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Reiseliteratur

Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was erzählen;
Drum nahm ich meinen Stock und Hut
Und tät das Reisen wählen.
Matthias Claudius 1740-1815
Urians Reise um die Welt

Epos & Roman, Reisebericht & Echokammer

Reisen & Lesen befruchten einander seit jeher. Die Kunde über die Erlebnisse von Held, Abenteurer und Reisenden prägte die literarischen Formen Epos, Roman, Reisebericht.

  • Machtvoll und weitreichend wirkten bis heute die großen Epen Homers. Die sagenhaften Kämpfe und abenteuerlichen Irrfahrten des Odysseus bilden die literarischen Wurzeln europäischer Traditionen und lieferten seit 800 vor Christus das Vorbild für das Genre der Heldenlieder.
  • Die mittelhochdeutschen Versepen ranken sich ab 1200 nach Christus um Aventiuren. Ritterlich-höfische Herren kämpfen um Länder, Schätze, Frauen und immer um die Ehre. Die Gattung des Romans wäre ohne sie kaum denkbar.
  • Mit den „Entdeckern“ entwickelt sich der Reisebericht. Damit ihre Taten als Erfolg galten, mußten sie Informationen zurückbringen, diese mußten neu sein, nachvollziehbar und nützlich.
  • Seit das Reisen auf die »Eroberung des Nutzlosen« zielt, dient der Reisebericht nurmehr der effektvollen Entblößung des Ichs und müsste eigentlich Egoricht heißen.
  • Letzteres hat in den sozialen Medien seinen vorläufigen Höhepunkt gefunden. Der Held des Internetzeitalters ist der Autist, seine Welt ist eine Echokammer, sein Medium das Selfie.
Ich bin nicht Ich 
Am 29. Dezember 1951 bricht Ernesto Che Guevara mit seinem Freund Alberto Granado und dem Hund »Comeback« zu einer Motorradreise durch Südamerika auf.
Sie starten in Buenos Aires, fahren nach Süden, durchqueren den Kontinent und erreichen die berühmte Straße »Latinoamericana«.
Im Sommer des nächsten Jahres sind sie wieder zu Hause.
Der dreiundzwanzigjährige Che Guevara hat seine Erlebnisse, Begegnungen und Eindrücke in einem Tagebuch festgehalten und später ergänzt: 
»Die Person, die diese Notizen schrieb, starb, als sie ihren Fuß wieder auf argentinischen Boden setzte, 
und der sie ordnet und an ihnen feilt, >ich<, bin nicht ich; 
zumindest bin ich nicht mehr dasselbe innere Ich. 
Dieses ziellose Streifen durch unser riesiges Amerika hat mich stärker verändert, 
als ich glaubte«, schreibt er.

Formen der Reiseliteratur

Der Reisebericht mit seinen Übergangsformen fristet im Reisealltag ein Nischendasein:

  • Ein Reisetagebuch scheint frisch notierte Erlebnisse wiederzugeben, wäre also noch (fast) aus der Reisesituation niedergeschrieben - aber ist das wirklich so? Intimes wird vor der Publikation gestrichen, kurze Skizzen müssen der Verständlichkeit halber ausgemalt werden und die Recherche gibt den Sachverhalten Tiefe, wo der Augenschein zu flach wäre.
  • Ein Reisebericht betont den objektiven Wahrheitsgehalt der Schilderung - aber wer wollte das prüfen? Und vor allem: Wer wollte einen auf Faktenhuberei reduzierten Bericht über Fauna & Flora, Geologie & Anthropologie wirklich lesen? Interessanter wird es doch immer dort, wo der Reisende selbst in den Mittelpunkt gerät, wo es also unwissenschaftlich wird.
  • Ein Reisevorbericht lässt sich erstellen, wenn die geplante Route vor der Reise erlesen wird durch den Blick in historische Reisewerke, zum Beispiel ins Herz von Asien.
  • Der literarisch aufgearbeitete Reisebericht richtet den Blick auch nach innen, reflektiert äußere Erlebnisse an dem, was sie innerlich ausgelöst haben und wagt den Blick hinter die Kulissen des Selbst und hinter die Kulissen des Fremden. Er entdeckt das Fremde in sich selbst und das Vertraute im Fremden. Noch sind die Erlebnisse authentisch, doch erhält die Subjektivität Vorrang gegenüber kalter Objektivität.
  • Der Schritt ist klein zur Reiseerzählung: Die Phantasie wird gesattelt, wahre Erlebnisse geben der Imagination die Sporen, liefern nurmehr den Anlaß zu ausgedehnten Geschichten - „basierend auf eigenen Erlebnissen“. Eng verwandt mit der Reiseerzählung sind Abenteuerroman, Exotischer Roman, Detektivroman, Reiseroman, Science Fiction oder spiritueller Roman, andere unterscheiden Jagdabenteuer, Seeabenteuer, Indianerabenteuer, Kriegsabenteuer, Forscher- und Reiseabenteuer, Detektivabenteuer, technisch-utopische Abenteuer …

Den größten Marktanteil hat heute das beratende Reisebuch: der Reiseführer in allen seinen Formen, Kartenwerke, reisetechnische Tipgeber, Sprachführer … Diesen objektivierten Reisebücher ist das subjektive individuelle Erleben genremäßig ausgetrieben.

Das reisetechnische Know-How bedarf mindestens bei der Ankunft im Reiseland, bei der ersten Begegnung mit fremden Völkern grundlegender Informationen über Länder & Völker. Was darüber hinaus geht, findet sich in der volks- und landeskundlichen Fachliteratur. Bibliographien fassen den Bestand länderkundlicher oder reisegeschichtlicher Literatur zusammen.

Das Verhältnis von Schreiben & Reisen

Der Reisende bringt sich selbst in ein Dilemma. Für ihn ist es es wichtig, in welches Verhältnis er Schreiben und Reisen bringt:

  • Ist es Zweck der Reise, zu einem Buch zu werden?
  • Oder ist die Reise Selbstzweck und der Gedanke an ein Buch wird erst später wach?
  • Was hat Priorität: die Reise oder das Buch?
  • Wie verändert die Schreibabsicht die Wahrnehmungsperspektive oder gar die Reiseumstände?

Kann es noch authentische Reiseerlebnisse geben, wenn vorher feststeht, dass die Reiseerlebnisse in ein Buch einfließen sollen? Wäre dann nicht der Flaneur der bessere Autor, weil er sich absichtslos der Welt öffnet, das erleben uninteressiert in sich einströmen lässt?


Gedanken über das Abenteuer

»Dabei aber gingen nicht sofort auch die Erzählungen selbst, jene Heldensagen zugrunde, die gleichsam die Seele dieser Völker, ihr Trank und ihre geistige Speise waren. Sie konnten nicht zugrunde gehen, weil diese Völker (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist) abenteuerlich dachten und entweder gar nicht oder im Abenteuer lebten. Ein Volk, von wenigen, aber starken Begriffen und Leidenschaften geregt und getrieben, hat wenig Lust zu ordnungsmäßigen, gewöhnlichen, ruhigen Geschäften; es bleibt gegen sie kalt und träge. Dagegen flammet’s auf, wenn ein Abenteuer ruft, wenn wie ein Jagd- und Kriegshorn die Abenteuersage ertönet. In eingepflanzten Trieben, in angebornen Begriffen und Neigungen ging diese Liebe zum Abenteuer auf Geschlechter hinab; der geistliche Stand, in dessen Händen die Bildung der Menschen nach Begriffen der Zeit war, bemächtigte sich dieses Triebes; er fabelte, dichtete, erzählte.
Von Erzählungen fängt alle Kultur roher Völker an; sie lesen nicht, sie vernünfteln nicht gern, aber sie hören und lassen sich erzählen. So Kinder, so alle Stände, die, insonderheit unter freiem Himmel, ein halbmüßiges Leben führen. Wo sie auch leben, Norweger und Araber, Perser und Mogolen, der Gote, Sachse, Frank und Katte des Mittelalters, noch jetzt alle halbmüßige Abenteurer, Krieger, Jäger, Reisende, Pilger haben hierin einerlei Geschmack, einerlei Zeitkürzung Unwissenheit ist die Mutter des Wunderbaren, unternehmende Kühnheit seine Ernährerin, unzählige Sagen seine Nachkommenschaft und ihr großer Mentor der Glaube. Wenn Mönche dergleichen Erzählungen in ihre Chroniken aufnahmen und ihre Legenden selbst darnach schrieben, so taten sie es nicht immer aus Lust zu betrügen. Es war Geschmack und sogar Kreis des Wissens, Denkart der Zeit; eine echte Mönchschronik mußte vom Anfange der Welt anfangen und in bestimmten Zeiträumen durch Fabel und Geschichte der Griechen und Römer (Geschichte und Dichtung auf einem Grunde betrachtet) bis zum Ende der Welt fortgehn; das war der gegebene Umriß. Eben nach den Begebenheiten der Zeit, die allesamt geistliche und weltliche Abenteuer waren, formte sich der Umriß der Erzählung, bildete sich der Ton des Ganzen. Mehr als eine Chronik der mittleren Zeiten ist wie ein zyklisches Gedicht zu lesen.
Wenn aber und wie wird aus diesen vermischten Sagen und Abenteuermärchen so verschiedner Völker in so verschiednen Gegenden und Umständen eine »Ilias,« eine »Odyssee« erwachsen, die allem gleichsam den Kranz raubte und jetzt als Sage der Sagen gelte?«
Johann Gottfried Herder: Briefe zur Beförderung der Humanität


siehe auch Was ist Reisen?

Literatur

Percy G. Adams
Travelers and Travel Liars 1660-1800 Berkeley, 1962.

Percy G. Adams
Travel Literature and the Evolution of Novel Lexington, 1983

Percy G. Adams (ed.)
Travel Literature Through the Ages An Anthology N.Y.& London, 1988.

P. J. Brenner (ed.)
Der Reisebericht Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur Frankfurt, 1989.

P. J. Brenner
Der Reisebericht in der deutschen Literatur Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte Tübingen, 1989.

Andreas Bürgi
Weltvermesser Die Wandlung des Reiseberichts in der Spätaufklärung Bonn, 1989.

Philip Edwards
Last Voyages Oxford, 1988.

Anne Fuchs/Theo Harden (eds.)
Reisen im Diskurs Modelle der literarischen Fremderfahrung von den Pilgerberichten bis zur Postmoderne Heidelberg, 1995.

Michael Harbsmeier
Wilde Völkerkunde Andere Welten in deutschen Reiseberichten der frühen Neuzeit Frankfurt/M. etc. 1994.

Antoni Maczak/H.J. Teuteberg (eds.)
Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte Aufgaben und Möglichkeiten der historischen Reiseforschung Wolfenbüttel, 1982.

Antoni Maczak
Travel in Early Modern Europe Cambridge 1995,

Zweder von Martels (ed.)
Travel Fact and Travel Fiction Studies on Fiction, Literary Tradition, Scholarly Discovery and Observation in Travel Writing Leiden etc., 1994.

Jenny Mezciems
„’Tis not to divert the Reader’ Moral and Literary Determinants in some Early Travel Narratives.„ in: The Art of Travel. Essays on Travel Writing. Philip Dodd (ed.). London, 1982. 1-19.

Pia Omasreiter
Travel Through the British Isles: Die Funktion des Reiseberichts im 18. Jahrhundert Heidelberg, 1982.

W. G. Rice (ed.)
Literature as a Mode of Travel New York, 1963.

Justin Stagl
„Der Wohl unterwiesene Passagier Reisekunst und Geslleschaftsbeschreibung vom 16. bis zum 18. Jahrhundert“ in: Kranobar/Röbel/Zia (es.), Reise und Reisebeschungerungen 1987. 353-384.

A. Wright
Fictional Discourse and Historical Space Basingstoke, 1986.

Peter Wunderli (ed.)
Reisen in reale und mythische Ferne Reiseliteratur in Mittelalter und Renaissance Düsseldorf, 1993.

Caroline Bassnet
Constructing Cultures: the Politics of Travellers' Tales in: Caroline Bassnet, Comparative Literature: A Critical Introduction Oxford, 1993. 92-114.

James Clifford/ George Marcus (eds.)
Writing Culture The Poetics and Politics of Ethnography Berkeley, 1986.

Karl S. Guthke
Der Blick in die Fremde Das Ich und das Andere in der Literatur Tübingen, 2000.

Wolfgang Harms
Fremdes wahrnehmen - fremdes Wahrnehmen Studien zur Geschichte der Wahrnehmung und zur Begegnung von Kulturen in Mittelalter und früher Neuzeit Stuttgart, 1997.

Dietrich Harth (ed.)
Fiktion des Fremden Erkundung kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik Frankfurt/M., 1994.

Dietrich Krusche/ Alois Wierlacher (eds.)
Literatur und Fremde Zur Hermeneutik kulturräumlicher Distanz München, 1990.

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