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wiki:walz

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wiki:walz [2019/04/13 06:43]
norbert
wiki:walz [2019/11/21 20:48] (aktuell)
norbert
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 Winnig fühlt sich unreif: //„Es war mein Kummer, daß ich so oft in die Weise der Kindheit zurückfiel und Erlebnisse ersann, wie ich sie mir wünschte, denn ich sagte mir, daß man dem Leben seinen ganzen Ernst schuldig ist.“// ((Winnig, S. 124)) Er weiß das und will auf der Walz an Reife gewinnen: //„ein Gefühl, daß ich in den sechs Monaten meiner Wanderschaft doch nicht nur älter geworden sei, sondern ebenso irgendwie innerlich gewonnen hätte, gewonnen an Besitz und an Kräften, die mit Erfahrung und Reife wohl angedeutet, aber noch nicht erfaßt sind. Es war wohl ein Wachsen, und nun mußte ich, um weiter zu wachsen, weiter wandern und das Leben hinnehmen, wie es war und wie es zu mir kam ...“// ((Winnig, S. 125)) Man kann lange wandern und dennoch kein Wanderer sein - nach einem Jahr auf der Landstraße stellt Winnig fest:// „In Köln merkte ich zum erstenmal, wie wenig ich zum Leben unter fremden Menschen taugte. Bis zu dieser Zeit war es mir nie aufgegangen,​ daß ich auf allen Arbeitsstätten unter Fremden geblieben war ... Später war mir mein Kamerad genug gewesen.“//​ Welch ein Unterschied zu Schroeder - der tippelte zwar nur ein knappes halbes Jahr, doch nahm er die Menschen viel intensiver wahr, fühlte sich überall zuhause! ((Winnig, S. 202)) \\  Winnig fühlt sich unreif: //„Es war mein Kummer, daß ich so oft in die Weise der Kindheit zurückfiel und Erlebnisse ersann, wie ich sie mir wünschte, denn ich sagte mir, daß man dem Leben seinen ganzen Ernst schuldig ist.“// ((Winnig, S. 124)) Er weiß das und will auf der Walz an Reife gewinnen: //„ein Gefühl, daß ich in den sechs Monaten meiner Wanderschaft doch nicht nur älter geworden sei, sondern ebenso irgendwie innerlich gewonnen hätte, gewonnen an Besitz und an Kräften, die mit Erfahrung und Reife wohl angedeutet, aber noch nicht erfaßt sind. Es war wohl ein Wachsen, und nun mußte ich, um weiter zu wachsen, weiter wandern und das Leben hinnehmen, wie es war und wie es zu mir kam ...“// ((Winnig, S. 125)) Man kann lange wandern und dennoch kein Wanderer sein - nach einem Jahr auf der Landstraße stellt Winnig fest:// „In Köln merkte ich zum erstenmal, wie wenig ich zum Leben unter fremden Menschen taugte. Bis zu dieser Zeit war es mir nie aufgegangen,​ daß ich auf allen Arbeitsstätten unter Fremden geblieben war ... Später war mir mein Kamerad genug gewesen.“//​ Welch ein Unterschied zu Schroeder - der tippelte zwar nur ein knappes halbes Jahr, doch nahm er die Menschen viel intensiver wahr, fühlte sich überall zuhause! ((Winnig, S. 202)) \\ 
 Winnig sinnierte über den Sinn des Wanderns und unterschied zwischen dem Sinn für sich selbst und dem Sinn für die Gesellschaft durch //„den Austausch handwerklicher Erfahrungen,​ die Förderung im Beruf, das Kennenlernen fremder Länder und Leute. Diese Zwecke meinten wir und meinten, damit den Sinn der Wanderschaft getroffen zu haben, im Grunde aber wußten wir wohl, daß er woanders lag ... Die Wanderschaft war vom Menschen her gesehen eine Probe seines Mutes und seines Selbstvertrauens. An jeden jungen Gesellen war mit der Wanderschaft die Frage gestellt, ob er den Mut hatte, auf den Rückhalt der Heimat zu verzichten, auf die Behütung und Sicherung im Elternhause,​ auf Rücksicht und Beistand, wie die heimatlichen Verbundenheiten sie gaben, und ohne jeden Rückhalt, ohne Behütung und ohne Schonung zu leben. Denn das hieß Fremde. Die Fremde war grundsätzlich nur Verneinung der Heimat. Wer in die Fremde ging .... mußte alles, was er an Hilfsbereitschaft,​ Freundschaft und Wärme brauchte, neu erwerben. ... und wurde er mit der Fremde fertig, so kam er mit Kräften zurück, die er vorher nicht gehabt hatte und die ihn nicht nur im Beruf über die Daheimgebliebenen hinaushoben. Es war der Sinn der Fremde, daß man sie annahm und verstand.“//​ ((Winnig, S. 245)) \\  Winnig sinnierte über den Sinn des Wanderns und unterschied zwischen dem Sinn für sich selbst und dem Sinn für die Gesellschaft durch //„den Austausch handwerklicher Erfahrungen,​ die Förderung im Beruf, das Kennenlernen fremder Länder und Leute. Diese Zwecke meinten wir und meinten, damit den Sinn der Wanderschaft getroffen zu haben, im Grunde aber wußten wir wohl, daß er woanders lag ... Die Wanderschaft war vom Menschen her gesehen eine Probe seines Mutes und seines Selbstvertrauens. An jeden jungen Gesellen war mit der Wanderschaft die Frage gestellt, ob er den Mut hatte, auf den Rückhalt der Heimat zu verzichten, auf die Behütung und Sicherung im Elternhause,​ auf Rücksicht und Beistand, wie die heimatlichen Verbundenheiten sie gaben, und ohne jeden Rückhalt, ohne Behütung und ohne Schonung zu leben. Denn das hieß Fremde. Die Fremde war grundsätzlich nur Verneinung der Heimat. Wer in die Fremde ging .... mußte alles, was er an Hilfsbereitschaft,​ Freundschaft und Wärme brauchte, neu erwerben. ... und wurde er mit der Fremde fertig, so kam er mit Kräften zurück, die er vorher nicht gehabt hatte und die ihn nicht nur im Beruf über die Daheimgebliebenen hinaushoben. Es war der Sinn der Fremde, daß man sie annahm und verstand.“//​ ((Winnig, S. 245)) \\ 
-Zettler sinniert:// „Denn wie soll ein junger Mann Erfahrungen und Wissen sammeln, wenn er nicht seine Heimat verläßt und fremde Länder bereist? Wie soll er sich in seinem Berufe fortbilden, ohne die Meinung anderer Menschen gehört zu haben? ... Bin ich vielleicht anders, als die sonstigen jungen Männer meines Alters? Sollte ich ein besonders starkes Fernweh haben?“// ((Zettler, S. 53)) \\ +Zettler sinniert:// „Denn wie soll ein junger Mann Erfahrungen und [[wiki:​wissen|Wissen]] sammeln, wenn er nicht seine Heimat verläßt und fremde Länder bereist? Wie soll er sich in seinem Berufe fortbilden, ohne die Meinung anderer Menschen gehört zu haben? ... Bin ich vielleicht anders, als die sonstigen jungen Männer meines Alters? Sollte ich ein besonders starkes Fernweh haben?“// ((Zettler, S. 53)) \\ 
 Hasemann erlebt eine geschützte,​ freie Kindheit, lebt ungezügelt. Zur Qual wird ihm allerdings die Schule mit dem damit verbundenen Zwang, den Strafen und dem Arbeiten im Internat, der Presse:// „Hier war die Welt des Zwanges. ... Es kann kein Mensch begreifen, wie schmerzlich der Verlust der Freiheit auf solche Waldkinder, wie wir es doch waren, wirkte. Gefangen, eingemauert.“//​ ((Hasemann S. 2)) Er flieht, die Flucht gelingt: //„Ich wollte Maler werden oder Bildhauer oder irgend so etwas, ein Beruf mußte es sein, der keinen Zwang im Gefolge führte.“//​ \\  Hasemann erlebt eine geschützte,​ freie Kindheit, lebt ungezügelt. Zur Qual wird ihm allerdings die Schule mit dem damit verbundenen Zwang, den Strafen und dem Arbeiten im Internat, der Presse:// „Hier war die Welt des Zwanges. ... Es kann kein Mensch begreifen, wie schmerzlich der Verlust der Freiheit auf solche Waldkinder, wie wir es doch waren, wirkte. Gefangen, eingemauert.“//​ ((Hasemann S. 2)) Er flieht, die Flucht gelingt: //„Ich wollte Maler werden oder Bildhauer oder irgend so etwas, ein Beruf mußte es sein, der keinen Zwang im Gefolge führte.“//​ \\ 
 Doch es bedarf mehr, einen Gesellen zur Wanderschaft zu bewegen: persönliche [[wiki:​motive_des_reisens|Motive]] geben den Ausschlag. Begleitet werden sie von einer Neigung zum Reisen, einem Hang irgendwo im Spektrum zwischen Leidenschaft und Lust, der mehr oder minder für den Trieb, unterwegs zu sein, verantwortlich ist. Bei Hasemann wird es gar zum Lebensprinzip://​ „Nur der erwirbt das Recht aufs Jenseits, der den Kampf mit der Gottheit ausgefochten,​ der den Handschuh der Unmöglichkeit lächelnd aufnimmt.“//​ ((Hasemann, S. 9)) \\  Doch es bedarf mehr, einen Gesellen zur Wanderschaft zu bewegen: persönliche [[wiki:​motive_des_reisens|Motive]] geben den Ausschlag. Begleitet werden sie von einer Neigung zum Reisen, einem Hang irgendwo im Spektrum zwischen Leidenschaft und Lust, der mehr oder minder für den Trieb, unterwegs zu sein, verantwortlich ist. Bei Hasemann wird es gar zum Lebensprinzip://​ „Nur der erwirbt das Recht aufs Jenseits, der den Kampf mit der Gottheit ausgefochten,​ der den Handschuh der Unmöglichkeit lächelnd aufnimmt.“//​ ((Hasemann, S. 9)) \\ 
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 Ein Wunder ist es nicht, auf andere Reisende zu treffen. 1924 haben angeblich 700.000 Reisende Italien besucht, darunter 69.000 Deutsche. Um 1900 sind in Rom etwa 1.000 Deutsche ansässig, weitere 2.000 halten sich dort zu Studienzwecken auf, mehrere tausend besuchen die Stadt als Touristen oder Pilger. ((Der Rompilger, S. 49)) \\  Ein Wunder ist es nicht, auf andere Reisende zu treffen. 1924 haben angeblich 700.000 Reisende Italien besucht, darunter 69.000 Deutsche. Um 1900 sind in Rom etwa 1.000 Deutsche ansässig, weitere 2.000 halten sich dort zu Studienzwecken auf, mehrere tausend besuchen die Stadt als Touristen oder Pilger. ((Der Rompilger, S. 49)) \\ 
 Alfred Pfarre ist es ein besonderes Bedürfnis, in Gesellschaft zu sein und kaum einmal reist er alleine. Auch in Italien trifft er immer wieder auf Gesellen, Kunden, Vagabunden. In Venedig den Luxemburger Journalisten Matthias Kientgen und einen badischen Gymnasiasten namens Wilhelm, einen dänischer Gärtner, einen deutschen Maler, dessen Freundin Helene Weil, den Sibirier, den Kanadier, den Russen, den großen Josef, den Heiland, einen Kundenphilosophen. In Rom findet er eine große Anzahl Kunden, die es sich dort heimisch gemacht haben, teilweise wohnen sie in den Katakomben, nicht so viele Kunden treiben sich in Neapel herum. Nur einmal trifft er in den vielen Monaten einen französischen Kunden, andere Nationalitäten sind etwas häufiger vertreten, doch die meisten sind Deutsche, sie sind oft //​„...eine ganze Gruppe Heimatloser ..., Kunden, versumpfte Künstler, abgemusterte und weggelaufene Seeleute aus aller Herren Länder ... einen alten Speckjäger ... den kleinen buckligen Michael.“//​ \\  Alfred Pfarre ist es ein besonderes Bedürfnis, in Gesellschaft zu sein und kaum einmal reist er alleine. Auch in Italien trifft er immer wieder auf Gesellen, Kunden, Vagabunden. In Venedig den Luxemburger Journalisten Matthias Kientgen und einen badischen Gymnasiasten namens Wilhelm, einen dänischer Gärtner, einen deutschen Maler, dessen Freundin Helene Weil, den Sibirier, den Kanadier, den Russen, den großen Josef, den Heiland, einen Kundenphilosophen. In Rom findet er eine große Anzahl Kunden, die es sich dort heimisch gemacht haben, teilweise wohnen sie in den Katakomben, nicht so viele Kunden treiben sich in Neapel herum. Nur einmal trifft er in den vielen Monaten einen französischen Kunden, andere Nationalitäten sind etwas häufiger vertreten, doch die meisten sind Deutsche, sie sind oft //​„...eine ganze Gruppe Heimatloser ..., Kunden, versumpfte Künstler, abgemusterte und weggelaufene Seeleute aus aller Herren Länder ... einen alten Speckjäger ... den kleinen buckligen Michael.“//​ \\ 
-Der Kontakt zu anderen war so ausgeprägt,​ wie man es wünschte. Im Gegensatz zu Schroeder, der fast nie allein war und Gruppen bevorzugte, floh Winnig die Gesellschaft der Handwerksburschen und Kunden: //„Ein halber Tag in Gesellschaft gewandert war eine willkommene Abwechslung,​ aber danach nahm ich mir wieder meine Freiheit, die Freiheit des Wanderns und Rastens und die Freiheit der Gedanken.“//​ ((Winnig, S. 244)) Interessant ist eine hingeworfene Bemerkung Winnigs, als ihm in der Rüdesheimer Herberge ein Fremder auffällt://​ „...er war zwar wandermäßig angezogen, aber in der Art vornehmer Leute ... daß ich ihn für einen Touristen hielt, der hier die Gelegenheit zu sozialen Studien wahrnahm, wozu sich manche Leute damals bewogen fühlten, nachdem Pastor Göhre drei Monate Fabrikarbeiter gewesen war und ein Buch darüber geschrieben hatte.“// ((Winnig, S. 248))\\ ​+Der Kontakt zu anderen war so ausgeprägt,​ wie man es wünschte. Im Gegensatz zu Schroeder, der fast nie allein war und Gruppen bevorzugte, floh Winnig die Gesellschaft der Handwerksburschen und Kunden: //„Ein halber Tag in Gesellschaft gewandert war eine willkommene Abwechslung,​ aber danach nahm ich mir wieder meine [[wiki:​freiheit|Freiheit]], die Freiheit des Wanderns und Rastens und die Freiheit der Gedanken.“//​ ((Winnig, S. 244)) Interessant ist eine hingeworfene Bemerkung Winnigs, als ihm in der Rüdesheimer Herberge ein Fremder auffällt://​ „...er war zwar wandermäßig angezogen, aber in der Art vornehmer Leute ... daß ich ihn für einen Touristen hielt, der hier die Gelegenheit zu sozialen Studien wahrnahm, wozu sich manche Leute damals bewogen fühlten, nachdem Pastor Göhre drei Monate Fabrikarbeiter gewesen war und ein Buch darüber geschrieben hatte.“// ((Winnig, S. 248))\\ ​
 Gemeinsam wurde die Zeit kürzer, man konnte sich unterhalten,​ hatte jemanden, dem man vertrauen konnte, ein Stück Heimat in der Fremde. Heinrichs und Pfarre finden richtige Freunde auf der Landstraße,​ Menschen, die ihnen viel bedeuten und von denen sie sich nur schwer trennen; Winnig dagegen fühlte sich nahezu immer unter Fremden. Kam eine Gruppe von mehreren Kunden in einen Ort, so teilte man ein, wer in welchem Haus zu fechten hatte. Hinter dem Dorf wurde zusammengeworfen und gerecht geteilt. Schroeder wird einmal unterwegs sehr krank und ohne die Kunden, die er eben erst getroffen hatte, wäre er am Wegesrand liegengeblieben:​ //„Jetzt weiß ich, was Kameradschaft ist. Wohl steht man dem Bruder näher, man tut etwas für ihn, weil er zur Familie gehört, man hintergeht ihn auch nicht, was man vielleicht bei einem fremden Menschen tun würde ... Beim Kameraden aber kommen solche Gedanken noch nicht einmal auf. Wahre Kameradschaft zerschmettert die Hölle!“//​ ((Schroeder,​ S. 212))\\ ​ Gemeinsam wurde die Zeit kürzer, man konnte sich unterhalten,​ hatte jemanden, dem man vertrauen konnte, ein Stück Heimat in der Fremde. Heinrichs und Pfarre finden richtige Freunde auf der Landstraße,​ Menschen, die ihnen viel bedeuten und von denen sie sich nur schwer trennen; Winnig dagegen fühlte sich nahezu immer unter Fremden. Kam eine Gruppe von mehreren Kunden in einen Ort, so teilte man ein, wer in welchem Haus zu fechten hatte. Hinter dem Dorf wurde zusammengeworfen und gerecht geteilt. Schroeder wird einmal unterwegs sehr krank und ohne die Kunden, die er eben erst getroffen hatte, wäre er am Wegesrand liegengeblieben:​ //„Jetzt weiß ich, was Kameradschaft ist. Wohl steht man dem Bruder näher, man tut etwas für ihn, weil er zur Familie gehört, man hintergeht ihn auch nicht, was man vielleicht bei einem fremden Menschen tun würde ... Beim Kameraden aber kommen solche Gedanken noch nicht einmal auf. Wahre Kameradschaft zerschmettert die Hölle!“//​ ((Schroeder,​ S. 212))\\ ​
 //„Die wandernden Schleifer hatten damals einen Brauch, den sie als Geheimnis behandelten:​ alle Jahre um Johannis trafen sie sich irgendwo und hielten drei Tage lang ein Lager mit Zecherei und Schmauserei. dann standen ihre Wagen, fast dreißig an der Zahl, in der Dickung, und die Schleifer lagen abseits im Grase ...“// ((Winnig, S. 249)) //„Die wandernden Schleifer hatten damals einen Brauch, den sie als Geheimnis behandelten:​ alle Jahre um Johannis trafen sie sich irgendwo und hielten drei Tage lang ein Lager mit Zecherei und Schmauserei. dann standen ihre Wagen, fast dreißig an der Zahl, in der Dickung, und die Schleifer lagen abseits im Grase ...“// ((Winnig, S. 249))
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 In der Türkei und in Persien lernt ''​Kurt Faber''​ den //​Mähändis//​ kennen:// „Mähändis ist alles und jedes; es ist die Ausrede, die jeder reisende Abenteurer durch das Land trägt, wenn ihm sonst nichts besseres einfällt. Ein Mähändis ist z. B. ein Ingenieur. Er kann aber auch bloß ein Monteur, ein Mechaniker, ein Schlosser, ein Chauffeur sein. Mähändis ist jeder, der nicht berufsmäßig mit Schafen und Ziegen zu tun hat.“// ((Mit dem Rucksack nach Indien, S. 68)) Als ein Polizist, der ihn nach Papieren fragt, das Zauberwort „Mähändis“ hört, beginnt er glücklich zu strahlen, nun kann er Faber einordnen.\\ ​ In der Türkei und in Persien lernt ''​Kurt Faber''​ den //​Mähändis//​ kennen:// „Mähändis ist alles und jedes; es ist die Ausrede, die jeder reisende Abenteurer durch das Land trägt, wenn ihm sonst nichts besseres einfällt. Ein Mähändis ist z. B. ein Ingenieur. Er kann aber auch bloß ein Monteur, ein Mechaniker, ein Schlosser, ein Chauffeur sein. Mähändis ist jeder, der nicht berufsmäßig mit Schafen und Ziegen zu tun hat.“// ((Mit dem Rucksack nach Indien, S. 68)) Als ein Polizist, der ihn nach Papieren fragt, das Zauberwort „Mähändis“ hört, beginnt er glücklich zu strahlen, nun kann er Faber einordnen.\\ ​
 ==== Trimards ==== ==== Trimards ====
-''​Mario Appelius''​ gerät nach seiner [[wiki:​Flucht|Flucht]] aus dem Elternhaus unter die italienischen „Trimards“:​ //„Die Trimards sind bettelnde Vagabunden, die sich besonders darauf verstehen, ohne Arbeit durch die ganze Welt zu reisen. Sie leben von Almosen, von kleinen Schmarotzereien und harmlosen Diebstählen. Auf den Dampfern reisen sie als blinde Passagiere, auf den Eisenbahnen zwischen den Achsen der Güterzüge,​ beuten die Wohltätigkeitsvereine sowie die Kassen der Konsulate aus und rühren das Herz der im Ausland lebenden Landsleute. Es kommt ihnen aber auch nicht darauf an, sich je nach Bedarf als Angehörigen einer anderen Nation auszugeben. Ebenso leichthin wechseln sie ihre Glaubensbekenntnisse,​ sei es nun, daß sie einen Priester, einen Pastor oder einen Rabbiner vor sich haben. Sie haben das Vagabundieren und die Bettelei zu einer hohen Kunst entwickelt. Niemals geben sie zu, daß sie Habenichtse sind, stets sind sie nur vorübergehend ins Unglück geraten, haben durch irgendeinen Zufall ihre Arbeit verloren, oder wurden um ihr Gepäck gebracht. Vor Sportsleuten spielen sie den Sportler, vor Revolutionären den Umstürzler,​ vor Betschwestern den braven altmodischen Bürger. In den meisten Fällen sind sie von besserer Herkunft, halten sich sauber, kleiden sich einfach und lieben es, sich durch Bärte und Brillen ein professorales Aussehen zu geben. Durch lange Erfahrungen haben sie es fabelhaft raus, die lieben Nächsten zu beschwatzen und auszunutzen. Alles ist ihnen willkommen, nicht nur Geld, weil alles verkäuflich ist, seien es nun Lebensmittel,​ getragene Kleider oder sogar Bücher und Arzneimittel. Auch gute Empfehlungen sind von ihnen begehrt. ... Sie verfolgen in den Zeitungen die Heiratsanzeigen,​ die Todesfälle,​ die Geburts- und Namenstage, die Gewinnlisten der Lotterien und die Ankunft von Verwandten, die von weither kommen, und stellen sich unweigerlich dann und dort ein, wo niemand ein Almosen verweigern wird. Ein jeder verfaßt einen schriftlichen Bericht über seine interessantesten Fälle und händigt ihn, ehe er die betreffende Stadt verläßt, einem Mitgliede der Gesellschaft aus, das ständig in der größten Stadt des betreffenden Landes wohnt und für ein bestimmtes Gebiet als Leiter und Vertrauensmann zuständig ist. Durch den Austausch ihrer Erfahrungen wissen sie genau, an wen sie sich in diesem und jenem Ort wenden, bei wem sie wohnen und Vorschuß bekommen können, wo sie mit getragenen Kleidern und Wäsche versorgt werden, wo ihnen in Krankheitsfällen und bei Scherereien mit der Polizei geholfen wird. Der Hauptsitz der Vereinigung befand sich damals in Berlin, die Vereinssprache hingegen war nach dem Vorbild der Diplomatie das französische,​ allerdings reich durchsetzt mit Vokabeln ihrer eigenen Gaunersprache. ... Die Mitglieder setzten sich hauptsächlich aus Belgiern, Franzosen, Deutschen, Russen, Juden, Engländern und besonders auch vielen Österreichern zusammen. Italiener und Spanier hingegen traf man seltener.“//​ ((Appelius, S. 62 ff.))\\ ​+''​Mario Appelius''​ gerät nach seiner [[wiki:​Flucht|Flucht]] aus dem Elternhaus unter die italienischen „Trimards“:​ //„Die Trimards sind bettelnde Vagabunden, die sich besonders darauf verstehen, ohne Arbeit durch die ganze Welt zu reisen. Sie leben von Almosen, von kleinen Schmarotzereien und harmlosen Diebstählen. Auf den Dampfern reisen sie als blinde Passagiere, auf den Eisenbahnen zwischen den Achsen der Güterzüge,​ beuten die Wohltätigkeitsvereine sowie die Kassen der Konsulate aus und rühren das Herz der im Ausland lebenden Landsleute. Es kommt ihnen aber auch nicht darauf an, sich je nach Bedarf als Angehörigen einer anderen Nation auszugeben. Ebenso leichthin wechseln sie ihre Glaubensbekenntnisse,​ sei es nun, daß sie einen Priester, einen Pastor oder einen Rabbiner vor sich haben. Sie haben das Vagabundieren und die Bettelei zu einer hohen Kunst entwickelt. Niemals geben sie zu, daß sie Habenichtse sind, stets sind sie nur vorübergehend ins Unglück geraten, haben durch irgendeinen Zufall ihre Arbeit verloren, oder wurden um ihr Gepäck gebracht. Vor Sportsleuten spielen sie den Sportler, vor Revolutionären den Umstürzler,​ vor Betschwestern den braven altmodischen Bürger. In den meisten Fällen sind sie von besserer Herkunft, halten sich sauber, kleiden sich einfach und lieben es, sich durch Bärte und Brillen ein professorales Aussehen zu geben. Durch lange Erfahrungen haben sie es fabelhaft raus, die lieben Nächsten zu beschwatzen und auszunutzen. Alles ist ihnen willkommen, nicht nur Geld, weil alles verkäuflich ist, seien es nun [[wiki:​lebensmittel|Lebensmittel]] , getragene Kleider oder sogar Bücher und Arzneimittel. Auch gute Empfehlungen sind von ihnen begehrt. ... Sie verfolgen in den Zeitungen die Heiratsanzeigen,​ die Todesfälle,​ die Geburts- und Namenstage, die Gewinnlisten der Lotterien und die Ankunft von Verwandten, die von weither kommen, und stellen sich unweigerlich dann und dort ein, wo niemand ein Almosen verweigern wird. Ein jeder verfaßt einen schriftlichen Bericht über seine interessantesten Fälle und händigt ihn, ehe er die betreffende Stadt verläßt, einem Mitgliede der Gesellschaft aus, das ständig in der größten Stadt des betreffenden Landes wohnt und für ein bestimmtes Gebiet als Leiter und Vertrauensmann zuständig ist. Durch den Austausch ihrer Erfahrungen wissen sie genau, an wen sie sich in diesem und jenem Ort wenden, bei wem sie wohnen und Vorschuß bekommen können, wo sie mit getragenen Kleidern und Wäsche versorgt werden, wo ihnen in Krankheitsfällen und bei Scherereien mit der Polizei geholfen wird. Der Hauptsitz der Vereinigung befand sich damals in Berlin, die Vereinssprache hingegen war nach dem Vorbild der Diplomatie das französische,​ allerdings reich durchsetzt mit Vokabeln ihrer eigenen Gaunersprache. ... Die Mitglieder setzten sich hauptsächlich aus Belgiern, Franzosen, Deutschen, Russen, Juden, Engländern und besonders auch vielen Österreichern zusammen. Italiener und Spanier hingegen traf man seltener.“//​ ((Appelius, S. 62 ff.))\\ ​
 Man kann spekulieren,​ was an dieser Geschichte stimmt, oder ob sie eine Mischung aus Wahrem, Halbwahrem und Erfundenem ist. Appelius hörte diese Geschichte im Kreise solcher Trimards in Alexandria/​Ägypten,​ verbrachte einige Zeit mit ihnen und nennt ''​George Colet'',​ einen Belgier, ''​Abraham Rosenthal, Herbert Bradson'',​ einen Nordamerikaner,​ den Franzosen ''​Pere Duval''​ und Julien, ''​Omar Adrajan'',​ einen Perser, den Finnen Kid-Kid, den Iren Allan und den deutschen Welsch. ((Appelius, S. 65 f.)) Appelius ist zu dieser Zeit etwa 16 Jahre alt und man schreibt das Jahr 1908. Da kann es auch angehen, daß man ihn mit einer Mischung aus Mythen und Märchen gefüttert hat, weit genug weg vom Ort der Handlung.\\ ​ Man kann spekulieren,​ was an dieser Geschichte stimmt, oder ob sie eine Mischung aus Wahrem, Halbwahrem und Erfundenem ist. Appelius hörte diese Geschichte im Kreise solcher Trimards in Alexandria/​Ägypten,​ verbrachte einige Zeit mit ihnen und nennt ''​George Colet'',​ einen Belgier, ''​Abraham Rosenthal, Herbert Bradson'',​ einen Nordamerikaner,​ den Franzosen ''​Pere Duval''​ und Julien, ''​Omar Adrajan'',​ einen Perser, den Finnen Kid-Kid, den Iren Allan und den deutschen Welsch. ((Appelius, S. 65 f.)) Appelius ist zu dieser Zeit etwa 16 Jahre alt und man schreibt das Jahr 1908. Da kann es auch angehen, daß man ihn mit einer Mischung aus Mythen und Märchen gefüttert hat, weit genug weg vom Ort der Handlung.\\ ​
 ==== Der Tramp ==== ==== Der Tramp ====
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 Die amerikanischen Tramps wurden als Massenphänomen etwa ab 1873 bemerkt, als durch eine Wirtschaftskrise zahllose Arbeitssuchende von der industrialisierten Ostküste in den Westen zogen, entlang der amerikanischen Hauptverbindungswege,​ den Eisenbahnen. ((Nikos)) Als Alois Zettler 1874 durch Amerika wandert, weiß er von der Wirtschaftskrise zu berichten und nutzt selbst die Züge als kostenloses Beförderungsmittel. ((Zettler, S. 102)) Sie waren vermutlich noch weniger gern gesehen als die Vagabunden in Europa. Beispielsweise gab es eine Gesetzesvorlage,​ die die Sterilisation der Tramps forderte, vermutlich im Bewußtsein,​ daß, wer so lebt, nur krank sein könne oder arbeitsunwillig. ((Nikos, S. 66)) Gesetze ahndeten das Trampen mit bis zu sechs Monaten Arbeitslager,​ Kurt Faber weiß davon ein Lied zu singen. Die Geschichte der amerikanischen Tramps läßt sich durch zwei Weltkriege bis in die heutige Zeit verfolgen. ((Nikos))\\ ​ Die amerikanischen Tramps wurden als Massenphänomen etwa ab 1873 bemerkt, als durch eine Wirtschaftskrise zahllose Arbeitssuchende von der industrialisierten Ostküste in den Westen zogen, entlang der amerikanischen Hauptverbindungswege,​ den Eisenbahnen. ((Nikos)) Als Alois Zettler 1874 durch Amerika wandert, weiß er von der Wirtschaftskrise zu berichten und nutzt selbst die Züge als kostenloses Beförderungsmittel. ((Zettler, S. 102)) Sie waren vermutlich noch weniger gern gesehen als die Vagabunden in Europa. Beispielsweise gab es eine Gesetzesvorlage,​ die die Sterilisation der Tramps forderte, vermutlich im Bewußtsein,​ daß, wer so lebt, nur krank sein könne oder arbeitsunwillig. ((Nikos, S. 66)) Gesetze ahndeten das Trampen mit bis zu sechs Monaten Arbeitslager,​ Kurt Faber weiß davon ein Lied zu singen. Die Geschichte der amerikanischen Tramps läßt sich durch zwei Weltkriege bis in die heutige Zeit verfolgen. ((Nikos))\\ ​
 ==== Der Kardasch ==== ==== Der Kardasch ====
-Den Mann auf der Landstraße gab es überall, in der Türkei nannte man ihn den „Kardasch“:​ //„Kommst du in ein Haus oder eine Hütte, und sie nennen dich Kardasch, so bist du sicher und geborgen, tun sie es nicht, so magst du Ausguck halten nach den Böen, die voraus liegen. Kardasch nennt dich freundlich der dir Begegnende, oder er tut es nicht, und dann weißt du, was er von dir hält. Denn der Kardasch, das ist der Mann, dem die Landstraße gehört, der auf ihr zu Hause ist, er ist ... ein Teil der Landstraße.“//​ ((Faber, Mit dem Rucksack nach Indien, S. 66))\\ ​+Den Mann auf der Landstraße gab es überall, in der Türkei nannte man ihn den „Kardasch“:​ //„Kommst du in ein Haus oder eine Hütte, und sie nennen dich Kardasch, so bist du sicher und geborgen, tun sie es nicht, so magst du Ausguck halten nach den Böen, die voraus liegen. Kardasch nennt dich freundlich der dir Begegnende, oder er tut es nicht, und dann weißt du, was er von dir hält. Denn der Kardasch, das ist der Mann, dem die Landstraße gehört, der auf ihr zu Hause ist, er ist ... ein Teil der Landstraße.“//​ ((''​Faber''​//Mit dem Rucksack nach Indien//, S. 66))\\ ​
  
-Ein Reisender (Gezork) trifft Vagabunden noch in Asien. Ein amerikanischer Vagabund hat geholfen, einen Freund aus einem rotchinesischen Gefängnis zu befreien, war dann Holzfäller,​ Farmarbeiter,​ Tramp in Kanada. Der andere, ein Vagabund aus Südafrika, zog über England nach Kanada, dann nach China: //„So hat er buchstäblich eine Rundreise um die ganze Erde gemacht, auf der Suche nach Arbeit, wie er sagt. Ich hege allerdings meine stillen Zweifel, ob es bei ihm mit der Arbeitswut wirklich so ernst war. Er ist eben ein richtiger ​Vagbund; die ewige Wanderlust steckt diesem Burschen viel zu tief im Blut, als daß er´s an einem Orte länger als ein paar Monate aushalten könnte.“//​ Gezork, S. 75 f.\\ +Ein Reisender (''​Gezork''​) trifft Vagabunden noch in Asien. Ein amerikanischer Vagabund hat geholfen, einen Freund aus einem rotchinesischen Gefängnis zu befreien, war dann Holzfäller,​ Farmarbeiter,​ Tramp in Kanada. Der andere, ein Vagabund aus Südafrika, zog über England nach Kanada, dann nach China: //„So hat er buchstäblich eine Rundreise um die ganze Erde gemacht, auf der Suche nach Arbeit, wie er sagt. Ich hege allerdings meine stillen Zweifel, ob es bei ihm mit der Arbeitswut wirklich so ernst war. Er ist eben ein richtiger ​Vagabund; die ewige Wanderlust steckt diesem Burschen viel zu tief im Blut, als daß er'​s ​an einem Orte länger als ein paar Monate aushalten könnte.“// ​((''​Gezork''​, S. 75 f.))
 ==== Bresprisornijs ==== ==== Bresprisornijs ====
 Gregor Gog, berühmter deutscher Vagabund, reist 1930 nach Moskau - ihn zogen die Außenseiter und Verstossenen an //„die Bresprisornijs,​ Rußlands Kindervagabunden,​ die Weltkrieg, Hungersnot und Bürgerkrieg zu mit allen Wassern gewaschenen Räuberbanden hatten werden lassen.“//​ ((Trappmann,​ S. 15)) Gregor Gog, berühmter deutscher Vagabund, reist 1930 nach Moskau - ihn zogen die Außenseiter und Verstossenen an //„die Bresprisornijs,​ Rußlands Kindervagabunden,​ die Weltkrieg, Hungersnot und Bürgerkrieg zu mit allen Wassern gewaschenen Räuberbanden hatten werden lassen.“//​ ((Trappmann,​ S. 15))
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 Künstler und Intellektuelle gingen aus ideologischen Gründen auf die Landstraße. ''​Gustav Brügel'',​ Landstreicher und Schriftsteller aus Balingen bei Stuttgart, gab 1927 die erste Zeitschrift der Vagabunden, den „Kunden“,​ heraus, Gregor Gog übernahm nach der ersten Nummer. Gog gründete die „Bruderschaft der Vagabunden“. Zusammen mit Pfarrern, Dichtern, Anarchisten und Malern, Träumern und Wanderpredigern,​ Jugendbewegten und Asozialen, alle auf der Landstraße,​ baute man Kontakte zu den Berliner „Anarcho-Syndikalisten“ und der „Gilde freiheitlicher Bücherfreunde“ auf. Sie alle trugen zum „Kunden“ bei. 1928 fand der erste öffentliche Vagabundenabend in Stuttgart statt, weitere folgten in Berlin, Mannheim, Hamburg, Dortmund. Pfingsten 1929 gab es dann das erste große Vagabunden-Treffen in Stuttgart mit 600 Teilnehmern aus Deutschland,​ Österreich,​ Böhmen, Polen, Dänemark, Finnland, Ägypten - aber keine aus Frankreich. ((Sergej Tretjakow, Der König der Vagabunden in: Trappmann, S. 329)) 1930 wird erstmals ein Vagabundenfilm gedreht, an dem Gregor Gog und zahlreiche andere Vagabunden teilhaben. Im gleichen Jahr gibt es in Deutschland acht Ausstellungen von Vagabundenkünstlern. 1933 wird Gregor Gog verhaftet, kommt in mehrere KZs und kann Ende 1933 in die Schweiz fliehen. Die Bücher der Vagabunden wurden verboten, das gesamte Archiv abtransportiert. Die folgenden zwölf Jahre genügten, um Kultur und Tradition der Vagabunden fast vollständig auszurotten. Künstler und Intellektuelle gingen aus ideologischen Gründen auf die Landstraße. ''​Gustav Brügel'',​ Landstreicher und Schriftsteller aus Balingen bei Stuttgart, gab 1927 die erste Zeitschrift der Vagabunden, den „Kunden“,​ heraus, Gregor Gog übernahm nach der ersten Nummer. Gog gründete die „Bruderschaft der Vagabunden“. Zusammen mit Pfarrern, Dichtern, Anarchisten und Malern, Träumern und Wanderpredigern,​ Jugendbewegten und Asozialen, alle auf der Landstraße,​ baute man Kontakte zu den Berliner „Anarcho-Syndikalisten“ und der „Gilde freiheitlicher Bücherfreunde“ auf. Sie alle trugen zum „Kunden“ bei. 1928 fand der erste öffentliche Vagabundenabend in Stuttgart statt, weitere folgten in Berlin, Mannheim, Hamburg, Dortmund. Pfingsten 1929 gab es dann das erste große Vagabunden-Treffen in Stuttgart mit 600 Teilnehmern aus Deutschland,​ Österreich,​ Böhmen, Polen, Dänemark, Finnland, Ägypten - aber keine aus Frankreich. ((Sergej Tretjakow, Der König der Vagabunden in: Trappmann, S. 329)) 1930 wird erstmals ein Vagabundenfilm gedreht, an dem Gregor Gog und zahlreiche andere Vagabunden teilhaben. Im gleichen Jahr gibt es in Deutschland acht Ausstellungen von Vagabundenkünstlern. 1933 wird Gregor Gog verhaftet, kommt in mehrere KZs und kann Ende 1933 in die Schweiz fliehen. Die Bücher der Vagabunden wurden verboten, das gesamte Archiv abtransportiert. Die folgenden zwölf Jahre genügten, um Kultur und Tradition der Vagabunden fast vollständig auszurotten.
 ===== 8 Und heute? ===== ===== 8 Und heute? =====
-Die große Zeit der Handwerksgesellen ist spätestens seit dem 1. Weltkrieg vorbei. Mit der Aufhebung der Zünfte und der Einführung der Gewerbefreiheit im 19. Jahrhundert hatte diese Bewegung ihren Zenit überschritten. Winnig kam sich 1897 in den großen Städten fehl am Platze vor. Die Industrialisierung Europas und die sich zyklisch wiederholenden Wirtschaftskrisen führten in Schüben immer mal wieder zu einem Anstieg der Massen auf den Straßen. Doch nun nahmen Arbeiter, Wanderarbeiter und Lumpenproletariat die Stelle der Gesellen ein. 1927 waren 70.000 Menschen auf den Straßen Deutschlands unterwegs, sechs Jahre später waren es bereits wieder 450.000. ((Trappmann,​ S. 15)) Immer spiegelte sich in den Wanderungsbewegungen die gesellschaftliche,​ politische und wirtschaftliche Unsicherheit. Die Nationalsozialisten brachten ab 1933 die Vagabunden mit allen Mitteln von der Straße: Arbeitslager,​ Verhaftung, Razzien, Entmündigung,​ Psychiatrisierung und sechs Jahre Krieg beseitigten fast alle Spuren der Heimatlosen. ((Kadereit)) Auch für die „Nicht-Seßhaften“ von heute ist die Landstraße meist ohne Romantik, sondern hat eher mit dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit,​ Wohnungslosigkeit und sozialem Abstieg zu tun.\\ ​+Die große Zeit der Handwerksgesellen ist spätestens seit dem 1. Weltkrieg vorbei. Mit der Aufhebung der Zünfte und der Einführung der [[wiki:​grundfreiheiten|Gewerbefreiheit]] im 19. Jahrhundert hatte diese Bewegung ihren Zenit überschritten. Winnig kam sich 1897 in den großen Städten fehl am Platze vor. Die Industrialisierung Europas und die sich zyklisch wiederholenden Wirtschaftskrisen führten in Schüben immer mal wieder zu einem Anstieg der Massen auf den Straßen. Doch nun nahmen Arbeiter, Wanderarbeiter und Lumpenproletariat die Stelle der Gesellen ein. 1927 waren 70.000 Menschen auf den Straßen Deutschlands unterwegs, sechs Jahre später waren es bereits wieder 450.000. ((Trappmann,​ S. 15)) Immer spiegelte sich in den Wanderungsbewegungen die gesellschaftliche,​ politische und wirtschaftliche Unsicherheit. Die Nationalsozialisten brachten ab 1933 die Vagabunden mit allen Mitteln von der Straße: Arbeitslager,​ Verhaftung, Razzien, Entmündigung,​ Psychiatrisierung und sechs Jahre Krieg beseitigten fast alle Spuren der Heimatlosen. ((Kadereit)) Auch für die „Nicht-Seßhaften“ von heute ist die Landstraße meist ohne Romantik, sondern hat eher mit dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit,​ Wohnungslosigkeit und sozialem Abstieg zu tun.\\ ​
 Vereinzelt wandern Handwerksgesellen noch heute mit Ehrbarkeit ((Früher Rotwelsch: Halsbinde, heute Krawatte)), Staude ((Hemd)), Schlapphut, Stenz ((Stock)) und schwarzen Cordhosen. Auch wenn sie nicht mehr Teil einer gesellschaftlichen Massenbewegung sind, so erhalten sie doch die Traditionen aufrecht. Sie werden „als Exoten bestaunt in einer durchtechnisierten,​ profitorientierten Welt“. ((Schiemann)) Sie tragen immer noch den Berliner mit Rasierpinsel,​ Unterwäsche,​ Schuhputzzeug,​ Hammer, Lot und Wasserwaage und scheniegeln ((Arbeiten, von Schinagole (jidd. = Schubkarre))) bei Krautern ((Krauter wird der Handwerksmeister genannt, insbesondere der zunftlose auf dem freien Land)). Etwa 3000 organisierte Gesellen gab es 1985: sie dürfen keine dreißig Jahre alt sein, weder verheiratet noch vorbestraft,​ dürfen keine Schulden haben, sollen charakterfest im Umgang mit Alkohol sein. Sogar eine „Confédération Compagnonnages“ der europäischen Gesellenzünfte gibt es.\\  Vereinzelt wandern Handwerksgesellen noch heute mit Ehrbarkeit ((Früher Rotwelsch: Halsbinde, heute Krawatte)), Staude ((Hemd)), Schlapphut, Stenz ((Stock)) und schwarzen Cordhosen. Auch wenn sie nicht mehr Teil einer gesellschaftlichen Massenbewegung sind, so erhalten sie doch die Traditionen aufrecht. Sie werden „als Exoten bestaunt in einer durchtechnisierten,​ profitorientierten Welt“. ((Schiemann)) Sie tragen immer noch den Berliner mit Rasierpinsel,​ Unterwäsche,​ Schuhputzzeug,​ Hammer, Lot und Wasserwaage und scheniegeln ((Arbeiten, von Schinagole (jidd. = Schubkarre))) bei Krautern ((Krauter wird der Handwerksmeister genannt, insbesondere der zunftlose auf dem freien Land)). Etwa 3000 organisierte Gesellen gab es 1985: sie dürfen keine dreißig Jahre alt sein, weder verheiratet noch vorbestraft,​ dürfen keine Schulden haben, sollen charakterfest im Umgang mit Alkohol sein. Sogar eine „Confédération Compagnonnages“ der europäischen Gesellenzünfte gibt es.\\ 
 Und die andere Seite, die Vagabunden, Berber, Landstreicher?​ Ihre Zahl nimmt zu, entsprechend der Arbeitslosenquote. 1971 lebte ein Reporter eine Woche lang als Penner, schlief im Düsseldorfer Nachtasyl der Franziskaner und in der Hamburger Mönckebergstraße. Acht Tage Betteln brachten ihm 31,88 Mark ein. Und die Gespräche im Asyl hätten auch 50 Jahre früher stattfinden können. Der eine will in den Süden, nach Spanien, //wo´s warm is´.// Eine Nutte schüttet sich die Bierreste aus den Gläsern zusammen, den //​Klapperschluck//​. ((Klappern bedeutet im rotwelschen betteln.)) 1975 ziehen wieder zwei Reporter mit den Pennern los. Da treffen sie dann beispielsweise den Ex-Söldner,​ der jedes Jahr sechs- bis achtmal kreuz und quer durch Deutschland zieht, zu Fuß, per Anhalter oder mit Zug und „Bahnbenutzungsgenehmigung“ des Sozialamtes,​ von einer der 700 Herbergen zur nächsten. Und sie werden immer noch „abgebient“,​ nach Läusen untersucht. In der Celler Herberge zur Heimat will der Diakon 1,30 Mark pro Nacht und für die Flasche Bier 1,10. Gegessen wird auf Kommando: nach sieben Minuten sind Graupensuppe und Brot verschlungen. Am nächsten Tag geht es weiter, denn in den meisten Herbergen darf man nur alle sechs bis zwölf Monate übernachten. //„Die meisten von uns wollen nicht auf die Straße, sie müssen - weil sie vor sich selbst und den anderen auf der Flucht sind. Deshalb sind die meisten Berber ((Mit Berber werden seit ein, zwei Jahrzehnten die modernen Landstreicher und Vagabunden bezeichnet. Es scheint eine Neuschöpfung des Rotwelschen zu sein.)) Einzelgänger,​ die keinem trauen.“//​ ((Holzach)) \\  Und die andere Seite, die Vagabunden, Berber, Landstreicher?​ Ihre Zahl nimmt zu, entsprechend der Arbeitslosenquote. 1971 lebte ein Reporter eine Woche lang als Penner, schlief im Düsseldorfer Nachtasyl der Franziskaner und in der Hamburger Mönckebergstraße. Acht Tage Betteln brachten ihm 31,88 Mark ein. Und die Gespräche im Asyl hätten auch 50 Jahre früher stattfinden können. Der eine will in den Süden, nach Spanien, //wo´s warm is´.// Eine Nutte schüttet sich die Bierreste aus den Gläsern zusammen, den //​Klapperschluck//​. ((Klappern bedeutet im rotwelschen betteln.)) 1975 ziehen wieder zwei Reporter mit den Pennern los. Da treffen sie dann beispielsweise den Ex-Söldner,​ der jedes Jahr sechs- bis achtmal kreuz und quer durch Deutschland zieht, zu Fuß, per Anhalter oder mit Zug und „Bahnbenutzungsgenehmigung“ des Sozialamtes,​ von einer der 700 Herbergen zur nächsten. Und sie werden immer noch „abgebient“,​ nach Läusen untersucht. In der Celler Herberge zur Heimat will der Diakon 1,30 Mark pro Nacht und für die Flasche Bier 1,10. Gegessen wird auf Kommando: nach sieben Minuten sind Graupensuppe und Brot verschlungen. Am nächsten Tag geht es weiter, denn in den meisten Herbergen darf man nur alle sechs bis zwölf Monate übernachten. //„Die meisten von uns wollen nicht auf die Straße, sie müssen - weil sie vor sich selbst und den anderen auf der Flucht sind. Deshalb sind die meisten Berber ((Mit Berber werden seit ein, zwei Jahrzehnten die modernen Landstreicher und Vagabunden bezeichnet. Es scheint eine Neuschöpfung des Rotwelschen zu sein.)) Einzelgänger,​ die keinem trauen.“//​ ((Holzach)) \\ 
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   * Der Flexibilität in der Lebensplanung,​ der Offenheit der Lebensführung,​ der Phantasie bezüglich des Lebensstils steht die Unsicherheit bezüglich des Lebensweges,​ die Ziellosigkeit und Sinnlosigkeit gegenüber.   * Der Flexibilität in der Lebensplanung,​ der Offenheit der Lebensführung,​ der Phantasie bezüglich des Lebensstils steht die Unsicherheit bezüglich des Lebensweges,​ die Ziellosigkeit und Sinnlosigkeit gegenüber.
   * Freiheit von sozialen Bindungen und Ungebundenheit gegenüber anderen Menschen kann gesellschaftliches Außenseitertum bedeuten und zur Unfähigkeit zu sozialen Beziehungen führen.   * Freiheit von sozialen Bindungen und Ungebundenheit gegenüber anderen Menschen kann gesellschaftliches Außenseitertum bedeuten und zur Unfähigkeit zu sozialen Beziehungen führen.
-Den drohenden Gefahren hat die Gesellschaft bereits früh entgegengesteuert. Die soziale Kontrolle übernimmt die Polizei, deren Aufgabe es ist, dem völligen Verfall sozialer Bindungen durch Druck und Strafe entgegenzusteuern:​ Papiere sind nötig zur Identifikation,​ Betteln und Platte reißen ((Platte reißen ist jede Form der Übernachtung in der Natur, außerhalb von Gebäuden)) sind verboten, Bemühungen zur Arbeitssuche werden in den Papieren dokumentiert ebenso wie Übernachtungen in Herbergen.+Den drohenden ​[[wiki:​gefahr|Gefahren]] hat die Gesellschaft bereits früh entgegengesteuert. Die soziale Kontrolle übernimmt die Polizei, deren Aufgabe es ist, dem völligen Verfall sozialer Bindungen durch Druck und Strafe entgegenzusteuern:​ Papiere sind nötig zur Identifikation,​ Betteln und Platte reißen ((Platte reißen ist jede Form der Übernachtung in der Natur, außerhalb von Gebäuden)) sind verboten, Bemühungen zur Arbeitssuche werden in den Papieren dokumentiert ebenso wie Übernachtungen in Herbergen.
 Ein minimales soziales Netz wird aufrechterhalten,​ z.B. durch Meister, Innungsherbergen,​ Gesellenheime für die Handwerksgesellen;​ durch Asyle, Verpflegungsgutscheine,​ Pflicht zur Obdachlosenbetreuung,​ kirchliche Herbergen für die Vagabunden.\\ ​ Ein minimales soziales Netz wird aufrechterhalten,​ z.B. durch Meister, Innungsherbergen,​ Gesellenheime für die Handwerksgesellen;​ durch Asyle, Verpflegungsgutscheine,​ Pflicht zur Obdachlosenbetreuung,​ kirchliche Herbergen für die Vagabunden.\\ ​
 Es besteht ein Zusammenhalt innerhalb des fahrenden Volkes durch eine gemeinsame Kundensprache,​ durch Verhaltensregeln,​ einen Ehrenkodex und ausgeprägte Kameradschaft. Eine Hierarchisierung der Heimatlosen in unterschiedliche Gruppen (Speckjäger,​ Dirnen, Vagabunden, Kunden) mit unterschiedlichem Ansehen führt zu eigenen sozialen Strukturen. Es besteht ein Zusammenhalt innerhalb des fahrenden Volkes durch eine gemeinsame Kundensprache,​ durch Verhaltensregeln,​ einen Ehrenkodex und ausgeprägte Kameradschaft. Eine Hierarchisierung der Heimatlosen in unterschiedliche Gruppen (Speckjäger,​ Dirnen, Vagabunden, Kunden) mit unterschiedlichem Ansehen führt zu eigenen sozialen Strukturen.
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 ==== Mathias Ludwig Schroeder ==== ==== Mathias Ludwig Schroeder ====
  
-(* 1904) hat die Volksschule besucht, dann eine Lehre als Installateur beendet. Die erste Gelegenheit nimmt er wahr, um auf Walz zu gehen. Es hält ihn nichts in Trier, das Elternhaus flieht er. Sein Vater ist Arbeiter und hat wieder geheiratet, nachdem seine Mutter bereits 1917 gestorben ist - und auch mit dem Vater verbindet ihn anscheinend nicht viel. So macht er sich achtzehnjährig etwa Mitte 1922 auf den Weg, zunächst nach Köln. Ihn faszinieren die vielen unterschiedlichen Menschen auf der Straße, auch wenn sie ihn ausnützen oder betrügen. Er sucht und findet Arbeit in Solingen (im Pumpwerk Elb) und arbeitet dort etwa ein Jahr, bis die Weltwirtschaftskrise ihn in die Arbeitslosigkeit wirft. Hamburg, München, Friedrichshafen,​ Konstanz, Ludwigshafen,​ Ingolstadt, Eichstädt, Nürnberg, Coburg, Halle, Potsdam, Berlin, Hamm, Unna sind die weiteren Stationen seiner Reise. Immer wieder versucht er Arbeit zu erhalten, doch es gelingt ihm nicht. So rutscht er langsam tiefer und die etwa vier Monate seiner Wanderschaft sind eine stete Gratwanderung zwischen seinem Verständnis als Handwerksburschen und der Lust, die er der Wanderung verdankt. Dabei fühlt er immer wieder die Gefahr abzurutschen,​ auf der Landstraße zu bleiben, nicht mehr zurück zu können. Anfangs kann er nicht betteln, ist aber bald ein Profi. Er fühlt sich zuhause auf der Landstraße:​ Vielleicht ist das der Grund, daß er seine Wanderung nach etwa vier Monaten abbricht und im Dezember 1923 wieder nach Solingen zurückkehrt. Er ist mit dem Schriftsteller Heinrich Lersch gut befreundet und fängt selber 1932 an zu schreiben: humoristische Arbeitergeschichten,​ Jugendbücher und sein Erinnerungsbuch an seine Wanderschaft.Später lebt er in Hilden/​Rhld.+(* 1904) hat die Volksschule besucht, dann eine Lehre als Installateur beendet. Die erste Gelegenheit nimmt er wahr, um auf Walz zu gehen. Es hält ihn nichts in Trier, das Elternhaus flieht er. Sein Vater ist Arbeiter und hat wieder geheiratet, nachdem seine Mutter bereits 1917 gestorben ist - und auch mit dem Vater verbindet ihn anscheinend nicht viel. So macht er sich achtzehnjährig etwa Mitte 1922 auf den Weg, zunächst nach Köln. Ihn faszinieren die vielen unterschiedlichen Menschen auf der Straße, auch wenn sie ihn ausnützen oder betrügen. Er sucht und findet Arbeit in Solingen (im Pumpwerk Elb) und arbeitet dort etwa ein Jahr, bis die Weltwirtschaftskrise ihn in die Arbeitslosigkeit wirft. Hamburg, München, Friedrichshafen,​ Konstanz, Ludwigshafen,​ Ingolstadt, Eichstädt, Nürnberg, Coburg, Halle, Potsdam, Berlin, Hamm, Unna sind die weiteren Stationen seiner Reise. Immer wieder versucht er Arbeit zu erhalten, doch es gelingt ihm nicht. So rutscht er langsam tiefer und die etwa vier Monate seiner Wanderschaft sind eine stete Gratwanderung zwischen seinem Verständnis als Handwerksburschen und der Lust, die er der Wanderung verdankt. Dabei fühlt er immer wieder die [[wiki:​gefahr|Gefahr]] abzurutschen,​ auf der Landstraße zu bleiben, nicht mehr zurück zu können. Anfangs kann er nicht betteln, ist aber bald ein Profi. Er fühlt sich zuhause auf der Landstraße:​ Vielleicht ist das der Grund, daß er seine Wanderung nach etwa vier Monaten abbricht und im Dezember 1923 wieder nach Solingen zurückkehrt. Er ist mit dem Schriftsteller Heinrich Lersch gut befreundet und fängt selber 1932 an zu schreiben: humoristische Arbeitergeschichten,​ Jugendbücher und sein Erinnerungsbuch an seine Wanderschaft.Später lebt er in Hilden/​Rhld.
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   - //Alle Achtung: Männer! 8 Werkmannsgeschichten//​. Langen/​Müller. München. 1936. 60 S. kl. 8°. (45. Tsd. Ex. bis 1943)\\ ​   - //Alle Achtung: Männer! 8 Werkmannsgeschichten//​. Langen/​Müller. München. 1936. 60 S. kl. 8°. (45. Tsd. Ex. bis 1943)\\ ​
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 ==== Alois Zettler ==== ==== Alois Zettler ====
  
-(* 9.10.1854, + 9.10.1942) wandert vier Jahre, von 1872 bis 1876, durch Deutschland (München-Frankfurt),​ Schweiz, Italien, Österreich-Ungarn,​ (Zürich-Genf),​ Tschechei, Frankreich, England und die USA. Dabei sucht er gezielt Stellen, bei denen er als gelernter Elektrotechniker Neues lernen kann, unter anderem arbeitet er bei Edison. Er findet immer Arbeit in Europa und verdient gut, sein Glück verläßt ihn jedoch in Amerika: //„Es will mir nicht gelingen, eine Arbeit zu finden. ... Geld brauche ich ganz dringend. Ich hungere schon seit Tagen.“// ((Zettler, S. 91)) Zettler paßt sich an und springt auch auf Züge auf. ((Zettler, S. 103)) Auszüge aus seinem Reisetagebuch werden 100 Jahre nach seiner Reise erstmals herausgegeben und vernachlässigen gerade die reisepraktischen Hinweise, sind also für diesen Beitrag wenig ergiebig. Er reist gezielt, weiß, was er will, und nutzt seinen Mut, seine Energie und sein Wissen, indem er ein Jahr nach seiner Rückkehr eine eigene Firma gründet, die heute noch existiert. Damit hatte die Walz ihren Zweck für ihn erfüllt: //„Das Tagebuch ist gefüllt, meine Wanderjahre sind zu Ende. Was wird die Zukunft mir bringen?​“//​ ((Zettler, S. 119))+(* 9.10.1854, + 9.10.1942) wandert vier Jahre, von 1872 bis 1876, durch Deutschland (München-Frankfurt),​ Schweiz, Italien, Österreich-Ungarn,​ (Zürich-Genf),​ Tschechei, Frankreich, England und die USA. Dabei sucht er gezielt Stellen, bei denen er als gelernter Elektrotechniker Neues lernen kann, unter anderem arbeitet er bei Edison. Er findet immer Arbeit in Europa und verdient gut, sein Glück verläßt ihn jedoch in Amerika: //„Es will mir nicht gelingen, eine Arbeit zu finden. ... Geld brauche ich ganz dringend. Ich hungere schon seit Tagen.“// ((Zettler, S. 91)) Zettler paßt sich an und springt auch auf Züge auf. ((Zettler, S. 103)) Auszüge aus seinem Reisetagebuch werden 100 Jahre nach seiner Reise erstmals herausgegeben und vernachlässigen gerade die reisepraktischen Hinweise, sind also für diesen Beitrag wenig ergiebig. Er reist gezielt, weiß, was er will, und nutzt seinen Mut, seine Energie und sein [[wiki:​wissen|Wissen]] , indem er ein Jahr nach seiner Rückkehr eine eigene Firma gründet, die heute noch existiert. Damit hatte die Walz ihren Zweck für ihn erfüllt: //„Das Tagebuch ist gefüllt, meine Wanderjahre sind zu Ende. Was wird die Zukunft mir bringen?​“//​ ((Zettler, S. 119))
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 |4|[[wiki:​Flucht|Fluchtreisen]],​ u.a. Harrer|Trotter 78|1995| |4|[[wiki:​Flucht|Fluchtreisen]],​ u.a. Harrer|Trotter 78|1995|
 |5|Die Reisen des Arthur Heye|Trotter 79|1995| |5|Die Reisen des Arthur Heye|Trotter 79|1995|
-|6|Künstlername Rox|Trotter 80|1996|+|6|[[wiki:rox|Künstlername Rox]]|Trotter 80|1996|
 |7|[[wiki:​fussreisen|Geschichte der Fußreisen]]|Trotter 93|1999| |7|[[wiki:​fussreisen|Geschichte der Fußreisen]]|Trotter 93|1999|
  
wiki/walz.1555130598.txt.gz · Zuletzt geändert: 2019/04/13 06:43 von norbert