Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


wiki:reisegoetter

Reisegötter

Reisende setzen sich dem Unbekannten aus. Dies beginnt mit dem Überschreiten der Schwelle, setzt sich fort beim Verlassen der Siedlung und beim Weg durch die Wildnis, insbesondere beim Durchschreiten von Gewässern oder Überschreiten von Pässen, dem Wetter ausgesetzt und den wilden Tieren. Das Unbekannte weckt Angst und ein Bedürfnis nach Schutz und Orientierung. Bevor es Impfungen, Reiseführer und Ausrüsterläden gab, waren dafür Reisegötter zuständig.

»Reisegötter« (engl. travel deities) sind Schutzgottheiten, die angerufen werden, wenn reisetypische Grenzen überschritten und sicherheitsstiftende Ordnung verlassen werden; * Grenzgänger, die die dies als selbstverständlich empfinden, gelten als suspekt. Reisegötter versehen ihre Aufgaben insbesondere an Kreuzungen, Pässen, Furten, Quellen, Oasen usw., oft erinnert ein * Steinmann daran sie anzurufen, im tibetischen Himalaya sind es Gebetsfahnen, in Europa Feldkreuze.

Schutzgottheiten

Manche Schutzgottheiten haben christlich geformt bis heute überdauert, so etwa * Christophorus als Schutzpatron der Reisenden. Ihm vergleichbar finden sich als Beschützer der Reisenden:

  • Der griechische Gott Hermes schützte die Reisenden, als Hermes Kriophoros trägt er ein Lamm (das spätere Sinnbild für Christus) auf den Schultern. Der Hermesstab (lat. Caduceus) wird von zwei einander anblickenden Schlangen umwunden; auf dem Kopf trägt Hermes den geflügelten Reisehut 1). Der Hermeskult ist der älteste der griechischen Mythologie; der Tierträger ist ein Hirtengott und »Hundebezwinger«. Hermes begleitet die Seelen der verstorbenen in die Unterwelt und übergibt sie dem Fährmann Charon, der sie über den Totenfluss Styx bringt. Hermes ist auch als Bote der Götter immer unterwegs. Seine Botschaften fordern Einsicht und Verständnis; noch heute bezeichnet man die Wissenschaft vom »Deuten und Verstehen« als Hermeneutik.
  • Der römische Mercur, benannt nach merx, dem Markt, ist ein Beschützer der reisenden Kaufleute und ebenfalls Götterbote und Seelenbegleiter, gleicht mit Flügelhut und Schlangenstab 2) völlig dem Hermes, nur dass sein Totenfluss Acheron heißt, außerdem trägt er meist einen Geldbeutel (marsupium). Sein Beiname Chrysorrhapis 3) verweist auf den goldenen Stab; ein Widder und sein Ruf als Erfinder des wollenen Mantels verweisen auf seine Hirtenwurzeln.
  • Der etruskische Gott Turms ist wiederum absolut identisch mit Merkur, zeigt dieselben Merkmale. 4)
  • Im nördlichen Europa verschmolz Merkur mit dem keltischen Reisegott Cissonius zu Mercur Cissonius, der ebenfalls mit Flügelhut und Heroldsstab dargestellt wurde; sein Name wurde als Tapferer oder auch (Ziegen-)Wagenfahrer gedeutet. Ebenfalls römisch-keltisch ist Mercurius Arvernus.
  • Den vorigen vergleichbar bringt in der ägyptischen Mythologie Anubis die Seelen der Verstorbenen zum Fährmann Thot, der sie über den Totenfluss Eridanos geleitet. Anubis wird vorwiegend mit einem Hunde- oder Schakalkopf dargestellt sowie mit einem spiralfömigen, gegabelten Was-Zepter; welches gedeutet wird als Phallus-Symbol und als Stock, mit dem Schlangen gefangen wurden.
  • Pushan 5) ist ein vedischer Gott aus der Rigveda, der Wächter der Wege und Beschützer der Reisenden, er begleitet auch die Toten in die Unterwelt. Er schützt die Haustiere und führt Vieh gesund in den Stall zurück. Dargestellt wird er als bärtiger Mann mit Speer und einem von Ziegen gezogenen Wagen. Die Kundalinischlange umwindet den Lingam.
  • Kṣitigarbha (Sanskrit), ein Bodhisattva, ist in Indien seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar und wurde in ganz Asien populär als Dìzàng (chin.), Jizō (jap.), Địa tạng (vietn.), ji jang (kor.). Kṣitigarbha trägt einen Mönchsstab (khakkhara) und gilt als Beschützer von Kindern und Reisenden sowie als Begleiter in die Unterwelt.
  • Als Jizō ist Kṣitigarbha in Japan einer der Dōsojin (Gottheiten der Wege, Straßen und Grenzen) und geleitet verstorbene Kinder über den Totenfluss Sanzu in die Unterwelt. Er wird durch Steine am Wegesrand repäsentiert, insbesondere an Dorfgrenzen, Gebirgspässen, Kreuzwegen und Brücken.
  • Dem lithauischen Reisegott Kielu Dziewos (auch: Kelių/Keliu dievas, Kellukis) wurde in Steinen am Wegesrand gehuldigt, ebenso wie es die Hermes- oder Merkursteine am Weg gab, insbesondere an Kreuzwegen.
  • Im germanischen Götterhimmel entspricht ihnen Hermodr, der Mutige. Er reitet auf dem achtbeinigen Sleipnir in die Unterwelt und begegnet der Totengöttin Hel, gilt als Götterbote und Schutzherr der Boten.

Aufgaben und Merkmale der Reisegötter

Das Bild dieser »Reisegötter« weist zwischen Nordeuropa und dem südlichen Indien wiederkehrende Merkmale auf:

  • als Psychopompos, Seelengeleiter vom Diesseits ins Jenseits:
    Hermes, Anubis, Christophorus
  • als Grenzbewacher (engl.: liminal deities) an Straßenkreuzungen, Pässen, Übergängen
  • als Sohn des Göttervaters:
    Anubis: Sohn des Sonnengottes Re; Hermes: Sohn von Zeus und Maia; Hermodr: Odins Sohn.
  • als Boten der Götter mit dem Heroldsstab oder Caduceus:
    Cissonius, Merkur, Hermes, Thot;
  • im Stab mit verdickten Kopf als Phallussymbol wie der indische Lingam
  • in den Schlangen, die den Stab umwinden, etwa in der Kundalini-Schlange als Symbol der Lebenskraft;
  • mit dem von Ziegen gezogenen Götterwagen:
    Thor, Cissonius, Mercurius Gebrinius (gallisch gabros: Widder), Pushan;
  • als Helfer bei Übergängen:
    einer der 14 Nothelfer (Christophorus ); einer der 12 olympischen Götter (Hermes); einer der 12 Adityas (Pushan), vedischen Schutzgottheiten; einer der Dōsojin (Jizō)
  • als Beschützer des Handels an den Stellen der Begegnung
  • mit der Verehrung an Steinhaufen, als stehender Begriff galt der acervus mercurii 6), der Steinhaufen des Merkur.

Das Bild des »guten Hirten« drängt sich auf: bärtig, groß und stark, voller Lebenskraft, gegen Mensch und Tier gerüstet schützt er seine Herde. Es scheint, als bezögen diese Reisegötter ihre Kräfte aus der nomadischen Kultur (Abel) im Gegensatz zum hausbauenden Schmied (Kain):

  • Bevor es Haustiere gab, wurde der Hund zum Begleiter des Nomaden und ist ein Symbol für Schutz
  • Ziegen vertragen sich nicht mit dem Anbau von Kulturpflanzen: Die Ziege steht für Fruchtbarkeit, der Ziegenbock für Männlichkeit.
  • der * Wagen stammt aus der nomadischen Kultur und ist ein Symbol für Mobilität
  • der Stab ist für Nomaden bis heute wichtigstes Werkzeug und Waffe;
    in den christlichen Kirchen steht der Krummstab für den guten Hirten und symbolisiert kirchliche Macht;
    als Insignie der Macht ist er seit rund 5.000 Jahren nachweisbar (ägyptisches Altes Reich).
  • das Überschreiten von * Grenzen führt bis heute zu Konflikten zwischen Nomaden und Seßhaften

Fernmobilreisende mögen darin manches auch heute noch wiederfinden.


Die hier als »Reisegötter« zusammengestellten Gottheiten sind ein Teil der umfassenderen liminal deities, da Grenzüberschreitungen ja nicht nur beim Reisen stattfinden, siehe auch *Grenzgänger P. Saintyves
Saint Christophe: Successeur d'Anubis, d'Hermès et d'Héracle.
Les Édition Émile Nourry, Paris 1936
W. Loeschke, S. C. Canineus, E. Redslob zum 70.Geburtstag, Berlin 1955, S. 33-82;
Grundlegende Arbeit zur Geschichte des Heiligen Christophorus von W. Loeschke Hans Findeisen
Das Tier als Gott Dämon und Ahne
Kosmos Bändchen 209 Franck'sche Buchhandlung 1956 Adam Breysig
Wörterbuch der Bildersprache oder kurzgefaßte und belehrende Angaben symbolischer und allegorischer Bilder (etc.)
mit 3119 lithographischen Monogrammen und einer Karte
Friedrich Christian Wilhelm Vogel Leipzig 1830

1)
Rolf Hurschmann: Petasos. In: Der Neue Pauly (DNP). Enzyklopädie der Antike. Band 9, Metzler, Stuttgart 2000, ISBN 3-476-01479-7, Sp. 660
2)
Aloys Ludwig Hirt
Götter und Heroen der Griechen und Römer: nach alten Denkmälern bildlich dargestellt auf XLVII Tafeln, nebst deren Erklärung. August Rücker, 1826
3)
Χρυσόῤῥαπις, der goldene Ruthenträger
4)
Masssimo Pallotino: Etruskologie: Geschichte und Kultur der Etrusker. Springer 1988
5)
Laurie L. Patton
Bringing the Gods to Mind : Mantra and Ritual in Early Indian Sacrifice
Berkeley University of California Press 2005
6)
Joh. Cunradi Dieterici: Antiquitates Biblicæ, in quibus decreta, prophetiæ, sermones, consuetudines … Sumptibus Jacobi Godofredi Seyler, 1671, S. 513 f.
wiki/reisegoetter.txt · Zuletzt geändert: 2019/03/24 05:36 von norbert