebensweisen einzulassen.

Das erfordert eine gewisse Demut und Bescheidenheit, denn dort, unter völlig anderen äußeren Bedingungen, muß ich mich fragen: »Was brauche ich eigentlich zum Leben?« Im Unterschied zum Touristen sind Reisende fähig zum Frugalismus: Das morgendliche Graubrot, das abendliche Bier? Nachrichten aus Politik und Wirtschaft? Hin und wieder ins Theater? Gewohnheiten und Routinen im Anderswo aufrechtzuerhalten, kann sich sehr aufwendig gestalten. Doch geht es nicht auch anders?

Der Reisende, der sich auf das Fremde einläßt, stellt sich selbst mehr in Frage als jeder Daheimgebliebene: Gewohnheiten sowieso, aber auch Bedürfnisse, das Lebenstempo, Einstellungen … Je mehr sich der Reisende frei macht von allem, was er zu brauchen glaubt, desto freier wird. Schließlich bleibt übrig, was wichtiger ist. Wer meint »Ich kann nicht leben ohne…« muß dieses Päckchen auch tragen. Für den die Freiheit anstrebenden Globetrotter ist die Reise auch eine Methode, sich von solchen Päckchen zu befreien – der eine legt mehr ab, der andere weniger.

In seiner Extremform als ethnischer Reisender, dessen Ziel es ist sich in einer fremden Kultur zu assimilieren, verliert sich der Charakter der Reise mit der Zeit. Denn insofern der Reisende anstrebt in der ihm fremden Kultur einen neuen Alltag aufzubauen – mit Wohnung, Beziehungen, Arbeit – wird er vom Reisenden zum Aussteiger und Auswanderer, der andernorts natürlich ein Einsteiger und Einwanderer ist. Der Reisende dagegen weiß, daß es für ihn unterwegs keinen Alltag geben wird, er bricht bei jedem Aufbruch mit Routinen und Gewohnheiten, die sich bei jedem neuen Aufenthalt nur schwach entwickeln.

Fassen wir zusammen:

Zeit, Geld, Know-How und Ausrüstung sind mehr oder weniger notwendige Zutaten für jede Reise. Billigflüge, Internet und dicke Kataloge erwecken den Eindruck, die Wahl der Zutaten wäre entscheidend, denn »Reisen kann doch jeder!« Nun ja, im Prinzip schon, so wie jeder glaubt, kochen zu können. Doch die Zutaten sind nicht hinreichend.

Unabdingbar ist eine persönliche Disposition zum Reisen, das »fünfte Element«, die Quintessenz. Diese läßt sich nicht als solche erkennen. Erkennen läßt sich jedoch der Aufbruch und die Art und Weise, wie Reisende mit den Ingredienzien Zeit, Geld, Know-How und Ausrüstung umgehen.

Zeit erscheint als wichtigste Zutat und läßt sich durch nichts ersetzen. Kurze Reisen sind meist teurer und organisatorisch aufwendiger als längere Reisen. Zeit fürs Reisen im Überfluß zu haben, ist der Traum aller Globetrotter.

Know-How erwirbt man nur durch Tun, Wissen alleine genügt nicht. Reisend wächst das Know How; jede neue Erfahrung erweitert das Fundament für künftige Reisen. Know-How läßt sich nur scheinbar kaufen. Sprachkurse vermitteln keine Umgangssprache und keinen Dialekt; Bücherwissen ist tot ohne die Fähigkeit, es richtig anzuwenden. Wie bei jedem Handwerk haben manche ein Händchen dafür, andere weniger. Die, die kein Händchen dafür haben, suchen verzweifelt nach Rezepten und vermuten ein Geheimwissen bei jenen, die es können. Doch wer laufen lernen will, muß nicht nur den ersten Schritt machen sondern viele weitere folgen lassen. Als Lehrling macht man eben Fehler.

Geld löst als guter Schmierstoff manchen Konflikt. »Ohne Geld um die Welt« wurde nicht nur wiederholt zum Buchtitel (z.B. von Heinz Rox-Schulz »König der Globetrotter«) und scheint daheimgebliebene Leser zu faszinieren (solange sie nicht selbst ohne Geld reisen müssen). Man reist lockerer, wenn die Notwendigkeiten des Lebens unterwegs gesichert sind: Essen und Trinken, Unterkunft und Kleidung … – wo immer der Einzelne das für ihn notwendge Niveau finden mag. Darüber hinaus verführt Geld allerdings dazu, eine unnötig Reise zu befrachten. Der Versuch, mangelndes eigenes Know-How zu kaufen (Bücher, Experten, Führer, Touren) entfremdet die Reise, verhindert eigene Erfahrungen.

Ausrüstung erscheint erstrebenswert: solide Technik beruhigt, Modisches läßt sich zeigen. Für jedes Bedürfnis und gegen jede Befürchtung findet sich etwas im Katalog. Die Reise mit dem Ausrüstungskatalog vorzubereiten ist ein teurer und oft begangener Weg. Doch der vollgepackte Rucksack bedrückt. Und wer ins Wohnmobil mehr investiert als in die Reise, zeigt, daß ihm die Reise weniger wichtig ist. Es gibt viele Möglichkeiten unnötige Ausrüstung zu vermeiden (Selbstreise-Handbuch, Band 1, 157: Was man so trägt), denn nur die reisealltäglichen Situationen müssen gesichert sein, nicht die denkbaren Ausnahmesituationen.

Ein gerüttelt Maß an Zeit und Know How erspart Geld, und Ausrüstung sowieso. Der massive Einsatz von Geld und Ausrüstung schadet einer Reise. Der Umgang mit diesen vier Ressourcequellen verrät viel über den Globetrotter.


Literatur

Edward Hasbrouck
The practical nomad
How to travel around the world
1.Auflage, Chico/USA: Moon Travel Handbooks 1997
14x21,5cm: 565 S., wenige Abb., ISBN 1-56691-076-5

If you ever dreamed of a trip around the world, this book is for you. – Sagt der Autor, ein auf Weltreisen spezialisierter travel agent, und verfolgt ähnliche Ziele wie die dzg mit dem Selbstreise-Handbuch. Surface und Air Transportation werden auf 250 Seiten ausgebreitet, die amerikanischen Verhältnisse sind vermutlich nirgends gründlicher geschildert. Die restlichen Seiten verteilen sich auf Travel documents (60), Safety and Health (25), Baggage (25), Practicalities (50), Bottom Line (25). Ein Anhang (60) kommentiert Magazine, Bücher und Adressen zu vielen Themen, natürlich im angloamerikanischen Bereich. Die umfangreiche Stoffsammlung ist gut gegliedert und erschlossen mit Inhaltsverzeichnis und aufwendigem Register. Es finden sich jedoch kaum essentials in Form von Aufzählungen, Checklisten, Tabellen – Informationen müssen mühsam aus mehrseitigen Bleiwüsten herausgeklaubt werden. Länderspezifische Informationen fehlen nahezu völlig. Der separate Adressenteil ist mager, zum Thema Landkarten wird je eine Adresse in den USA und in England genannt. Mit 750g untauglich für den Rucksack. Wer in den USA wohnt oder von dort aus reist, mag manchen Vorteil aus dem Buch ziehen. (Norbert Lüdtke)

wiki/reise-handwerk.txt · Zuletzt geändert: 2019/09/17 07:28 von norbert