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Ritter

Erfolg war für den Ritter ein Resultat persönlicher Freiheit und bestand im Sieg. Sein Lohn bemaß sich an seiner Ehrbarkeit innerhalb eines feudalistischen Systems:
Ritterschlag, Sir, Adelsstand

Die Verbreitung des Christentums führte auch dazu, daß die Abkunft von den Göttern den Einzelnen nicht mehr adelte. Erfolg mußte sich also auf eine andere Quelle zurückführen lassen. Die alten Standesmerkmale wirkten nicht mehr; die zum neuen Adel Aufsteigenden nannte man die „Ehrbaren“. Die verarmten Freien wurden insbesondere im 7. Jahrhundert zu Vasallen, taten Kriegsdienst und konnten dann Grundbesitz in Form von Lehen erhalten. Im 9. Jahrhundert bildeten sie Reiter- statt der bisherigen Fußheere. Im 10. Jahrhundert bildet sich in Frankreich der erste „ordo militaris“. Das Ritterwesen bildet sich heraus. [Steinhausen 106 ff, 268 ff.] »Das Wichtige war die allmählich sich herausbildende Betonung bestimmter Dienstleistungen, die als ehrenvoll galten, das Erheben über die gewöhnliche Arbeit.« [Steinhausen 269] Der Glanz der Vasallen sollte auch ihren Herrn ehren. {Ritter der Tafelrunde}
Die Ritter des Mittelalters waren freie Männer und Lehensmänner im Gegensatz zu den Bauern. Sie „glauben an und bauen auf ihre eigene Macht und Kraft“. Diese Autonomie, das Fehlen von Beziehungen, ist die Basis ihrer Freiheit. Dieses Selbstverständnis als Individuum unterscheidet sie von den antiken Helden. Sie hatten das Recht auf „freien Aufbruch“, das Recht, Waffen zu tragen und das Recht, am Feldzug ihres Kriegsherrn teilzunehmen und an seiner Beute beteiligt zu sein.
Sie begeben sich freiwillig auf die Suche. Sie suchen die Gefahr unbekannter Räume: im verzauberten Wald, in fernen Ländern … Sich der Gefahr auszusetzen, birgt den eigentlichen Gewinn des Abenteuers, die dazu nötige Reise ist Selbstzweck, ohne Notwendigkeit. Der Ritter sehnt herbei, was der antike Held notgedrungen in Kauf nimmt: das Unerwartete, das Neue, das Fremde. Hierin äußert sich das Element des Schicksals, des Sagenhaften und Wunderbaren, das dem Abenteuer eignet.
Dieser Begriff von Abenteuer erhob die Ritter über die Nicht-Ritter, es zeichnete ihr Wesen aus, so lange dieses Wesen gefragt war. Der primäre Gewinn bestand darin, Ehre zu erlangen, eine gute Partie zu werden, reich zu heiraten, Ansehen im Adelsstand zu erhalten … Der Ritter sucht als Individuum die Gefahr, um gesellschaftliche Sicherheit zu erlangen. Damit wird auch klar, weshalb sich die Ritter jener Zeit niemals selbst „Abenteurer“ nannten: In Wirklichkeit suchten sie ja die Sicherheit des Hofes. Gesellschaftlich weniger erfolgreiche Ritter nutzten ihre Fähigkeiten im individuellen Raubrittertum.
»Generationen von »einfachen« Menschen, die Söhne von Holzfällern und Wasserträgern, haben diese Einstellung und diese Begriffe übernommen, um sich zu definieren und freie, adlige Männer zu werden.« (Leeds) Als gesellschaftliches Phänomen konsolidierten die Ritter eine feudale Gellschaft, sie bildeten die Kriegerkaste der Fürsten. Aventure war der Mythos, der sie einte. Je erfolgreicher die Ritter gesellschaftlich waren, desto weniger brauchten sie ihre Individual-Aventure auszuüben; es genügte, davon zu erzählen und sie zu verklären. Die Aventure sollte den Ritter adeln, mußte also auch selbst als höfische Idee geadelt werden. Dies rief zwei parallele Prozesse hervor:
Erstens: Die Aventure verbindet sich mit dem Wunderbaren, dem Märchenrepertoire der Riesen, Feen, Zauberer … Das Image der Aventure mag schon damals als Teil der Werbung verstanden worden sein. Dann muß es nicht wirklich eine Individual-Aventure in diesem Sinn gegeben haben: So, wie der Marlboro-Mann das Image der Zigarettenmarke aufbaut, aber niemand erwartet, daß die Zigarette ihn in den Wilden Westen versetzt. Das Prädikat des Wunderbaren geht von der Realität ins Literarische der Abenteuerromane über.
Zweitens: Aventure wurde zur Ideologie, zum Glaubenssystem, dessen Glaubenseinstellungen ritualisiert werden; der Mythos wird von seinem Kult, den Turnieren und Ritterspielen, überlagert. Der Begriff der Aventure wird auf Liebensabenteuer übertragen.
Die Aventure hatte ihre Hochzeit als Individual-Abenteuer etwa ab dem 9. Jahrhundert, ihre Hochzeit als Sozio-Abenteuer etwa ab dem 12. Jahrhundert. Mit der qualitativen Entwertung der Individual-Aventure geht eine quantitative Zunahme während der Kreuzzüge einher: »die Ereignisse geschehen, wie Gott es will« (Villehardouin). Im 12. Jahrhundert wird der Ritterstand erblich, das heißt, er erstarrt. Die Umdeutung des Begriffs hält über Jahrhunderte an. Im 16. - 17. Jahrhundert werden Söldner meist abschätzig als „avanturiers“ bezeichnet, mit der begrifflichen Nähe zu Freibeutern und Räubern. Die Aventure ist nun auch als Idee erschöpft, als Mythos hat sie schon lange ausgedient. Ihre Entwicklung begann beim germanischen Freien, führte über den einsam reisenden Ritter bis zu den Kreuzzügen.

Niklas Frank
Raubritter
Reichtum aus dem Hinterhalt: Das erschröckliche und geheime Leben der Heckenreiter und Wegelagerer
München: C. Bertelsmann 2002
Pappband mit Umschlag 13x 21,5 cm: 443 Seiten, 30 Abb. auf 16 Tafeln

Raubritter & Reisen? Die ersten, die sich das Etikett des „Abenteuers“ ans Revers –oder besser: an die Rüstung – hefteten, waren die Ritter. Die waren edel und gut und zogen aus, um Abenteuer zu bestehen. Kein Abenteuer ohne Reise.
Viel später brauchte man ihre Qualitäten nicht mehr. Manche Nachkommen aus Ritter’s Familie praktizierten weiter, was die Gesellschaft nicht mehr wollte. Raus aus der einsamen Burg; hau drauf und Schluß! Anders ausgedrückt: Wer riskant lebt, hat auch ein Recht auf die Beute. Solange die eisernen Herren mit der eisernen Faust in der Fremde schatzten, war’s allen recht; die Kreuzzüge zeigten ja, wie’s ging.
Der Autor widmet dieses Buch „dem Andenken der adligen Halunken und ihrer gebeutelten Pfeffersäcke“. Sechs exemplarische Biographien aus unterschiedlichen Epochen erzählen von dem Leben dieser Außenseiter. Die „Pfeffersäcke“ erbten ja von den Rittern die Abenteuer-Ideologie. Sie gingen Risiken ein und verdienten sich was – natürlich auf Kosten anderer. In England hießen sie „merchant adventurer“. Und so schließt der Band zu Recht mit der Bemerkung: „Zu keiner Zeit reichten die Raubritter an das heran, was ein normaler Bürgerlicher an Vermögen anzuhäufen vermochte, ohne Erpressung, ohne Mord und Totschlag, naja, vielleicht ein bißchen durch überhöhte Zinsen oder abgezwungene lukrative Rechte …“ (Norbert Lüdtke)

wiki/ritter.txt · Zuletzt geändert: 2019/11/11 06:08 von norbert