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Staunen

Wer andere besucht, soll seine Augen öffnen und nicht den Mund.
Afrikanisches Sprichwort

Dmitri Prigow
Moskau–Japan und zurück
Non-fiction
1. Auflage (Reihe Transfer LXXIV), Folio Wien-Bozen 2007
Pappband mit Umschlag 13,5x21 cm: 271 Seiten, Anmerkungen

Es gibt Autoren, die reisen und viel über die Welt (wie sie sie sehen) erzählen, ohne zu merken, daß sie nur von sich reden.
Und es gibt Autoren, die reisen, viel über sich erzählen und in leicht beleidigtem Ton mitteilen, welche Gelegenheiten die Welt verpaßt hat, ihnen Gutes zu tun.
Dmitri Prigow gehört zu einer dritten Kategorie von Autoren:
Immerhin ist er der erste aus seinem Moskauer Hinterhof, der es bis Japan geschafft hat. Die Anderen fahren immer nur nach Europa. Also gibt es was zu erzählen, weil er in Japan gestaunt hat und möchte, daß auch die anderen staunen können. In der Fremde staunen zu können, zählt zu den vornehmsten Fähigkeiten eines »richtigen Reisenden«. Ein solcher Reisender gibt der Welt Gelegenheit, in seiner Persönlichkeit Spuren zu hinterlassen, eben Eindruck zu machen. Um diesen Eindrücken wieder Ausdruck zu verleihen, bedarf es künstlerischer Fähigkeiten. Dmitri Prigow hat sich als »Patriarch des Konzeptualismus« mit Gedichtbänden und Prosatexten nach 1989 einen Namen gemacht.

»Bei Treffen und Gesprächen mit Japanern nickst du bestätigend, bis du dich besinnst und zur größten Verwunderung und Betrübnis des Sprechenden schuldbewußt lächelst und die Arme ausbreitest: »Tut mir leid, Alter, ich würd ja gern, aber ich versteh dich nicht! Ich versteh kein Japanisch. Hab bloß so getan.« … Aber er läßt sich nichts anmerken, wartet nur ab und lächelt vorsichtig. Weil du ja im Grunde alles verstehst, weil es unmöglich ist, einfaches, vernünftiges und aufrichtiges menschliches Sprechen nicht zu verstehen. Und wenn du doch nichts verstehst, was soll man da machen? Leb, wenn du kannst. So steht ihr einander gegeneüber. Dann treten endgültig wechselseitige Klarheit und Verständlichkeit ein.«

Prigow wendet sich nicht, er banalisiert auch nicht. Wenn ihm das Fremde zuteil wird, schaut er hin, staunt, nimmt es an, dreht es hin und her, und wenn er es noch immer nicht versteht, schaut er genauer hin, wechselt die Perpektive – verwundert sich und nimmt Wunder – ist überrascht, aber nie sprachlos. Die Fremde sieht er als vorübergehende Heimat. Ich finde, das ist eine sehr schöne Methode mit dem Anders-Sein umzugehen.

Als Schriftsteller und Poet gelingt es ihm, diesen komplizierten Vorgang in Worte zu fassen. Nicht analysieren, sondern tastend, ahnend, umschreibend. Das gelingt häufig sehr gut, aber nicht immer. In den besten Passagen schimmert eine berührende Heiterkeit und ein goldener Humor durch. Doch manches Mal verlieren sich die Wendungen, drehen und verdrehen sich, verlieren sich in Absurditäten (gewollt? ungewollt?) und der Leser bricht erschöpft die Verfolgung ab. Möglicherweise hat der Autor den Leser überfordert. Möglich ist aber auch, daß der Autor die Übersetzerin überfordert hat. Immer mal wieder fragte ich mich, ob sich der erfolgreiche Poet tatsächlich so gestelzt ausdrückte, ob das stilistisch beabsichtigt war oder die Wendung auf Kosten der deutschen Version zu lesen ist.

Viele Übergänge erfolgen assoziativ, wer einen linearen Reisebericht erwartet, wird enttäuscht sein. Prigow weiß, er ist in der Fremde. In jeder Zeile aber blickt der Leser durch die Augen des Autors. Doch die Augen des Autors sind geschult durch seine Heimat, den Moskauer Hinterhof. Und so schildert Prigow manche Episode aus Kindheit, Jugend anderen Epochen seines Lebens, die Parallelen zu dem Erlebten in Japan aufweist. Ganz sicher ist das kein Buch, daß es dem Leser einfach machen will. Mir gefällt es zu sehen, was zwischen Selbst- und Weltverständnis in der Fremde möglich ist. Mir gefallen Humor und Sprache des Autors in weiten Teilen.

Die besten Entdeckungsreisen macht man, indem man die Welt mit anderen Augen betrachtet.
Marcel Proust 1871-1922

Denn zu bewundern und zu schaun,
Zu wandern, auf ein Nichts gestellt,
Was Gutes bracht’s mir nie im Traum -
Könnt’s doch nicht lassen um die Welt!
Rudyard Kipling 1835-1936
Stoßseufzer eines Soldaten

Wer nicht in der Lage ist, Fremdes zu bestaunen, reagiert übellaunig. Weshalb solche Misanthropen überhaupt reisen, scheint nicht ausreichend geklärt zu sein, hier ein Beispiel:

Favell Lee Mortimer, Todd Pruzan
Die scheußlichsten Länder der Welt
Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer
Herausgegeben und mit einer Einleitung von Todd Pruzan.
Aus dem Englischen von Martin Ruben Becker (The Clumsiest People in Europa, 2005)
Piper München 2007. 
Pappband mit Lesebändchen und Schutzumschlag 11,5x19 cm: 244 Seiten, Textillustrationen

Eigentlich wollte ich das Buch nicht vorstellen. Es ist dem Buch von Sibylle Bedford über ihre Reise nach Mexiko diametral entgegengesetzt. Während jene versucht, tastend die Welt etwas besser zu verstehen, ohne sie ändern zu wollen, versucht Mrs. Mortimer die Welt ihrem Köpfchen anzupassen, dem Prokrustesbett ihres sehr geringen Weltverständnisses.

Das gelingt dann auch nicht feinsinnig, sondern eher mit den entsprechenden Methoden: die Kleinen werden langgezogen, den Langen wird das Bein abgehackt. Selten wird so deutlich auf Kosten anderer gelacht: »Doch … ließ mich diese bösartige, systematisch ein Land nach dem anderen durchhechelnde Abrechnung mit der ganzen Welt nicht los. Ich hatte bislang bei Dutzenden von Leuten die Lacher stets auf meiner Seite gehabt, wenn ich aus dem Buch vorlas, und die üblen Behauptungen wurden mit viel wildem Gejohle quittiert«schreibt der Herausgeber in der Einleitung.

Man kann sich die Situationen also gut vorstellen, zu denen die Lektüre dieses Buches paßt. Warum also wurde das Buch gedruckt? Ich weiß et nit.


siehe *Abfahren: Die Fremdheit des Reisens

wiki/staunen.txt · Zuletzt geändert: 2018/11/30 07:44 von norbert