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Abfahren: Die Fremdheit des Reisens

Norbert Lüdtke ©
Zuerst veröffentlicht in DER TROTTER Ausgabe 130 (2008) DZG
als Teil 6 der Artikelreihe Wir Globetrotter

Wir tragen mit uns das Wunderbare, das wir außer uns suchen: es liegen ganz Afrika und alle seine Wunder in uns. [Sir Thomas Brown]
Der Fremde, Die Fremde, Das Fremde … das Phänomen der darin enthaltenen Fremdheit ist universal, seine Bedeutungen sind vielfältig und kaum faßbar. Die nachfolgenden Überlegungen begrenzen sich auf eine bestimmte Perspektive: Was bedeutet Fremdheit für Reisende?
Anders als Exilanten ziehen wir immer wieder in andere Fernen; anders als etwa der Bundeswehrsoldat am Hindukusch sind wir selbstbestimmt unterwegs; anders als Migranten haben wir eine Heimat, in die wir zurückkehren, anders als Urlauber suchen wir eher das Fremde als das Vertraute und genießen es … Im Vordergrund stehen für uns Neugier und Fernweh, ein Unterwegs-sein als anhaltender Zustand, im Gefühl: die Welt ist schön und es gibt noch viel zu seh’n. Unsere Art, Fremdheit zu erleben, ist geprägt durch Zeit, Freiheit und besonders das Neue.

Der Reisende als Staunender

Das Neue

Dass nichts älter sei als die Zeitung von gestern klingt uns selbstverständlich, bedeutet aber auch, dass täglich Neues gefunden werden muß. Bei wem? Viele Reisende kennen das Gefühl, unterwegs gut auf Zeitungen und andere Medien nicht nur verzichten zu können, sondern sie auch für überflüssig zu halten. Warum? Vielleicht, weil Reisende selber gleich mehrfach das Neue in der Welt finden: Sie erleben selbst jeden Tag Neues (und Fremdes); sie erscheinen den Anderen als neu (und fremd); und sie bringen Neues (und Fremdes) mit nach Hause. Die Perspektive des Reisenden war dem »rasenden Reporter« Egon Erwin Kisch ein Werkzeug für die alltägliche Arbeit: »Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt!« 1)

Die Neugier

Der wahre Reisende weiß nicht, wohin die Reise geht, der wahre Abenteurer weiß nicht, was er erleben wird. Seine Reisen führen ihn nicht eher in eine Richtung als in eine andere. Seine Neugierde ist nicht auf einen bestimmten Punkt gerichtet. [Chuang-tzu, ca. 365-286 v. Chr.]
Alles, was vom Nichtsein ins Sein tritt, wird bereits in der griechischen Antike poiesis genannt, Anlass zum Staunen 2). Ein Reisen, wie wir es praktizieren, provoziert möglichst häufig Anlässe zum Staunen, ist ein entdeckendes Reisen. Wer überrascht werden will, reist anders.
Doch Neues verfliegt schnell. Die Begierlichkeit der Augen nach mehr Neuem kann man wie Augustinus ablehnen, denn sie wird zur Schaulust und berauscht sich an einem Kaleidoskop des immer Neuen, immer Anderen. Das Ergebnis solcher Curiositas ist ein Kuriositätenkabinett. Dem entspricht das heutige zappen, ein Verhalten, das von raschem Wechsel der Eindrücke bestimmt ist: Werbung, Filmen, Spielen, Musik oder beim Surfen im Internet. Doch wenn das Neue keinen Eindruck hinterläßt, wozu ist es dann gut?

»Und da gehen die Menschen hin und bewundern hohe Berge und weite Meeresfluten und mächtig daherrauschende Ströme und den Ozean und den Lauf der Gestirne, vergessen sich aber selbst dadurch.« 3)
Zappen Globetrotter durch die Welt? Wer sich ständig bewegt erscheint anderen als flüchtig, wandelbar, instabil, schillernd, nicht zu fassen, ist vor-läufig. Kapuściński bewertete die Psyche solcher Grenzgänger zwischen den Kulturen: »In Wahrheit sind sie mit nichts verbunden, schlagen nirgends tiefere Wurzeln. Ihre Empathie ist ehrlich, doch oberflächlich.« 4)
Das Hier und Jetzt – der Augenblick, der verweilen soll – kämpft mit dem Dort und Demnächst – dem zerstreuenden Unverweilen – das die Neugier auszeichnet. Im »sich ausrichtenden Entdecken von Gegend« erschließt sich das Dasein den Raum 5). Wo gehöre ich hin? Die so erschlossene Welt weitet auch den inneren Horizont, den Spielraum eigener Möglichkeiten. Das ist nicht einfach, wie das Beispiel Faust zeigt: Wer die Welt entdecken will, muß auch sein Selbst entdecken. Dieser Themenkreis bleibt einer Fortsetzung dieser Serie vorbehalten.
Ein Reisen als Getrieben-Sein gehört zwar zur Schattenseite des Globetrottens, jedoch steht ihm ein Unterwegs-Sein auf der Lichtseite gegenüber. Zwar sind Globetrotter immer unterwegs, doch können sie durchaus zur Ruhe kommen. Flucht treibt, Neugier zieht in die Ferne. Neugier ist also durchaus sinnvoll, bedarf jedoch einer Ergänzung.
Wer fähig ist zu staunen, die Muße besitzt zu verharren, gewillt ist das Besondere zu erkennen, das Schöne in der Welt zu genießen … wird hier und dort verweilen. Manche erkunden das Warum, andere interessiert das handwerkliche Wie, jene malen oder fotografieren, diese schreiben, lassen ihrer Phantasie freien Lauf oder beschäftigen ihren Intellekt, sammeln Sand, Insekten oder Spucktüten … Doch am Anfang steht das Staunen. Sobald wir uns mit dem Bestaunten beschäftigen, verändern wir zumindest unsere Welt, also auch uns selbst. Das Neue führt zu Erfahrungen, Erkenntnissen und Eindrücken, die im besten Fall unser Selbst bereichern, doch wird uns jede richtige Reise verändern. 6)

Der Genuss erfüllter Gegenwart

Situationen, »die das aufmerksame Auge und Ohr des Menschen auf sich lenken, sein Interesse wecken und, während er schaut und hört, sein Gefallen hervorrufen« 7) führen zu sogenannten ästhetischen Erfahrungen. Diese könnten also auch durch Reisen ausgelöst werden als »ein Modus, Welt und sich selbst im Verhältnis zur Welt und zur Weltsicht anderer zu erfahren« 8).
Überraschung, Genuss und Ausdruck im kulturellen Kontext erkennt Peez 9) als Bestandteile ästhetischer Erfahrungen. Wir Globetrotter kennen sehr gut den Augenblick, in dem wir dem Anderen begegnen, das Fremde spüren und uns ihm überrascht zuwenden, an ihm interessiert sind. »Ästhetische Erfahrungen macht man da, wo etwas Widerständiges und Unerwartetes eintritt, dessen man sich mit Hilfe der Sinne gewahr wird. [Sie] geben … Anlass zu Korrekturen bisheriger Annahmen von Wirklichkeit.« 10) Globetrotter erleben den »Genuss erfüllter Gegenwart« 11) etwa in der Stille der Wüste, an den Ghats von Varanasi, in der Hochebene Tibets, im Geruch fremder Märkte, am Lagerfeuer, auf See, im thailändischen Kloster … 12)

Diese Augenblicke stellen sich eher nicht ein beim Weg zur Arbeit oder beim Besuch des Nachbarn, beim Spaziergang oder Schlendern. Es bedarf der Reise im ursprünglichen Wortsinne: ein sich-erheben gegen Widerstände, etwa zum Kampf 13). Doch dieser Kampf kann durchaus gegen die eigene Bequemlichkeit und gegen äußere Widerwärtigkeiten geführt werden. Es ist wesentlich der Raum, der aus einem Bewegen eine Reise macht, und es scheint so zu sein, daß erst, wenn der Raum überwunden werden muß, wenn wir uns anstrengen müssen, eine Reise entsteht.

Das persönlich Fremde

Man geht freilich nicht in die Fremde, um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat das Reisen doch nur insofern, als es von der Sehnsucht eingegeben ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd schönes einzuverleiben, innerlich reicher zu werden aus den Schätzen der Fremde, indem man an ihnen teilnimmt. 14)
Manche meinen, das Fremde stünde im Gegensatz zum Eigenen. Dann müßte alles, was anders ist als man selbst, fremd sein. Ein Gedanke, der Globetrottern fremd erscheinen muß. Schließlich neigen Reisende dazu, alles aufzusuchen, was ihnen fremd erscheint und allein dadurch in immer größeren Bahnen ihre Welt zu erweitern. Das Fremde erscheint vielmehr an der Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen, zwischen sich Selbst und der Welt dort draußen, meist dann, wenn der Raum zwischen nah und fern verändert wahrgenommen wird 15). Und weil das Eigene und das Andere für jeden anders ist, läßt sich das Fremde nicht objektiv erkennen. Dem einen erscheint fremd, was dem anderen vertraut ist. Das Fremde ist also ein subjektives Befinden, das ein Bündel von Gefühlen auslöst, besonders heftig bei der ersten, unvermittelten, plötzlichen Begegnung mit dem Anderen. Damit muß man erst einmal klarkommen. Man kann erschrecken, erstaunen, verwundern …wird hin und her geworfen von Angst und Interesse, von Widerwille und Faszination, ist eher angezogen oder eher abgestoßen.

Hierin zeigt sich das Besondere der Globetrotter: Faszination, Interesse, Staunen überwiegen und führen eher dazu, sich dem Anderen zu nähern anstatt sich zu distanzieren. Unter Globetrottern galt das Eintauchen in fremde Situationen seit je als vorbildhaft: öffentliche Verkehrsmittel benutzen, in der Garküche essen, bei Nomaden übernachten, zu Gast in einer Familie sein, … insgesamt also die Tendenz, das Andere zuzulassen, das Fremde tastend zu erfahren, sich zu assimilieren oder auch nur assimilativ zu verhalten. „Den Wunsch, beim Reisen authentische Erlebnisse zu haben, gab es früher auch schon“, sagt Torsten Kirstges. „Auch die Globetrotter in den siebziger Jahren haben bevorzugt mit der Bevölkerung des Gastlandes gelebt“, sagt der Tourismuswissenschaftler von der Fachhochschule Wilhelmshaven. 16)
»Erzähl’ doch mal, wie war’s unterwegs?« Die große Mehrheit der Nicht-Globetrotter begnügt sich mit dem indirekten, gefilterten Erlebnis: dem Erzählten, der Diashow, dem Reisebericht, der Fernsehsendung. Die Furcht und das Staunen bewegen zwar alle Menschen dazu, sich mit der Welt zu beschäftigen, jedermann ist fasziniert und interessiert, aber …! Das durch Ekel, Angst oder Widerwille erzeugte Prickeln läßt sich mit wohligem Schauder ertragen, wenn das Andere nicht wirklich nah ist. Zur schnellen Flucht genügt es, die Augen zu schließen.
Ganz so schwarz-weiß sind die Unterschiede natürlich nicht. Assimilatives Reisen strengt an und so kennt auch jeder Globetrotter die kleinen Fluchten: Rückzug ins Reisemobil, die deutsche Bäckerei in Bangkok, die Übernachtung im Best Western, den Strandurlaub zum Ende der Reise … gesteht man sich augenzwinkernd zu, genießt den Stilbruch. Auf der anderen Seite erhält der Studienreisende seinen freien Nachmittag ohne Gruppenzwang und der Cluburlauber bestellt sich ein Taxi in die Stadt.
Doch sie alle – Reisende, Urlauber, Auswanderer, Auslandtätige – erleben eine »persönliche Fremdheit« 17), ausgelöst durch eine unvermittelte Begegnung. Der Umgang mit ihr unterscheidet sie voneinander. Im Urlaub herrscht das Gefühl vor, die Welt habe eine Bringepflicht, schließlich habe man ja für Leistung bezahlt. Gesteigertes Anspruchsverhalten, verminderte soziale Hemmungen und ein eingeschränktes Schamgefühl führen in der Fremde häufig zu Konflikten 18).
Bei den meisten selbstbestimmt Reisenden mündet assimilatives Reisen jedoch nicht in Assimilation oder Auswanderung, sondern in einem vollständigeren Bewußtsein der eigenen Identität. Wer sich etwa in unserer wenig religiös geprägten Gesellschaft leichthin als Atheist bezeichnet, wird beim Eintauchen in eine andere, extrem religiös geprägte Gesellschaft, sehr genau auf sein religiöses Selbstverständnis hin befragt und erhält Gelegenheit, sich damit intensiver auseinanderzusetzen als er dies je zu Hause tun würde.
In gewisser Weise eignet sich ein entdeckendes, assimilatives Reisen die Welt an. Diese Aneignung äußert sich praktisch etwa in Souvenirs, Fotos, Filmen, Reiseberichten, im Aufschreiben, im Berichten zuhause, im Reflektieren … Die Welt erscheint dort, wo man war und in dem, was man selbst erlebt hat, nicht mehr völlig fremd. Die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen wird diffus. Das Eigene tritt deutlicher hervor, weil es sich immer und immer wieder mit dem Anderen auseinandersetzt und sich von ihm abgrenzen muß. »Der Stachel des Fremden« 19) wirkt als »Prozeß, in dem Eigenes und Fremdes, Eigenartiges und Fremdartiges durch Differenzierung entstehen.«. Paradoxerweise führt also assimilatives Reisen dazu, sich stärker abzugrenzen, indem man Erlebnisse und Erfahrungen reflektiert.

Der Reisende als Fremder in der Ferne

„Abenteurer, wo willst du hin?“
Quer in die Gefahren
Wo ich vor tausend Jahren
Im Traume gewesen bin.
Ich will mich treiben lassen
In Welten, die nur ein Fremder sieht.
Ich möchte erkämpfen, erfassen,
Erleben, was anders geschieht.
Ein Glück ist niemals erreicht.
Mich lockt ein fernstes Gefunkel,
Mich lockt ein raunendes Dunkel
Ins nebelhafte Vielleicht.
Was ich zuvor besessen,
Was ich zuvor gewußt,
Das will ich verlieren, vergessen. -
Ich reise durch meine eigene Brust.
20)

Der fremde Reisende wird in der Ferne bestaunt, schließlich ist er dort ein Fremder, er weckt die Neugier bei den Anderen, die nicht reisen. Unbeabsichtigt bringt er das Neue dorthin, weckt Sehnsüchte, prägt das Bild vom Europäer, vom Deutschen, vom Weißen.
Dürfen Globetrotter die Welt auf diese Art und Weise verändern? Diese Frage wurde in den achtziger Jahren vehement diskutiert. Fragen, die heute in Zeiten weltweiter Verkehrs-, Handels- und Informationsströme sinnlos erscheinen. Die sich in gemächlichem Trott mit viel Muße in der Welt frei bewegenden Globetrotter wurden links, rechts, oben, unten überholt von Globalisierung, Internet, Mobilfunk, Tourismus. Vielleicht jedoch dienen Globetrotter bald wieder als Vorbild, denn sie zeigen einen ganz eigenen Umgang mit den knapper werdenden Ressourcen *Zeit und *Freiheit.
Durch die unmittelbare Begegnung mit der Welt des Anderen ist das persönliche Erlebnis des Fremden unvermeidlich. Reisende machen die Welt bekannter, indem sie Grenzen überschreiten, Unbekanntes erkunden, Neues erfahren und verbreiten. Jeder von ihnen erwirbt nicht nur neue Erfahrungen, sondern trägt auf seine Art dazu bei, die Vorstellung von der Welt zu erweitern und zu vertiefen.

»Der übers Meer fährt, sagt zwar Horaz, verändert nur den Himmelsstrich, nicht sich selbst. Aber er verändert wenigstens den Himmelsstrich: im einfachen Fall ist das eine Umstellung der Kulissen, im bedeutenderen erwächst aus dem veränderten Bewußtseinsinhalt eine veränderte Bewußtseinslage, die dem Inhalt angemessen werden will.« 21)
Sofern Reisende diese Erfahrungen verarbeiten – etwa als Tagebuch, Reisebericht, Vortrag …– durchleben sie die Erfahrungen erneut. In der Art und Weise, wie die Reisenden ihre Begegnung mit der Welt, dem Fremden, dem Anderen ausdrücken, wird die erlebte Welt rekonstruiert und stellt sich in neuer Form dar. Das literarische Ergebnis spiegelt nun nicht nur die erlebte äußere Welt wieder, sondern auch den Vorgang des Verstehens; es zeigt, wie tief und wie weit die innere Welt der Reisenden geworden ist – oder eben auch wie flach und beschränkt sie geblieben ist. Eher tragisch wirkt es, wenn das reiche Erleben und tiefe Verstehen zwar zu einer weiten inneren Welt geführt hat, diese jedoch literarisch nur unzureichend verarbeitet werden kann.

Die Metamorphose des Fremden

Der Reisende ist natürlich in der Ferne ein Fremder. Aber als Fremder kann er in unterschiedlichen Situationen in verschiedene Rollen geraten. Globetrotter, die länger als üblich an einem Ort bleiben, nehmen diesen Ort nach einiger Zeit anders wahr. Umgekehrt werden sie mit der Zeit auch anders wahrgenommen und behandelt. »Der Fremde« durchlebt eine Metamorphose, sein Fremdsein nimmt verschiedene Qualitäten an. Zwar ist Fremdheit eine selbst gewählte Erfahrung, doch muß der Reisende seine Rolle akzeptieren: Ob er als Gast, Feind Zuwanderer … behandelt wird, liegt nicht in seinem Ermessen und ist von ihm kaum zu beeinflussen.

Der Fremde als Barbar

Wenn uns »etwas spanisch vorkommt« dann sind es meist »böhmische Dörfer«. Dagegen spricht man im Tschechischen von „spanischen Dörfern“ (španělské věsnice), während den Spaniern eher chinesisch zumute ist: »es como si me hablaran en chino«.
Was man nicht versteht, kommt von weit her, etwa aus der Walachei 22). Dort spricht man natürlich Kauderwelsch 23)). Solche Leute »brabbeln« eine Art »Blah-Blah« und man vesteht nur »Rhabarber, Rhabarber«.
Ein Barbar war im antiken Griechenland jemand, der kaum Griechisch sprach. Das Wort fand Eingang in fast alle europäischen Sprachen. Dabei ist es so alt, daß es sich auch im Sanskrit findet (barbarāh), im Persischen, Armenischen, Arabischen (Berber) … Auf drei Kontinenten bezeichnen sich also Völker mit dem gleichen Wort gegenseitig als sprachunkundig und wählen dafür paradoxerweise ein Wort, das von allen verstanden wird. Die dahinter erkennbare Haltung scheint universal gültig zu sein, denn weltweit bezeichnen sich viele Ethnien in ihrer Eigenbezeichnung schlicht als »Menschen« 24).
Die Anderen 25) sind eben Stotterer, Stammler, Stumme. Und weil man ihnen nichts erklären kann, verstehen sie auch nichts und benehmen sich barbarisch. In Staaten mit theokratischer Staatsauffassung wie etwa Indien oder Japan war den Einheimischen der Umgang mit Ausländern verboten, ihre Berührung galt als unrein. Der konfliktreiche Umgang mit dem Fremden ist über Jahrtausende weltweit belegt 26).

Der Fremde als Feind

Bei der Ankunft ist der Fremde nicht einmal eine Person, eher eine Unperson. Es gibt keinerlei Beziehung zwischen ihm und den Ansässigen: „Fremde bedeuten das Fehlen von Klarheit,“ erklärt der Soziologe Zygmunt Bauman, „man kann nicht sicher sein, was sie tun werden, wie sie auf die eigenen Handlungen reagieren würden; man kann nicht sagen, ob sie Freunde oder Feinde sind – und daher kann man nicht umhin, sie mit Argwohn zu betrachten.“ 27)
Für vorstaatliche Gesellschaften ist vielfach überliefert, daß der Fremde zunächst als Feind galt und daher völlig rechtlos war 28). Raub und Kriegsbeute galten bei Homer als Erwerbsmöglichkeiten wie Schenkung, Kauf oder Tausch. 29) »Der Fremde … ist rechtlos (Feind), kann aber als Gast in das Recht aufgenommen werden. Das Zelt ist eine heilige Wohnung des Friedens und der Gastfreiheit; die benachbarte Straße ist Schauplatz des Krieges und des Raubes.« 30)

Der Fremde als Gast

Medea: Töten willst du, den Fremden, den Gast?
Aietes: Gast?
Hab' ich ihn geladen in mein Haus?
Ihm beim Eintritt Brot und Salz gereicht
Und geheißen sitzen auf meinem Stuhl?
Ich hab' ihm nicht Gastrecht geboten,
Er nahm sich's, büß' er's der Tor!
31)

Der Fremde, der mit einem Geschenk in eine Gemeinschaft eintritt, wird bei vielen Völkern mißtrauisch betrachtet, denn weit verbreitet ist die Haltung, daß ein Geschenk durch ein Gegengeschenk beantwortet werden muß 32). Das passende Gegengeschenk für einen Fremden wäre dann die Gastfreundschaft. Doch will man den Fremden als Gast aufnehmen? Das hebräische Wort für Gast setzt sich zusammen aus gèr, Fremder, und tosàb, Einheimischer, und zeigt an, daß dem Gast eine Stellung zwischen beiden zukommt. Das lateinische Wort hostis, der Feind, und das deutsche Wort Gast entstanden aus derelben Sprachwurzel. Als Gast bezeichnete man noch bis zum Ende des Mittelalters den reisenden Krieger; im Englischen bezeichnet host noch heute den Hausherrn ebenso wie die Heerschar oder die Hostie 33).
Der Grundsatz, den Fremden als Feind zu betrachten und zu behandeln, wurde geschichtlich erst im Nachhinein durch das Gastrecht gemildert. Das Gastrecht erwächst aus der persönlichen Begegnung und gilt begrenzt für Zelt, Haus, Wohnplatz. Der Gastgeber kann Gastrecht 34) befristet gewähren, doch ist der Fremde kein Gastnehmer, der Anspruch auf Gastrecht hat. Es wird schließlich symbolisch bekräftigt: mit Brot und Salz, einem Geschenk, mit Handschlag und einer Aufforderung, etwa »über die Schwelle« zu treten. Gast kann nur sein, wer zu gehen beabsichtigt. Viele Sprichwörter formulieren überlieferte und bewährte Verhaltensnormen: Bewirte deine Gäste, aber behalte sie nicht! (chines.); Auch des liebsten Gastes ist man in drei Tagen satt. (jugosl.); Der Gast und der Fisch sind nach drei Tagen anrüchig. (span.). Dahinter »stehen Hypothesen über zufriedenstellendes Zusammenleben einer Gemeinschaft, die sich als »Angewandte Lebenserfahrung« interpretieren lassen … bedeutsam [ist], daß der Sachverhalt vom Volksmund akzeptiert und für wichtig genug gehalten wurde, tradiert zu werden« 35). Keinesfalls und nirgends ist das Gastrecht von Dauer. Der Gast fällt, sobald die Gastfreundschaft beendet ist, in den Zustand des ungeschützten Fremden, des Eindringlings oder gar des Feindes zurück.

Der Fremde als Eindringling

Im Jahre 802 verbot Karl der Große, dem Fremden das Gastrecht vorzuenthalten. 36)
Das der persönlichen Ebene entstammende Gastrecht ging mit zunehmender staatlicher Organisation, Kontrolle und Gewalt in das Fremdenrecht des Staates über. Dem Reisenden außerhalb touristischer Systeme steht die Möglichkeit offen, Gastrecht zu erhalten, also als Einzelner aufgenommen zu werden in eine Gemeinschaft. Der als Gast aufgenommene Fremde bietet den Vorteil, über keinerlei eigene Interessen mit dem Ort und den Menschen, die ihn aufgenommen haben, verbunden zu sein. Er hat dort kein Haus, kein Heim, keine Familie, keine Geschichte, keinen Beruf, keine Freunde …
Jeder, der sich durch solche Beziehungen in seiner Heimat beengt fühlt, empfindet in dieser Situation eine unendliche *Freiheit von etwas. Das ist aber auch den Menschen bewußt, zwischen denen er lebt. Und so gilt der Fremde als jemand, den man um Rat fragen kann, weil er unverdächtig ist, Partei zu ergreifen für diesen oder jenen 37). Jedoch nur, wenn die Umstände stimmen. Hat die Gemeinschaft dagegen Anlaß zur Sorge, gibt der Fremde ebenso einen hervorragenden Sündenbock ab.
In jedem Fall bewegt sich der Reisende in einer Situation, in die er als Tourist innerhalb geschützter touristischer Systeme niemals gelangen kann. Reisende, die sich außerhalb touristischer Einrichtungen und Zonen bewegen, können dagegen leicht in solche Situationen geraten; Globetrotter gehen dieses Risiko eher ein. Beispielhaft schildert dies Heinrich Harrer in Sieben Jahre in Tibet. Gemeinsam mit Peter Aufschnaiter wandert er in Tibet von Dorf zu Dorf ohne Gastfreundschaft zu erhalten. Bestenfalls wurden sie ignoriert. Niemand wollte ihnen etwas verkaufen oder mit ihnen tauschen. Fremde waren nicht erwünscht.

Der Fremde als Ausländer

Der Fremde als Ausländer ist eine juristische Konstruktion, die sich mit der Entstehung von Nationalstaaten und definierter Landesgrenzen erfolgreich durchgesetzt hat. Man kann das Fremdenrecht als eine zivilisatorische Kulturleistung betrachten, die den sicheren Verkehr zwischen den Ländern begründet; man wird als Fremder nicht gleich umgebracht oder beraubt, darf Straßen benutzen und Städte betreten. Fremdenrecht ist historisch gesehen nicht das Recht des Fremden, sondern ein Recht des Herrschenden, gegenüber dem Fremden auf Gewalt zu verzichten.38) Bis heute gilt daher: Wer fremdes Gebiet betreten will, muß sich offen zeigen und wird in Augenschein genommen. Nur wer willkommen ist, erhält ein Visum. Gleichwohl bleibt man Fremder, der sich auszuweisen hat und ausgewiesen werden kann. In seiner Extremform wird er zum Asylanten, nämlich dann, wenn er in seiner Heimat zum Fremden geworden war wegen Taten, die in seiner neuen Wahlheimat gutgeheißen oder mindestens geduldet wurden 39).
Der heutige Tourismus ist undenkbar ohne ein weltweit anerkanntes Fremdenrecht. Reisen lassen sich grenzüberschreitend nur organisieren und garantieren, wenn das Geflecht touristischer Systeme durch ein weitgehend gemeinsames Recht verbunden ist. So gelten Flughäfen als internationales Territorium und dort, wo sich Touristen bewegen, sind die Gesetze des Landes häufig eingeschränkt wirksam, wenn sie den touristischen Bedürfnissen entgegenstehen. Muslimische Bekleidungsvorschriften am Hotelpool?
Historisch standen zuerst Kaufleute unter dem Schutz des Fremdenrechtes. Ausdrücklich galt ein Marktfrieden dort, wo gehandelt wurde. Der heutige Tourismus als finanzstärkste Wirtschaftsbranche der Welt muß eine Art Marktfrieden für touristische Stätten garantieren. Jedes Land, das daran teilhaben möchte, muß das heute übliche Fremdenrecht gewähren und sichern. Das setzt aber eine umfassende Kontrolle voraus. Der Tourist genießt also herrschaftlichen Schutz, kann daraus jedoch keine Rechte ableiten, die außerhalb seiner touristischen Zone wirken. Er bleibt ein Vorüberziehender, der bald wieder zu gehen hat.

Der Fremde als Zuwanderer

Wenn der Fremde so lange bleibt, bis Gastrecht und Fremdenrecht nicht mehr für ihn gelten, kann er zum Zuwanderer werden, zum Fremden, der das Angeeignete und vertraut Gewordene annehmen und dazugehören möchte. Er mag essen und sich kleiden wie die Einheimischen, deren Sprache sprechen, ihre Regeln kennen, die Tochter eines Ansässigen heiraten und wird dennoch ewig der Fremde bleiben trotz aller Versuche sich zu assimilieren. Fremdsein bedeutet, daß das Ferne nah ist (Simmel), doch das Ferne ist unbekannt und unberechenbar und macht Angst. Der Fremde mag zwar auf persönlicher Ebene vertraut geworden sein, doch als Zuwanderer wird er auch als Vertreter des kulturell Fremden wahrgenommen. Als solcher bringt er in die Gemeinschaft etwas ein, das man nicht wirklich kennt und von dem man mindestens nicht weiß, ob man es will.
»Es ist hier also der Fremde nicht … gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt - sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat.« 40)
Auch Globetrotter kennen diesen Unterschied sehr gut. Die Reise als Urlaub, als erlaubte und befristete Zeit, dem Alltag zu entfliehen hat per se ein definiertes Ende. 41) Das Reisen der Globetrotter hat in seiner Idealform dieses definierte Ende nicht. Globetrotter sind in der Fremde häufig potentielle Zuwanderer; denn für viele dient die Reise auch dem Zweck, sich nach einem anderen, vielleicht schöneren, Fleckchen Erde umzuschauen.

Der Reisende als Fremder in der Heimat

»… ich habe keine Phantasie. Ich beneide meine Schriftstellerkollegen, die sich hinsetzen und eine Erzählung schreiben. Wenn ich mich hinsetze – geschieht nichts! Ich muss überall hinfahren, alles anschauen, reden, lesen. Die Wirklichkeit, die mich umgibt, und die Reise, die ich mache, sind meine Inspirationsquellen. Ohne diese Reisen, ohne diese Realität vermag ich nichts. Deswegen ist das, was ich schreibe, hundertprozentig wahr – wenn ich nur irgend etwas ‚hinlügen’ könnte, dann würde ich es sofort tun. Literarische Fiktion ist eine wunderbare Fähigkeit zu lügen, die mir fehlt …« 42)
Kehrt der Reisende heim, ist er selbst ein wenig fremd geworden: Er staunt, zu Hause als Außenseiter, Exot, Abenteurer … wahrgenommen zu werden, möglicherweise aber auch nur als unterhaltsamer Aufschneider. Staunen und Furcht, die der Globetrotter in der Fremde erlebt hat, werden nachempfunden, wenn er erzählt, Bilder zeigt, Berichte schreibt 43): »Da warst Du? … War das nicht gefährlich?« Einerseits wird er wieder in die heimatliche Gemeinschaft aufgenommen, weil er dort wurzelt. Andererseits wird mit ihm auch das Fremde, das er mitbringt, akzeptiert. Es wird so gefährlich schon nicht sein, wenn es „einer von uns“ mitgebracht hat. Der Globetrotter als Vorkoster des Anderen, als Filter für Fremdes? Das Neue kommt so in kleinen Häppchen, in kontrollierten Dosen aus der Ferne in die heimatliche Welt.
Das kann Banales sein oder Besonderes: Wie man sich ohne Autan vor Mücken schützt, ein umwerfendes Pilaw-Rezept, die Kenntnis einer fremden Sprache, eine hier unbekannte Olivensorte, Musik für andere Ohren … Das eine oder andere Neue mag dauerhaft in sein Leben integriert werden, gar Nachahmer finden. Die Wasserpfeife ist eine zeitlang unterhaltsam, das Essen mit Stäbchen beeindruckt – aber die Eßgewohnheiten Chinas werden damit nicht übernommen. Dennoch ist die Liste der Dinge lang, die im Laufe der Zeit Teil unserer Kultur wurden, obwohl sie zunächst fremd erschienen: das Alphabet und die Alchemie, die Gabel und das Feuerwerk, Papierherstellung, sogar die Null, die Kartoffel und noch weit mehr. Doch geschenkt gab es nichts, denn manches Neue war nicht willkommen und wurde dennoch ausgetauscht: die Indianer bekamen die Pocken, die Europäer die Syphilis.

Der Austausch des Neuen und die Bewährung in der Fremde sind Werte, die bereits im Mittelalter systematisch gefördert wurden. Über viele Jahrhunderte hinweg schickten die Handwerkszünfte ihren Nachwuchs nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit (Freisprechung) in die Ferne. Drei Jahre und einen Tag hatte der Geselle seiner Heimat fernzubleiben und war dann ein Fremdgeschriebener. Ohne Wanderjahre konnte er niemals Meister werden, die Erfahrung der Welt war Voraussetzung für sozialen Erfolg. Doch Meisterschaft erringen immer nur wenige. Weitaus die meisten scheuen den Aufbruch und von denen, die gehen, kehren manche nie zurück.
Die Persönlichkeit kann in der Fremde wachsen, doch erschwert ein zu hohes Maß an Eigenheiten eine Integration in der Heimat. Dann kann die Andersartigkeit zur Entwurzelung führen. Das Reisen zeigt seine Schattenseite, wenn nirgends Heimat ist. Die Identität des Reisenden löst sich auf, der Reisende selbst wird überall zum Anderen, er erscheint allen fremd und wird zum entwurzelten Fremden.

Das kulturell Fremde

Die Fremden bei sich, im Anderswo

Selbst der fremdeste Fremde ist ja als Mensch immer noch einer von uns, denn: »die Bewohner des Sirius sind uns nicht eigentlich fremd …, sondern sie existieren überhaupt nicht für uns, sie stehen jenseits von Fern und Nah« 44). Dem Fremden eignet in allen seinen Figuren – ob Feind oder Gast – immer Gutes und immer Schlechtes. Der Kreis dieser Erscheinungsformen schließt sich, wenn der Fremde nur imaginiert wird. Wünsche und Träume des Alltags werden gerne in die Ferne produziert, in den »blauen Nebel großer Fernen, die man im Träume sieht« (Conrad). Wenn sie dort Gestalt annehmen, werden sie zum Exoten, zum edlen Wilden, zum Naturburschen … und beinhalten all das, was man gerne wäre, doch im Alltag nicht umzusetzen wagt. Dem Ideal zu begegnen ist nicht ratsam, denn die Wirklichkeit sieht anders aus. Deswegen leben fremde Idealfiguren an möglichst weit entfernten Orten: in der Südsee, im Himalaja (Shangri-La) oder am besten an keinem erreichbaren Ort (Utopie). Was aber, wenn die Fremden näher kommen?

Die Fremden bei uns, im Hier und Jetzt

Kulturelle Fremdheit kommt ohne eine persönliche Begegnung aus, was sofort erhellt, wenn man sich den Bau einer Moschee in einer deutschen Kleinstadt oder einem Dorf vorstellt. Nicht ein bestimmter Deutscher sorgt sich, sondern »die deutschen Einwohner«, nicht ein bestimmter Türke bietet ihnen Anlaß zur Sorge, sondern »die türkischen Zuwanderer«.
Kulturelle Vertrautheit und Zugehörigkeit erwächst in einer hinreichend großen Gruppe mit einer gemeinsamen Vergangenheit, sind also von Sozialisation und Bildung abhängig und äußern sich beispielsweise in Sprache, Religion, Verhaltensregeln, Übereinkommen, Gesten, Kleidung, Eß- und Trinkgewohnheiten … Solche Vertrautheit mit einer Kultur wird »mit der Muttermilch« aufgesogen. Kulturelle Gemeinsamkeiten nehmen wir selbst weniger wahr als andere, die von außen auf uns blicken: Die Deutschen sind …, Die Italiener sind …, Die Franzosen sind … 45)
Je größer diese Gruppe erscheint, desto geringer werden die Gemeinsamkeiten: als Teil der Familiensippe, als Einwohner eines Dorfes, einer Region (Rheinländer), eines Landes (Deutscher), als Europäer. Globetrotter kennen die Vertrautheit, wenn man nach einer langen Reise über Land zurückkehrt, etwa von Indien über Iran, Türkei, Griechenland, Italien … über die Alpen, die deutsche Grenze, den Weißwurstäquator hinter sich lassend bis der Kölner Dom zu sehen ist. Schritt für Schritt wächst diese Vertrautheit und wird irgendwann zur Heimat.

In umgekehrter Richtung schwindet die Vertrautheit. Zum geflügelten Wort für eine unbestimmte Grenze des Fremden wurde »der Balkan«. In den siebziger Jahren fand ihn die Hamburger Szene südlich der Elbe: »In Harburg fängt der Balkan an«. Weniger lustig wird es, in Slowenien, Kroatien oder Ungarn laut zu verkünden, das jeweilige Land gehöre zum Balkan. Ein Soziologe aus Belgrad sagte 1972: »Der Balkan beginnt dort, wo die Toiletten der internationalen Züge eine Stunde nach Grenzübertritt zum Davonlaufen aussehen«. 46) Doch wie verhalten sich Globetrotter, wenn sie im heimatlichen Alltag kultureller Fremdheit begegnen? Akzeptiert, wer lange in islamischen Ländern reiste, im heimatlichen Dorf eine Moschee? Oder reagiert er befremdet, obwohl ihm die andere Religion, die andere Sprache, die andere Kultur durchaus bekannt, vielleicht gar vertraut sind? Von der Antwort auf diese Frage dürfte wohl abhängen, inwieweit die verbreiteten Methoden, kulturelle Fremdheit durch Begegnung abzubauen, überhaupt greifen können.

Wir Globetrotter

In der Reihe Wir Globetrotter erschienen von Norbert Lüdtke:

1Reisen aus LeidenschaftTrotter 1222006
2Sind wir nicht alle Touristen? Trotter 1232007
3Was braucht der Globetrotter zum Reisen?Trotter 1242007
4Zeit fürs ReisenTrotter 1252007
5Von Freiheiten und solchen ReisenTrotter 1272007
6Die Fremdheit des ReisensTrotter 130 & 1312008

Anmerkungen und Quellen

1)
Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter. Vorwort
2)
Platon: Symposion Gastmahl
3)
Aurelius Augustinus 354-430 n. Chr, Bekenntnisse (Confessiones) z.B. München 1955 Buch X., Cap. 35, Ziffer 1
4)
Ryszard Kapuściński: Meine Reisen mit Herodot. Eichborn 2005. Seite 447
5)
Martin Heidegger: Sein und Zeit, unter anderem Seite 368f
6)
Lorraine Daston: Die Lust an der Neugier in der frühneuzeitlichen Wissenschaft. In: Klaus Krüger (Hrsg.): Curiositas. Welterfahrung und ästhetische Neugierde in Mittelalter und früher Neuzeit. (=Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft 15) Göttingen Wallstein 2002
7)
Dewey, J.: Kunst als Erfahrung, 1934. Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1980
8)
G. Otto: Das Ästhetische ist „Das Andere der Vernunft„. Der Lernbereich Ästhetische Erziehung. In: Friedrich Jahresheft 1994, S. 56-58
9)
Georg Peez, Professur für Kunstpädagogik/ Didaktik der Kunst, Universität Duisburg-Essen, www.georgpeez.de
10)
L. Duncker: Begriff und Struktur ästhetischer Erfahrung. In: Neuß, Norbert (Hg.): Ästhetik der Kinder. Frankfurt a. M. (GEP Verlag) 1999, S. 9-19
11)
Duncker, L.: Begriff und Struktur ästhetischer Erfahrung. a.a.O.
12)
Dieser Zusammenhang wird lesenswert ausgeführt von Gottfried Boehm: Das Alogon. Marginalien zur Ästhetik des Fremden. In: Meinhard Schuster: Die Begegnung mit dem Fremden (=Colloquium Rauricum 4) Teubner Stuttgart 1996
13)
mhd. risen, ahd. risan, engl. rise bezeichnen sich erheben, also Aufbruch als Grundbedeutung von Reise
14)
Otto Julius Bierbaum (= Martin Möbius) 1865-1910 Die Yankeedoodle-Fahrt. 1909 München
15)
Wieder drängt sich der Bezug zur Wahrnehmung von Raum, Welt und Selbst auf. Das wird auch an dieser Stelle nicht weiter verfolgt
16)
Der Tagesspiegel 10.08.2007: Helfer in der Hütte. Von Andreas Heimann
17)
Die sehr sinnvolle Unterscheidung zwischen persönlicher und kultureller Fremdheit, die der systemtheoretischen Perspektive von Mikro- und Makroebene entspricht, stammt von Meinhard Schuster: Ethnische Fremdheit, ethnische Identität. In: Derselbe: Die Begegnung mit dem Fremden (=Colloquium Rauricum 4) Teubner Stuttgart 1996
18)
Fremdes verstehen. Sympathie Magazin 28. 1994/2000, 68 S. www.sympathiemagazin.de
19)
Bernhard Waldenfels: Der Stachel des Fremden. Frankfurt am Main 1990, S. 65: Fremderfahrung zwischen Aneignung und Enteignung
20)
Joachim Ringelnatz 1883-1934, Der Abenteurer. In: Gedichte dreier Jahre. Rowohlt Berlin 1932, Seite 36
21)
Ernst Bloch (1885-1977) Das Prinzip Hoffnung. 1973 Bd. 1; S. 433 f
22)
Walachen bezeichnet romanischsprachige Volksgruppen in Südosteuropa. Die Bezeichnung kommt wohl aus dem Germanischen, das entsprechende Wurzelwort „welsch/walch“ ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem keltischen Volksnamen abgeleitet (Wikipedia) und findet sich auch in Wales und Wallis
23)
Vermutlich »die welsche (romanische) Sprache der Einwohner von Chur in Graubünden« (Wikipedia
24)
Inuit, Khoi Khoin (Menschen der Menschen), Roma, Na-Uni (= Komantschen. erste Menschen), Ainu (Japan), Kanaken (Hawaii), Nenzen (Ural), Zulu, Bantu, Kikuyu (Kenia), Malaien (Orang Melayu = umherschweifende Menschen), Yamana und Shelk’enan (= Jaghan und Ona auf Feuerland: vernunftbegabte Wesen), Orawelat (= Tschuktschen), Numang-Kake (= Mandan-Indianer), Odulpa (= Jukagieren in Nordost-Sibirien), Andamanen (= Oenge), Alemannen, Hunnen, Magyaren
25)
Die Deutschen im Tschechischen, Polnischen, Russischen: nemec, niemka, njemka. Die Slawen (gotisch slavan = schweigen) nennen sich selbst slovene = die Sprechenden.
26)
Meinhard Schuster: Die Begegnung mit dem Fremden (=Colloquium Rauricum 4) Teubner Stuttgart 1996. Darin Beiträge über Fremdheit im alten Ägypten, im babylonischen Staat, im Islam, in Westafrika, im hinduistischen Indien, in China …
27)
Zygmunt Bauman: Vereint in Verschiedenheit, in: J. Berghold, E. Menasse, K. Ottomeyer (Hg.), Trennlinien. Drava, Klagenfurt 2000, 35-46
28)
J. Makarewicz: Einführung in die Philosophie des Strafrechts auf entwicklungsgeschichtlicher Grundlage. Leipzig 1906 (1967, 1968). Zahlreiche Beispiele aus der völkerkundlichen Literatur siehe Seite 279 bis 281
29)
Rudolf Köstler: Homerisches Recht. Österr. Bundesverlag, 1950
30)
C.C.C. Hischfeld: Von der Gastfreundschaft. Eine Apologie für die Menschheit. Frankfurt, Leipzig 1778
31)
Franz Grillparzer: Teil der Trilogie Das goldene Vlies (1821): Der Gastfreund, Die Argonauten, Medea
32)
J. Makarewicz: Einführung in die Philosophie des Strafrechts a.a.O. Seite 284
33)
germ. *gasti-, *gastiz; idg. *ghostis »dasz hostis, gast urspr. der fremde ist, der nach der sitte, die noch in sagen nachklingt, als feind den göttern geopfert, zugleich aber, wie jedes blutige opfer, von den opfernden als frommes mahl verzehrt wurde als hostia humana, und der anklang von hostis und hostia kann diese annahme wol stützen« [Grimms Wörterbuch]
34)
Z.B.: Rudorff, H., Zur Rechtsstellung der Gäste im mittelalterlichen städtischen Prozess, 1907;
Schultze, A., Über Gästerecht und Gastgerichte, HZ Historische Zeitschrift 101 (1908), 473;
Hellmuth, L., Gastfreundschaft und Gastrecht bei den Germanen, 1984;
Stein-Hölkeskamp, E., Das römische Gastmahl, 2005
35)
Siegfried Müller: Können Sprichwörter bei der Entwicklung psychologischer Theorien helfen? In: Zeitschrift für angewandte Sozialpsychologie. 29 (1998) Heft 1. [http://psychologie.fernuni-hagen.de/Psychologie/SOZPSYCH/GD/Artikel/Mueller.html]
36)
Gerhard Köbler: Zielwörterbuch europäischer Rechtsgeschichte, 4. A. 2007, mit Hinweis auf: Söllner §§ 6, 7, 8, 9; Hübner 83, 460; Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 71, 88, 120; Köbler, WAS;
L. v. Bar: Das Fremdenrecht u. seine volkswirtschaftliche Bedeutung, 1892; L’Étranger, 1958; Die Begegnung mit dem Fremden, M. Schister (Hg.) 1996; Seiring, C., Fremde in der Stadt (1300-1800), 1999; Cavallar, F.: The rights of strangers, 2002
37)
Zur Objektivität des Fremden siehe Georg Simmel: Soziologie. 1908 a.a.O. S. 509-512
38)
Hans-Dieter Bahr: Die Sprache des Gastes. Eine Metaethik. Reclam Leipzig 1994
39)
Gérard Noiriel: Die Tyrannei des Nationalen. Sozialgeschichte des Asylrechts in Europa. Zu Klampen, Lüneburg 1994
40)
Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen …. Duncker & Humblot, Berlin 1908 (1. Auflage) S. 509-512
41)
Siehe mehrfach in den bereits erschienenen Teilen der Reihe „Wir Globetrotter
42)
R. Kapuszinski: Womit ich mich auskenne, das sind Menschen. In: Frankfurter Rundschau, 18. März 1994
43)
Stefan Matuschek: Über das Staunen. Tübingen 1991, Seite 37: »Das Erhabene ist das Wunderbare des sprachlichen Ausdrucks, seine Außergewöhnlichkeit, seine Fremdheit, sein Schmuck, wodurch die Hörer in Staunen versetzt werden.« – Das selbst erlebte Staunen während der Reise derart literarisch umzusetzen, gelingt leider nur wenigen. Das Echte und Tiefe des Eindrucks führt eben nicht automatisch dazu, daß auch der literarische Ausdruck echt und tief wird. Daran leiden nicht nur viele Reisende, die sich nicht in der Lage sehen, Erlebtes auszudrücken, als auch viele Leser, die dem schlecht Ausgedrücktem ausgeliefert sind.
44)
Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen …. Duncker & Humblot, Berlin 1908 (1. Auflage) S. 509-512
45)
Dietrich Harth: Fiktion des Fremden. Erkudung kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik. S. Fischer 1994. – Mit zahlreichen Beiträgen über innereuropäische Fremdheit (Frankreich, Polen, Rußland), asiatisch-europäische Fremdheit (Indien, China, Marco Polo, Japan) sowie weitere Aspekte (Australien, Atlantis, Arabien).
46)
Wolf Oschlies: Wo bitte liegt - und was ist der „Balkan“? Eurasisches Magazin 30.04.2006, http://www.eurasischesmagazin.de
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